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Will eigentlich niemandem gefallen außer sich selbst: Bundestrainer Joachim Löw.

Joachim Löw

Stoisch im Auge des Sturm

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Bundestrainer Joachim Löw will sich treu bleiben und sich von der medial geschürten Unruhe ums DFB-Team nicht treiben lassen: Ich sage es so, wie ich es denke“. Ob sein Weg der richtige ist, kann erst der nächste Sommer zeigen.

Der Herbststurm 2020 gegen Joachim Löw fühlt sich fast so eisig an wie nach dem WM-Aus im Herbst 2018. „Eine Trainerdiskussion, wie sie in der Bundesliga längst fällig wäre, übersteigt die Kräfte des DFB“, schreibt die „FAZ“. Als „dünnhäutig und selbstgerecht“ nimmt der „Kicker“ die Reaktion des 60-Jährigen auf allfällige Kritik der vergangene Tage und Wochen wahr. Viel von dem schönen Vertrauen, das sich Löw über Jahrzehnte verschafft hat, scheint nun aufgebraucht. Was bis zum Sommer 2018 noch als souverän interpretiert wurde, wird inzwischen als arrogant ausgemacht.

Der DFB reagierte am Montag und verschob die ursprünglich für den späten Nachmittag angesetzte Pressekonferenz mit dem Bundestrainer vor dem Spiel der Nations League gegen die Schweiz in Köln (20.45 Uhr/ARD) auf den frühen Mittag. Denn es geht vor dem Geisterspiel ohne Zuschauer auch um Kommunikationshoheit in stürmischen Zeiten.

Was passiert da gerade mit dem Bundestrainer? Am Freitag vor dem 2:1-Sieg in der Ukraine und am Samstag gleich nach dem Spiel hatte er das Murren einiger der zum Retro-Date in der Toskana versammelten Altstars um Lothar Matthäus nach Art des Hauses Löw abmoderiert. Freitag nach der Landung: „Mir ist völlig egal, wer was wie sagt.“ Samstag vorm Abflug: „Ich stehe über den Dingen, was Kritik angeht.“

Das mag arrogant klingen, ähnlich erhaben, wie es seinerzeit wirkte, als Löw sich an der Strandpromenade von Sotschi an eine Laterne lehnte, ganz so, als kümmere ihn die Unruhe nach dem seinerzeit verkorksten WM-Auftakt nicht die Bohne. Es ist seine Art, es so lange auszuhalten in diesem Job. Ohne diese Fähigkeit, im Auge des Sturms die Richtung beizubehalten, wäre er nie Weltmeister geworden mit einer Truppe, die vor der WM noch aus invaliden Führungskräften bestand. Neuer, Schweinsteiger, Khedira, Lahm – alle damals nicht fit. Löw blieb cool.

Am Montag bei der vorgezogenen Pressekonferenz sagte er, es gäbe genau einen Gradmesser für das, was er gerade tue: „Nächstes Jahr eine frische, hungrige Mannschaft“ bei der EM aufs Feld zu bringen, „die auch mental in der Lage ist, ein Klasseturnier zu spielen.“ Die Kritik aus der Toskana, zudem die vom TV-Experten Basti Schweinsteiger, die der Medien und Fans? „Okay, es gibt viele Meinungen in Deutschland, damit habe ich kein Problem.“ Wenn jemand sage, „der Löw ist arrogant oder dünnhäutig, dann kann er das tun“. Er selbst würde sich „so nicht bezeichnen“. Was Menschen, die ihn gut kennen, bestätigen: Es stimmt, der Jogi lebt in seiner eigenen Welt, zuverlässig unzuverlässig im Zeitmanagement, aber stets zugänglich und verbindlich. Oder eben gerade nicht erreichbar.

Löws mitunter irritierende Entrücktheit ist ein schmaler Grat. Der 60-Jährige ist auf alle Fälle keiner, der sich verstellt, um irgendjemand anderem als sich selbst zu gefallen: „Ich sage, was ich denke.“ Und es ist auch eine nicht immer ganz faire Betrachtung, die der Bundestrainer da gerade ertragen muss. Dieselben Leute, die nach dem Aus bei der WM 2018 in Russland Zeter und Mordio schrien, weil Löw danach erstens blieb und zweitens die meisten Alten (bis auf Khedira und Gomez) zunächst treu dabei behielt, schimpfen jetzt andersrum. Dass er Müller, Hummels, Boateng rauswarf, zugegeben nicht sehr elegant, um die Jungen voranzutreiben, ist nun auch wieder nicht Recht.

Aber wäre es tatsächlich klug, wenn Löw das Leistungsprinzip wieder installieren würde? Dann müsste er einen oder zwei der drei Verbannten wieder in Gnaden aufnehmen. Boateng oder Hummels sind nicht schlechter als Robin Koch. Müller ist nicht schlechter als Julian Draxler. Aber Löw hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass es ihm mit dem dreifachen Abschied, der ihm selber ja auch wehtat, um ein Aufbrechen der Hierarchien ging. Darum, dass die Jüngeren Luft zum Wachsen bekommen. Das ist anfangs nicht schlecht angelaufen, hat zuletzt aber nicht so funktioniert wie erhofft. Ist daran möglicherweise die Corona-Pandemie, die auch dem Bundestrainer psychisch zugesetzt haben könnte, mehr Schuld als Joachim Löw?

Es besteht jedenfalls der Verdacht, dass die Leute zunehmend genervt sind - von der sozialen Isolation, vom feuchten Wetter im Herbst, von Geisterspielen, vom DFB, vom Profifußball an sich, von dem sie eine seltsame persönliche Entfremdung spüren, von den hochstehenden Außenverteidigern Klostermann und Halstenberg, die ja eigentlich gute Abwehrspieler sind und keine verkappten Außenstürmer – und am Ende bekommt alles zusammen der arme Jogi Löw ab. Der sieht aus der Ferne der virtuellen Pressekonferenzen so aus, als ginge es ihm dabei nicht gut.

Und er ahnt ja auch: Was würden die jungen Spieler in seinem Kader denken, wenn er plötzlich alles wieder über den Haufen würfe? Müller, Hummels, Boateng zurück – drei andere dafür ins zweite Glied. Sich dem Druck der Öffentlichkeit oder den Stars von vorgestern zu beugen, würde seiner Glaubwürdigkeit im Team schaden. Aber Löw denkt nicht in diesen Kategorien. Er tut einfach, was er für richtig hält. Im nächsten Sommer wird abgerechnet. Falls das Virus es erlaubt. (Von Jan Christian Müller)

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