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Der stille Anführer

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Von: Matti Lieske

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Sicherer Rückhalt der Franzosen: Hugo Lloris.
Sicherer Rückhalt der Franzosen: Hugo Lloris. © AFP

Die französische Abwehr weist einige Anfälligkeiten auf- kann sich aber auf ihren Torwart und Kapitän Hugo Lloris verlassen.

Das EM-Turnier begann für Frankreich und insbesondere den Torhüter der Nationalmannschaft mit einer gehörigen Schrecksekunde. Keine vier Minuten waren in der Auftaktpartie gespielt, da kam Rumäniens Bogdan Stancu wenige Meter vor Hugo Lloris ungehindert zum Schuss. Nur dessen blitzschneller Reflex verhinderte, dass die ohnehin komplizierte Partie, welche die Gastgeber erst durch ein Tor kurz vor Schluss 2:1 gewannen, noch sehr viel komplizierter wurde. Mit einer ähnlichen Reaktion vereitelte Lloris am vergangenen Sonntag im Viertelfinale einen dritten Treffer der Isländer. Auch der hätte für unangenehme Momente sorgen können, obwohl die Franzosen bei Halbzeit schon 4:0 geführt hatten. „Natürlich haben sie nach der Pause etwas zurückgeschaltet“, sagte Islands Trainer Lars Lagerbäck nach dem Spiel, das schließlich 5:2 endete, „aber die beiden Tore wollten sie bestimmt nicht kassieren.“

Erst vier Treffer hat Lloris bei dieser EM hinnehmen müssen, die ersten beiden waren die Elfmeter gegen Rumänien und beim 2:1 im Achtelfinale gegen Irland. Sowohl die ungeschickt verursachten Strafstöße nach vorhergehenden Abwehrfehlern, als auch die beiden isländischen Treffer waren jedoch Indizien dafür, dass beim Spiel gegen Deutschland in Marseille sehr viel mehr Arbeit auf den Torhüter zukommen dürfte als in den bisherigen Partien gegen Kontrahenten mit sehr viel weniger offensivem Drohpotenzial, die den Weg der Gastgeber kreuzten: Rumänien, Albanien, Schweiz, Irland und Island. „Klar haben die Franzosen eine Chance gegen die Deutschen“, sagte Lagerbäck, „sie haben unglaublich viele Varianten im Angriff.“ Von der Abwehr sprach er lieber nicht.

Diese ist der wunde Punkt bei Les Bleus. Deutlich wurde das daran, dass gegen Island anstelle des gesperrten Innenverteidigers Adil Rami der junge Samuel Umtiti sein Debüt im französischen Team gab. Noch vor einigen Wochen war der talentierte 22-Jährige, der gerade für rund 25 Millionen Euro zum FC Barcelona wechselte, vielleicht die Nummer acht oder neun auf seiner Position. Auch Rami hatte vermutlich schon seinen Sommerurlaub gebucht. Doch dann fiel ein Verteidiger nach dem anderen aus, von Real Madrids Raphael Varane über Barcelonas Jeremy Mathieu bis zu Liverpool Mamadou Sakho, der wegen Dopings gesperrt wurde. Und auf einmal waren Spieler im Kader, an die niemand gedacht hatte. Immerhin machte Umtiti seine Sache nicht schlecht, obwohl er beim ersten isländischen Tor einen Schritt zu spät kam, und in Frankreich wird spekuliert, ob Rami, der Mann vom FC Sevilla, seinen Platz neben Arsenals Laurent Koscielny zurückbekommt oder Trainer Didier Deschamps am spielerisch besseren Umtiti festhält.

Die Entscheidung wird wohl erst nach dem Abschlusstraining gefallen sein, das nicht im Stade Vélodrome stattfinden konnte, weil der Rasen geschont werden sollte. Die Franzosen wichen ins Trainingszentrum von Olympique Marseille aus, die Deutschen taten das wohlweislich nicht, es ist nämlich nach Robert-Louis Dreyfus benannt – jenem windigen Unternehmer, der in die Affäre um die Vergabe der WM 2006 verwickelt war. Sie übten lieber noch in Évian. Bei den Franzosen jedenfalls wurde erwartet, dass sich Deschamps für die Erfahrung, also Rami, entscheidet, ebenso wie bei der linken Verteidigerposition, einem anderen Problemfeld. Da machte der 35-jährige Patrice Evra bisher alles andere als eine gute Figur. Gegen Rumänien verursachte er den Elfmeter, gegen Island war er an beiden Gegentreffern beteiligt, einmal verhinderte er die Flanke nicht, dann ließ er Birkir Bjarnason entwischen. Hinzu kamen viele Ballverluste und verlorene Zweikämpfe. Ein Alternative wäre Lucas Digne vom AS Rom, doch auch da spricht die Erfahrung für den Routinier von Juventus Turin.

Viel wird für die Franzosen in jedem Fall von Lloris abhängen, der einer der ruhigsten und unauffälligsten Vertreter seiner Zunft ist. Längst bekleidet der 29-Jährige das Kapitänsamt im französischen Team, und zwar so lange wie niemand vor ihm, weder Michel Platini, noch Zinédine Zidane und auch nicht Didier Deschamps, den Lloris während der EM überholte. 54 Mal hatte der heutige Trainer die Binde getragen, der Torhüter steht vor seinem 57. Match als Kapitän. Kurios ist, dass sein Vorgänger immer noch im Team steht. Das war Patrice Evra, der das Amt nach der Spielerrevolte bei der WM 2010 verlor. „Danach brauchten wir jemanden, der Demut besitzt, und er war da beispielhaft“, erzählte Rechtsverteidiger Bacary Sagna der spanischen Zeitung „El País“. Ein Kapitän habe Verantwortung auf dem Feld und abseits davon, sagt Lloris selbst, „aber die Hauptsache ist, dass er von der Gruppe akzeptiert wird.“ Das sei gewiss der Fall, sagt Sagna: „Er redet nicht viel, aber wenn wir ihn benötigen, ist er da.“

Ein Charakteristikum, das auch bei seinem Klub Tottenham Hotspur hochgeschätzt wird, wo Lloris vom Coach Mauricio Pochettino ebenfalls zum Captain ernannt wurde. Begonnen hat seine Karriere bei OGC Nizza, schon als Zehnjähriger kam er zum Klub und beeindruckte bereits in der Jugend durch seine Reaktionen, seine Ruhe und seine Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, was ihn bis heute auszeichnet. Lloris war auch ein begabter Tennisspieler, und es überrascht kaum, dass er den Schweiger Pete Sampras zum Vorbild hatte. 2008 ging er zu Olympique Lyon, wo er Gregory Coupet ablöste, der dort zwölf Jahre lang im Tor gestanden hatte. Wie es das Schicksal wollte, war es die erste Saison seit neun Jahren, in der Lyon nicht Meister wurde. Typisch für die Karriere von Hugo Lloris. Außer einem französischen Pokal hat er noch nichts gewonnen, zuletzt ging Tottenham im Titelrennen mit Leicester City am Ende die Luft aus.

Zum Londoner Klub war er 2012 gekommen, zunächst konnte er überraschenderweise nicht immer überzeugen und war zeitweise nur Reservist hinter dem Amerikaner Brad Friedel. Doch er setzte sich durch. „Er ist einer der besten Torhüter der Welt“, sagt Pochettino. In der französischen Nationalmannschaft debütierte er 2008 und hat inzwischen 80 Spiele bestritten. Ein bisschen untergegangen ist der große Anteil, den er daran hatte, dass die Franzosen überhaupt zur WM nach Südafrika fahren und dort gegen den ungeliebten Coach Raymond Domenech rebellieren konnten. Nach den Playoffs gegen Irland redete alles vom Handspiel Thierry Henrys vor dem entscheidenden Treffer, vorher waren es aber vor allem einige Glanzparaden von Lloris, die Frankreich überhaupt im Spiel hielten. Die werden auch gegen Deutschland nötig sein, um weiter vom ersten großen Triumph seiner Karriere träumen zu dürfen.

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