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Schwere Aufgabe: Der designierte DFB-Präsident Fritz Keller steht vor dem Spiel auf der Tribüne. 

Zwei Länderspiele und ein Bundestag

Der DFB steht am Scheideweg

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Der vielgeschmähte Deutsche Fußball-Bund krabbelte lange im sportlichen und sportpolitischen Krisenmodus herum - die nächsten Tage und Wochen sind richtungsweisend, ob er tatsächlich den Weg heraus findet.

Die Monate August und September 2019 sind für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) von besonderer Bedeutung. Das betrifft das, was in den nächsten Tagen im Hamburger Volksparkstadion und im Belfaster Windsor Park in Fußballschuhen passiert. ebenso wie das Sportpolitische, in dessen Zentrum im August Berlin stand und im September Frankfurt am Main stehen wird. Die FR leuchtet die gespannte Situation aus.

Wie steht’s um die Nationalmannschaft?
Die traf sich am Montag im besten und teuersten Haus am Platz, dem Hamburger Fünf-Sterne-Hotel Fontenay, das sich im Besitz des knorrigen HSV-Investors und Multimilliardärs Klaus-Michael Kühne befindet. Die beiden EM-Qualifikationsspiele am Freitag (20.45 Uhr, RTL) gegen die Niederlande und am Montag darauf gegen Nordirland sind laut Bundestrainer Joachim Löw „richtungsweisend“: Da hat er Recht. Zwei Niederlagen gegen den derzeitigen Dritten und beim noch ungeschlagenen Tabellenführer wären mehr als ein Stimmungskiller – sie würden gar die Teilnahme an der EM-Endrunde 2020 mit zwei fix geplanten Heimspielen in München gefährden.

Wie ist der Bundestrainer drauf?
Offenbar vollständig genesen von seiner Arterienquetschung in der Muckibude aus dem Mai, die seine Teilnahme an den beiden Qualifikationsspielen im Juni verbot. Löw schwitzte bei Ansicht der einseitigen Begegnungen in Weißrussland (2:0) und gegen Estland (8:0) auf dem heimischen Sofa eigenem Bekunden zufolge mehr als in der Coachingzone. „Es war für mich schwierig, nicht dabei sein zu können.“ Die verlässliche Arbeit von Assistent Marcus Sorg, die klasse Stimmung in der jungen Mannschaft und zweieinhalb Wochen Urlaub auf Sardinien haben dem 59-Jährigen sichtlich gutgetan. Löw wirkt kraftvoll. Die miese WM 2018 scheint Lichtjahre entfernt.

Was hat Löw mit seinem Team vor?
Er möchte das Punktesammeln mit einer sichtbaren Fortentwicklung verknüpfen und glaubt, das auch hinzukriegen. „Die Spieler haben richtig Bock.“ Den Spaß will er der Rasselbande nicht nehmen, gleichwohl mit dem gebotenen Ernst auf Defizite hinweisen: „Wir haben bei allen Spielern Verbesserungsbedarf.“ Deshalb wurden von den DFB-Analysten eigens Einzelprofile erstellt. Löw sieht eine Menge Steigerungspotenzial und erwartet auch von sich selbst, jeden einzelnen Spieler besser zu machen. Die allermeisten sind erst zwischen 22 und 24 Jahren alt, der Junior Kai Havertz gar erst 20. Löw vergleicht das mit seiner jungen Truppe aus dem Jahr 2010 nach der Verletzung von Michael Ballack: „Da war unsere Mannschaft auch noch nicht auf dem absoluten Topniveau, aber auf dem Weg dorthin. Die Ansätze sind auch jetzt wieder da.“

Was hält Löw vom Niveau der Bundesliga?
Hmm. Er äußert sich öffentlich zwar zurückhaltend, aber wer ihn kennt, der spürt, dass ihm manche Entwicklung nicht gefällt. Er habe „positive Beispiele“ gesehen, aber auch „absolute Auffälligkeiten, wo wir umdenken müssen“. Seine Scouts haben bei der Copa America genau hingeschaut, „was auf diesem Niveau passiert und was man dagegen tun kann“. Löw möchte in der Bundesliga mehr spielerische Lösungen sehen, besseres Positions- und Passspiel. Weniger Bolzball. Der Teufel liegt im Detail: Er hat sich deshalb eigens aus der DFB-Analyseabteilung Videos über das neue Anlaufverhalten bei Abstößen zukommen lassen, die seit dieser Saison nicht mehr aus dem Strafraum herausgespielt werden müssen. Also der Löw, nicht der Teufel.

Was passiert in Hamburg sonst noch im Umfeld des Länderspiels?
Der DFB hat Top-Experten aus Medizin, Athletik, Datenanalyse, Talent- und Trainerentwicklung zur Innovationswoche geladen. Es geht darum, den Fußball weiterzuentwickeln. Auch ein Innovationspreis wird vergeben. In einer sogenannten Denkfabrik (Thinktank) werden Männer wie Thomas Hitzlsperger (Stuttgart), Jonas Boldt (Hamburger SV) und Simon Rolfes (Leverkusen) zentrale Herausforderungen der Fußballpraxis diskutieren. Außerdem findet am Freitag sowohl die Preisverleihung der besten Nachwuchsspieler mit den Fritz-Walter-Medaillen und die Ehrung der engagiertesten ehrenamtlichen Vereinsvertreter des Jahres statt. Man sieht: Der vielkritisierte DFB ist rührig wie nie zuvor.

Was tut der DFB sonst noch für sein lädiertes Ansehen?
In Hamburg wird erstmals der designierte DFB-Präsident Fritz Keller auf der Tribüne sitzen. Der 62-Jährige ist als Vorstandsmitglied sowieso zu jedem Länderspiel geladen und wird sich sicher nicht ins Rampenlicht schieben. Derzeit verwaltet vor allem Vize Rainer Koch das nach dem Rücktritt von Reinhard Grindel seit Anfang April verwaiste Amt. Der Bayer Koch möchte als Nachfolger von Grindel im nächsten März beim Uefa-Meeting in Amsterdam in die Uefa-Exekutive befördert und von der Uefa in das Fifa-Council entsendet werden. Da kann es gewiss nicht schaden, bei Uefa-Boss Aleksander Ceferin ein wenig zu antichambrieren. Ceferin wird in Hamburg die Ehrentribüne zieren. Koch, international sehr ordentlich vernetzt, wenn auch nicht in den ganz hohen Gefilden, dürfte nicht weit entfernt ein Plätzchen finden. Seinen Brotberuf als Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht München will der 60-Jährige für die zusammen mit rund einer halben Million Euro pro Jahr dotierten internationalen Ämter komplett ruhen lassen. Das rechnet sich.

Wie gut kann Keller mit Löw?
Gelegentlich haben die beiden Freiburger schon einen Kaffee miteinander getrunken. Löw lobt den baldigen DFB-Chef, auch weil dieser „sich im sportlichen Bereich nicht in den Vordergrund drängt“. Keller weiß, wie Löw tickt und daher gewiss auch, dass dem Bundestrainer fast nichts so sehr missfällt wie ein Präsident, der ständig mit dem Social-Media-Team des Verbands beim Training vorbeischaut, um sich selbst in Szene zu setzen. Noch ist der „mit Abstand beste Kandidat“ (Rainer Koch) ja ohnehin nicht Chef des Ganzen. Wenn es am 27. September so weit ist, wird laut Bundestrainer eine „gute Stimmung im DFB herrschen“, schließlich sei Keller ein ausgewiesener Teamplayer. Daraus lässt sich schließen, dass die Stimmung im DFB zuletzt mau war. 

Wie gut ist das Verhältnis DFB/DFL?
Einerseits besser als noch bis zu Grindels Abschied. Andererseits aber immer noch angespannt. Die Präsidentensuche lief einvernehmlich, was völlig neu ist. Kritik von kleinen Vereinen über fehlende Transparenz wurden kühl abgewehrt. Keller wurde auf einer gemeinsamen Pressekonferenz Mitte August in Berlin vorgestellt, die die Medienchefs von DFL und DFB gemeinsam leiteten. Die Stellwand zu dieser außergewöhnlichen Begebenheit war eigens mit den Emblemen beider Verbände bedruckt worden. Klingt nach bestem Einvernehmen. Aber: DFL-Chef Seifert ließ wenig Zweifel daran, dass die DFB-Tochter DFL sich von der Mutter nicht mehr viel sagen lässt. Grundtenor von Seiferts aktuellsten Äußerungen: Der DFB sei ineffizient organisiert und international schlecht vernetzt, ohnehin halte er die internationalen Ämter für „überschätzt“. Internationale Arbeit messe sich daran, „dass man in der Lage ist, Netzwerke aufzubauen“. Da habe der DFB „signifikant an Einfluss und Bedeutung verloren“. Vize Koch nahm die verbalen Peitschenhiebe mit versteinerter Miene zur Kenntnis. Der designierte DFB-Boss Keller wurde von Seifert bei dessen Fundamentalkritik ausdrücklich ausgenommen.

Wie wird Keller die Mammutaufgabe angehen?
Zunächst will er einen unabhängigen Vergütungsausschuss ins Leben rufen, der die Dotierung des DFB-Präsidiums transparent bestimmt und erklärt. Keller wird nun zeigen müssen, ob er ein starker Präsident werden kann, der sich bisweilen gegen den mächtigen Profifußball durchsetzt. Wer den Winzer von Weltruf näher kennt, traut ihm das sogar zu. Sehr gut an kam seine Ankündigung, er werde mit dem ICE und der S-Bahn aus Freiburg in die DFB-Verbandszentrale anreisen. Keller will „die Richtung vorgeben“ und dabei den Mitarbeitern mehr Freiheiten geben als sein Vorgänger. Die Gremienarbeit in Uefa und Fifa lehnte er mit Blick auf sein Zeitmanagement klugerweise dankend ab – und übertrug sie an Koch, der dankend annahm.

Dem neuen DFB-Chef wird die „Richtlinienkompetenz“ aus der Satzung gestrichen. Ist der DFB-Präsident, noch dazu ohne internationale Ämter, somit bloß noch eine lahme Ente?
Eine deutliche Antwort gibt mal wieder DFL-Chef Seifert: Die Debatte halte er für „unsinnig“. Denn: Wer, wie Kellers Vorgänger, auf „zu vielen Hochzeiten“ tanze, machte „alles nur zu fünf Prozent, am Ende sind die hundert Prozent weg und Sie haben kein Projekt zu Ende geführt.“ Und: „Die Richtlinienkompetenz war ein anderes Wort für „Alleinherrschaft“ mit „eiserner Hand“. Das sei eines der „Übel der vergangenen Jahre“ gewesen. Wumms, das saß!

Warum findet der DFB-Bundestag mit der Wahl von Keller schon im September statt und nicht, wie üblich, im Oktober?
Ursprünglich war der Bundestag auf den 25. Oktober 2019 datiert. Aber dann wäre Niedersachsens Verbandschef Günter Distelrath zu alt gewesen, um den aus Altersgründen ausscheidenden Eugen Gehlenborg (71) im Präsidium zu beerben. Laut Satzung müssen Präsidiumsmitglieder bei ihrer Wahl unter 70 sein. Trotz massiver Proteste vor allem der Bundesligavertreter im DFB-Präsidium wurde Nordlicht Distelrath, auch auf Betreiben des ebenfalls norddeutschen Ex-Präsidenten Grindel, als Kandidat aufgestellt und der Bundestag auf den 27. September vorverlegt. Denn: Anfang Oktober wird Distelrath 70. So etwas nennt man wohl Vetternwirtschaft inklusive neuerlichem Imageschaden.

Was passiert am Tag vor dem Bundestag?
Dann wird am frühen Nachmittag der Grundstein für die 150-Millionen-Investition DFB-Akademie an der alten Frankfurter Galopprennbahn gelegt. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich angesagt, worauf sie beim DFB besonders stolz sind. Der Spatenstich für den als „Leuchtturmprojekt“ des Verbands firmierenden Bau einer neuen Geschäftsstelle für 500 Mitarbeiter und eines Sportzentrums mit allem Pipapo auf 15 Hektar erfolgte Anfang Mai. Die Bagger sind längst angerollt, mehr als 70 000 Kubikmeter Erde wurden schon bewegt, die Baugrube ist nahezu vollständig ausgehoben, rund 45 Bauarbeiter sind im Einsatz. Der DFB will keine Verhältnisse wie in Katar: Die Bauarbeiter durften bei den jüngsten Hitzewellen deshalb schon mittags Feierabend machen. Dennoch ist laut DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius alles voll im Zeitrahmen.

Wie weit ist der strukturelle Umbau des DFB vorangekommen?

Am 1. Juli 2020, spätestens am 1. Januar 2021 soll sie abgeschlossen sein. Über die neue Struktur mit eindeutiger Trennung von gemeinnützigem Tun im e.V. sowie dem Geschäftsbetrieb in einer GmbH will der erfahrene Unternehmer Fritz Keller ein Wörtchen mitreden. Geplant ist, dass Generalsekretär Curtius sowohl den gemeinnützigen DFB e.V. operativ führt als auch als Geschäftsführer der wirtschaftlich ausgerichteten GmbH fungiert. Der Jurist Curtius würde damit der stärkste Mann im Verband. Präsident Fritz Keller würde ihn als künftiger Aufsichtsratschef kontrollieren.

Was passiert mit den Eliteschiedsrichtern?

Die Bundesliga zahlt pro Saison rund 20 Millionen Euro für die Einsätze der Unparteiischen und den Videokeller in Köln. Im DFB ist das viele Geld ein durchlaufender Posten, der direkt an die Referees weitergeleitet wird, DFL-Boss Seifert ist es schon seit vielen Jahren ein Dorn im Auge, dass die DFL keinen konkreten Einfluss auf die DFB-Eliteschiedsrichterkommission hat. Das soll sich ändern: In einer neu zu gründenden Schiri-GmbH soll die DFL 49-Prozent-Gesellschafter werden.

Wie steht es um die Vorbereitungen auf die EM 2020 und 2024?
Die neue Euro-GmbH mit Philipp Lahm als einer von zwei Geschäftsführern wurde im Juni in Mainz vorgestellt, peu à peu werden rund 300 Mitarbeiter eingestellt. Der DFB ist allerdings nur Juniorpartner der Uefa, die als Mehrheitsgesellschafter den Ton angibt. Nach dem Umzug des DFB in die neue Akademie soll die Euro-GmbH in die alte Verbandszentrale am Frankfurter Stadtwald einziehen.

Was hat der DFB wegen der Sommermärchenaffäre von den Finanzbehörden zu erwarten?
Schatzmeister Osnabrügge geht zuversichtlich davon aus, dass der Einspruch des DFB gegen die Versagung der Gemeinnützigkeit fürs Jahr 2006 durch das Finanzamt Frankfurt am Main Erfolg haben wird. Sollte es so kommen, müssten das Finanzamt dem Verband die gezahlten 22,57 Millionen Euro zuzüglich sechs Prozent Zins und Zinseszins zurücküberweisen. Geld, das der DFB gut gebrauchen könnte. Chancen: höchstens fifty-fifty.

Was ist mit dem Prozess gegen die Ex-Funktionäre Zwanziger, Niersbach und Schmidt vor dem Frankfurter Landgericht?
Zwar ist der DFB selbst nicht angeklagt, aber: Dass seine ehemaligen führende Köpfe sich 13 Jahre nach der WM in Deutschland doch vor Gericht verantworten müssen, ist allemal höchst unangenehm für den Verband, der seine düstere Vergangenheit doch endlich hinter sich lassen wollte. Der DFB hat sich möglichen Schadenersatz bei den alten Fahrensmännern vorbehalten.

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