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Balazs Dzsudzsak feiert seinen Treffer gegen Ungarn, der seiner Mannschaft den Einzug ins Achtelfinale ebnete.

Ungarn

Ständiger Unruheherd

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Balazs Dzsudzsak ist Kopf und Kapitän bei der Überraschungsmannschaft Ungarn. Fachleuten ist er seit längerem ein Begriff, gilt der 29-Jährige doch als bester Fußballer des Landes.

Bislang stehen die namhaften Repräsentanten, die im Auftrag des europäischen Fußballverbandes auserkoren sind, den jeweiligen Spieler des Spiels zu küren, nicht im Verdacht der Bestechlichkeit. Die Uefa lässt angeblich ehemaligen Kickern wie Angelos Charisteas oder Christian Karembeu völlig freie Hand. Weshalb bei dieser EM – anders als bei der vergangenen WM – nicht immer nur prominente Profis diese Wahl gewinnen.

Am vergangenen Mittwoch, nach einem vogelwilden 3:3 zwischen Portugal und Ungarn, war aber unweigerlich Cristiano Ronaldo an der Reihe. Weil der bekannteste auch der beste Spieler war. Gleichwohl: Hatte nicht auch die Nummer sieben auf der Gegenseite einen Preis verdient? Schließlich hatten auch die Magyaren einen Mann aufzubieten, der sich als zweifacher Torschütze und ständiger Unruheherd hervorgetan hatte. Gestatten, Balazs Dzsudzsak.

Fachleuten ist er seit längerem ein Begriff, gilt der 29-Jährige doch als bester Fußballer Ungarns. Er ist Kopf und Kapitän der Überraschungsmannschaft des deutschen Nationaltrainers Bernd Storck. Warum sonst ziert die ungarische Version des Computerspiels Fifa 14 auf dem Cover neben Lionel Messi sein Konterfei? Und 20 Tore in 80 Länderspielen kommen nicht als Zufallsprodukt daher. Wie der Außenstürmer nun gegen die Portugiesen nach innen zog und mit links à la Arjen Robben zwei abgefälschte Volltreffer erzielte, das löste nicht nur internationale Bewunderung aus, sondern auch nationale Begeisterungsstürme.

„Es war ein fantastischer Moment, wir können wirklich stolz sein, was wir von der ersten Minute an geleistet haben“, sagte Dzsudzsak danach. Als der aus Debrecen stammende Fußballer zu den eigenen Fans lief, purzelten Menschen mit entblößten Oberkörpern übereinander. Und auch der Nationalheld geriet ein wenig in Gefahr, weil sich die Mitspieler so enthemmt über ihm getürmt hatten. Letztlich ist alles noch gutgegangen.

Einziger Ausnahmespieler

Ungarn kann auf seinen einzigen Ausnahmespieler auch kaum verzichten. Denn das hohe individuelle Niveau, das beim Achtelfinalgegner Belgien am Sonntag (21 Uhr) auf vielen Positionen zu besichtigen ist, verkörpert eben nur der Rechtsaußen Dzsudzsak, ohne ihn in den Status eines Ferenc Puskas zu hieven. Solche Vergleiche seien ohnehin nicht hilfreich, findet Nationaltrainer Storck. „Wir haben sowieso einen großen Schatten mit der Puskas-Generation. Diese Mannschaft verdient es, dass man über sie spricht.“

Gegen den Mitfavoriten Belgien werden zuletzt wegen Gelb-Gefahr geschonte Kräfte wie Laszlo Kleinheisler in Toulouse gewiss wieder auf dem Platz stehen. Wollen    aber die Ungarn im kleinsten EM-Stadion einen Großen in der K.-o.-Runde aufs Kreuz legen, dann braucht es die Freistöße, Fernschüsse oder Flanken ihres Flügelflitzers.

Von den ungarischen Riesen ist er der Größte, der allerdings im EM-Testspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft seine Gefährlichkeit weitgehend für sich behielt. Damals hatte er gerade eine Oberschenkelverletzung auskuriert.

In der Türkei aktiv

Der Blondschopf ist einer der wenigen ungarischen Akteure, die über reichlich Auslandserfahrung verfügen. Talentspähern von Ajax Amsterdam soll er bereits 2007 aufgefallen sein, 2008 wechselte er dann allerdings zum PSV Eindhoven. „Er ist ein unglaubliches Talent. Er ist schnell, kombiniert gut und hat einen guten Schuss“, lobte der ehemalige PSV-Scout Piet de Visser damals: „Man sieht solche Spieler in dem Alter nicht sehr oft. Er ist ein moderner Flügelspieler.“ Drei Jahre später lockten ihn die enormen Verdienstmöglichkeiten, die der neureiche russische Fußballklub Anschi Machatschkala bot.

Innerhalb Russlands wechselte er 2012 zu Dinamo Moskau, und nicht nur einmal bediente er dabei zielgenau den deutschen Mittelstürmer Kevin Kuranyi. Die Moskaumission endete vergangenen Sommer, seitdem spielt Dzsudzsak für den türkischen Erstligisten Bursaspor. Klar, dass auch Herthas Trainer Pal Dardai als Storcks Vorgänger die Qualitäten dieses Spielers kennt, den er vergangenen Sommer bereits nach Berlin holen wollte. Vergeblich. Angeblich ist das Interesse kürzlich wieder aufgeflammt. Das Dumme nur: Es könnten bald noch ganz andere Interessenten auf Dzsudzsak aufmerksam werden, der dazu gar nicht mal Spieler des Spiels werden musste.

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