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War nur ein Feigenblatt: Iranische Anhänger besuchen am 25. Juni 2018 die Public-Viewing im Azadi-Stadion von Teheran.

Iran

Proteste gegen die Stadionverbannung der Frauen - FIFA treibt komisches Spiel

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Die Aufhebung des Stadionverbots für Frauen bei Fußballspielen treibt der Weltverband Fifa erst mit Nachdruck voran, nachdem eine Aktivistin gestorben ist.

Mit den Vorgaben der erzkonservativen Religionsführer im Iran hat auch Monika Staab ihre Erfahrungen gemacht. Die unermüdliche Entwicklungshelferin und langjährige Trainerin des 1. FFC Frankfurt weilte im Rahmen der Trainerausbildung für den Weltverband Fifa zwischen 2008 und 2017 dreimal im Iran. „Ich erinnere mich beim ersten Mal gut daran, wie ich vor dem Aussteigen aus dem Flugzeug darauf hingewiesen wurde, dass ich unmöglich in kurzen Ärmeln ins Freie treten konnte.“ Weil sich ihr Jackett im Koffer befand, stülpte sie sich ein viel zu großes Herren-Sakko über. Die Sicherheitskräfte waren beruhigt.

Seitdem ist viel passiert, aber für Frauen hat sich wenig verbessert. Inmitten der politischen Turbulenzen um das vom Westen mit dem Bannstrahl belegte Land verlangt der Fußball-Weltverband Fifa mit einiger Verspätung endlich vehement, Frauen im Iran den Besuch von Fußballspielen zu erlauben. „Die Stadien für Frauen zu öffnen, weil die Fifa den Druck auf die Regierung und den Verband in Teheran signifikant erhöht, hilft, die Vorbehalte aufzubrechen“, sagt die Botschafterin, Globetrotterin und Nahost-Expertin Staab, die bereits in Bahrain und Katar als Nationaltrainerin gearbeitet hat.

Stadionverbote im Iran für Frauen seit 1979

Seit 1979 sind im Iran die Stadiontore für Frauen verschlossen, weil ihnen angeblich der Anblick halbnackter Männer nicht zuzumuten sei. Die 60-Jährige hält das „im 21. Jahrhundert für ein Stück weit unverständlich“. Die im Auftrag des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) für das Auswärtige Amt noch bis 2020 in Gambia tätige Staab erlebe bei ihrer Projektarbeit im Westen Afrikas gerade, „wie überwiegend muslimischen Frauen viel mehr erlaubt ist.“

Gegen die rigiden Verbote, die sogar Staatpräsident Hassan Ruhani, aber nicht der einflussreiche Klerus abschaffen würde, hatte es schon während der WM 2018 in Russland Proteste gegeben. Am Rande der Gruppenspiele des Iran gegen Marokko (1:0) und Spanien (0:1) kam es in St. Petersburg und Kasan zu bewussten Verbrüderungsszenen vor allem von Exil-Iranern mit ausländischen Besuchern. Stolz zückten viele ihre Smartphones, um junge Frauen in den Nationaltrikots und mächtig viel Schminke auf den Wangen zu zeigen. Die demonstrative Botschaft von Umarmungen oder Küsschen sollte sein: Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen. „Wir brauchen diese Bilder, damit die Regierung etwas ändert“, sagte damals Keyvan Sayahy, ein aus London agierender Netzwerker.

Doch die Tür öffnete sich in seiner früheren Heimat trotzdem nur einen Spalt. Eine Public-Viewing-Veranstaltung in Teheran für Alibi-Zwecke während des dritten WM-Gruppenspiels gegen Portugal (1:1): Das war’s fast schon wieder. Als Fifa-Präsident Gianni Infantino bei einer Iran-Reise im November 2018 Hunderte ausgewählte Frauen im Azadi-Stadion besuchte, sagte der Schweizer: „Politik sollte sich aus dem Fußball heraushalten, und Fußball sollte aus der Politik wegbleiben.“

Mal abgesehen davon, dass der Impresario zuletzt eine fast aufdringliche Nähe zu den Präsidenten Donald Trump (USA) und Wladimir Putin (Russland) suchte, war dieser Ausspruch fatal: Das weibliche Geschlecht verschwand schnell wieder aus den Stadien. Es brauchte erst den traurigen Fall der Aktivistin Sahar Khodayari, um das Thema auf die Weltbühne zurückzubringen: Die 29-Jährige hatte sich im März als Mann verkleidet ins Nationalstadion geschlichen, um sich ein Heimspiel von Esteghlal Teheran anzusehen, der zu diesem Zeitpunkt noch vom nur einen Monat später entlassenen Winfried Schäfer trainiert wurde.

Die Drohkulisse
Kaum eine Kampagne treibt der Fußball-Weltverband Fifa mit solchem Nachdruck voran, wie gegen Rassismus und Diskriminierung.Laut der Statuten ist die Diskriminierung von Frauen verboten. Fifa-Mitgliedsverbänden wie dem Iran könnte als Sanktion der Ausschluss der Nationalmannschaft von allen Wettbewerben drohen. Verband und Regierung lenken bei der Aufhebung des Stadionverbots für Frauen auch deshalb ein. Der Iran hat sich bislang fünfmal für eine WM-Endrunde qualifiziert. Zuletzt 2014 in Brasilien und 2018 in Russland . In der Gruppe mit Bahrain, Irak, Kambodscha und Honkong ist die vom Belgier Marc Wilmots trainierte Mannschaft klarer Favorit. Als bester Vertreter Asiens liegt das Team Melli in der Fifa-Weltrangliste auf Platz 23. 

Auch der 69-Jährige zeigte sich bestürzt, was mit der mutigen Frau passierte: Als sie bei einem Gerichtstermin Anfang September erfuhr, dass ihr ein halbes Jahr Gefängnis drohen sollte, zündete sie sich an. Wenige Tage später verstarb sie wegen der schweren Verbrennungen. Das „blaue Mädchen“ – sie hatte von den Rängen ein Bild in ihrer blauen Fankleidung gepostet – stieg zur Ikone des Protestes gegen die Verbannung der Frauen auf.

Präsident Infantino treibt komisches Spiel

Aus der Frauen-Bundesliga kam zarte Unterstützung: Die dänische Weltklassespielerin Pernille Harder (VfL Wolfsburg) setzte einen Tweet ab, die Frauen des Aufsteigers 1. FC Köln trugen an einem Freitagabend ein blaues Armbändchen und schrieben: „Für Freiheit, Vielfalt, Gleichberechtigung – und Fußball für alle, im Iran und überall!“ Für Staab war das tragische Schicksal „ein Wachrüttler, der auch die Fifa beschäftigt hat“.

Infantino musste reagieren, forderte vergangene Woche den Verband und die Regierung im Iran in offiziellen Statements auf, die Stadionverbote aufzuheben und schickte schnell noch eine Fifa-Delegation nach Teheran. „Unsere Position ist klar und eindeutig: Frauen müssen in die Fußballstadien im Iran zugelassen werden. Für alle Fußballspiele.“ Der Nachsatz war wichtig: Sportminister Massud Soltanifar hat zwar versprochen, dass alle Vorbereitungen getroffen seien, „vorerst jedoch nur für Länderspiele.“

Beim WM-Qualifikationsspiel Iran gegen Kambodscha am 10. Oktober werden nun rund 4600 Plätze nur für Frauen in einem eigenen Tribünenbereich der bombastischen Betonschüssel reserviert. Separate Eingänge werden geschaffen, eigene Toiletten stehen zur Verfügung. Auf der Weltfußballer-Gala am Montagabend sprach Weltfußballerin Megan Rapinoe über die symbolträchtige Thematik. „Wenn wir wirklich eine Veränderung wollen, muss jeder empört sein“, sagte die Frontkämpferin gegen Diskriminierung in der Mailänder Scala. Die US-Weltmeisterin setzte den Tod der jungen Iranerin in direkten Zusammenhang mit den rassistischen Anfeindungen gegen Raheem Sterling (Manchester City) oder Kalidou Koulibaly (SSC Neapel).

In der Islamischen Republik wollen die Kämpferinnen für mehr Gleichberechtigung im „Stadion der Freiheit“ – Azadi heißt Freiheit – auch regelmäßig den Partien der Iran Pro League beiwohnen. Wie etwa beim am vergangenen Sonntag ausgespielten Teheran-Derby zwischen Esteghlal gegen Persepolis (0:1). Der Klub des alten Schah gegen den Klub des aktuellen Regimes. Eine delikate Konstellation, die oft genug schon 100 000 Zuschauer anlockte.

Stadionverbote für Frauen im Iran: Massive Polizeipräsenz

Aktivistinnen berichteten, dass sie sich aber am Wochenende nicht mal in die Stadionnähe getraut hätten, so massiv sei die Polizeipräsenz gewesen. Es ist noch viel zu tun, um ein Stadionerlebnis für beide Geschlechter zur Selbstverständlichkeit zu machen. Womöglich bewegt sich erst viel mehr, wenn sich eine iranische Auswahl für die Frauen-WM 2023 qualifiziert. Die avisierte Aufstockung auf 32 Teilnehmer für das noch nicht vergebene Turnier könnte dabei helfen. „Iran steht an achter, neunter Stelle bei der Leistungsstärke in der asiatischen Konföderation“, urteilt Staab. „Japan, China, Südkorea, Nordkorea und Australien, aber auch Thailand und Vietnam sind noch höher einzuschätzen, aber es wäre ein großer Schritt, würde sich der Iran qualifizieren.“

Nationalspielerin Sara Doorsoun im Interview: „Ich bekomme sehr viele positive Resonanz aus dem Iran“

Das Niveau des Frauenfußballs sei besser als viele denken – und hier tue sich auch einiges. Im Futsal, wo der Vorteil besteht, in Hallen geschützt vor den Blicken der Männer spielen zu können, ist Iran Asienmeister. Für den Frauenfußball ist es vereinzelt erlaubt, dass Männer zum Trainerteam gehören dürfen. Im August konnte ein iranisches Auswahlteam in Berlin bei „Discover Football“, einem Kulturfestival für Frauenfußball, teilnehmen. Die ewige Pionierin Staab tauschte sich in Kreuzberg nicht nur mit der iranischen Nationaltrainerin Maryam Irandoost, sondern auch mit iranischen Aktivisten aus. „Ich behaupte aus meinen Erfahrungen, dass 70 Prozent der Bevölkerung mit den strengen Vorgaben nicht glücklich sind.“

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