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Können wieder jubeln: Daniel Ginczek (li.) und William (re.) mit Siegtorschütze Jerome Roussillon gegen Leipzig.

VfL Wolfsburg

Stabilisiert

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Der Werksverein hat wieder Boden unter den Füßen.

Es hätte alles schlimmer kommen können. Mal angenommen, wenn Jerome Roussillon nicht im Sommer 2018 ein Angebot des VfL Wolfsburg, sondern ein Jahr zuvor eine Offerte des Hamburger SV angenommen hätte. Dann wäre der Franzose mit dem Brandmal des Absteigers versehen und hätte sich vielleicht längst wieder nach einem anderen Arbeitgeber umgesehen. Als der 25-jährige Franzose Anfang August in Wolfsburg vorgestellt wurde, versicherte er: „Ich bin froh, dass ich jetzt hier bin.“ Und inzwischen ist sich auch der Werksverein einig, dass der Fünf-Millionen-Mann aus Montpellier ein guter Griff war: Ballsicher, flink, durchsetzungsstark erledigt er seinen Job auf der linken Seite, die wie in vielen anderen Klubs auch am Mittellandkanal als klassische Problemstelle galt. 

Oft genug mit Notlösungen besetzt, die hier gar nicht ausgebildet sind. Bei Roussillon ist das anders. In der Nachwuchsschmiede in Clairefontaine erhielt er zwar eine umfassende Ausbildung, aber die linke Seite gehört zu seiner Karriere wie das Baguette zum französischen Frühstück. Doch schon beim FC Sochaux, wo der Spieler den Sprung zu den Profis schaffte, tauchte er hinten und vorne auf. Nur verteidigen ist eben langweilig. Dass der Offensivdrang jetzt auch in die Bundesliga schwappt, ist insofern nicht überraschend: Die Nummer 15 war Siegtorschütze beim 1:0 gegen RB Leipzig.

Trikots verschenkt

Für seinen ersten Treffer in der Bundesliga gab er dann sogar buchstäblich sein letztes Hemd. „Dieses Trikot ist für meinen Vater Patrick, das andere aus der ersten Halbzeit bekommt mein Freund Mukiele“, verriet er hinterher. Letzterer, Nordi mit Vornamen und meist Bankdrücker in Leipzig, ist Landsmann des Franzosen und spielte von Januar 2017 bis zum vergangenen Sommer eineinhalb Jahre mit ihm in Montpellier.

Dort trieb ihn der neue Geschäftsführer Jörg Schmadtke auf, der den 1,75-Meter-Mann als große Verstärkung ansieht: „Jerome bewahrt in engen Räumen die totale Ruhe und trifft die richtigen Entscheidungen. Darüber hinaus hat er eine Rakete im Hintern und versteht das Spiel. Er weiß, wo er hinläuft.“ Der Linksverteidiger ist damit ein gutes Beispiel, warum die Niedersachsen wieder Boden unter den Füßen haben. Eine dritte Relegation in Folge würde auch das Nervenkostüm der VW-Bosse kaum mitmachen. Schmadtke hat in Zusammenspiel mit dem fleißigen Sportchef Marcel Schäfer einen Kader gebastelt, der wieder für gewisse Werte steht. In doppelter Hinsicht.

Arbeit, Fußball, Leidenschaft – das ist ja die im Vereinsslogan propagierte Grundlage, die nicht mehr durch die hochbezahlten Kicker konterkariert werden sollte. Zum anderen hilft es, wenn für Ablösen und Gehälter auch eine ordentliche Gegenleistung geliefert wird. Und dafür gibt es gerade einige Beispiele. Nicht nur in der Verteidigung, sondern auch im Sturm. 

Labbadia spielte mit Raute

Zuletzt gegen Leipzig hat Trainer Bruno Labbadia mit einem Doppelsturm operiert, in dem beide Mittelstürmer-Neuerwerbungen Platz hatten: Der aus Stuttgart gekommene Daniel Ginczek und der aus Alkmaar geholte Wout Weghorst. Eigentlich ähnliche Spielertypen, der eine 1,90 Meter, der andere sogar 1,97 Meter groß. Kopfballstarke Wuchtbrummen, die weder sich noch den Gegner schonen und für die der VfL bei seiner Renovierung auch tief in die Tasche griff: Ginczek soll rund zehn Millionen Euro, Weghorst sogar elf Millionen Ablöse gekostet haben. Nicht verkehrt, wenn dann beide hochpreisigen Investitionen gemeinsam gebraucht werden.

Dahinter positionierte Labbadia vergangenen Samstag eine Mittelfeldraute, in der sich Offensivmann Admir Mehmedi als Freigeist versuchen durfte. Ob diese Ausrichtung, in der erstaunlicherweise für den pfeilschnellen und dribbelstarken Flügelspieler Josip Brekalo kein Platz war, auch in Frankfurt zur Anwendung kommt? Labbadia muss diese Frage genau abwägen, denn das Rautensystem hat in der Absicherung auch seine Tücken. Eines steht fest: Jerome Roussillon hat seinen Platz hinten links sicher. 

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