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Spuren kolonialer Vergangenheit

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Von: Ronny Blaschke

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China ließ für den Afrika-Cup in Kamerun viele Stadion bauen.
China ließ für den Afrika-Cup in Kamerun viele Stadion bauen. © Oliver Weiken/dpa

China baut Stadien in Entwicklungsländern und sichert sich dadurch im Gegenzug wertvolle Rohstoffe und Öl – auch beim Afrika-Cup in Kamerun.

Die Afrikameisterschaft findet in einem Kriegsland statt: in Kamerun. Die frankophone Regierung kämpft dort im Westen des Landes gegen anglophone Separatisten. Rund 4000 Menschen sollen getötet worden sein, 700 000 befinden sich auf der Flucht. In den zensierten Medien des zentralafrikanischen Staates ist von Anschlägen und Gefahren für den 33. Afrika-Cup wenig zu erfahren. Seit vierzig Jahren wird Kamerun autokratisch von Paul Biya geführt, der bald seinen 89. Geburtstag feiert. Es dominieren Botschaften von Aufbruch, Zusammenhalt – und von mächtigen Freunden aus Fernost.

Zwei der sechs Stadien für den Afrika-Cup wurden von chinesischen Firmen gebaut, in Bafoussam und in Limbe, es sind funktionale Bauten für jeweils 20 000 Zuschauende. Lokale Medien berichten, dass sich Schritt für Schritt kleinere Geschäfte ansiedeln werden und dadurch 5000 Arbeitsplätze entstehen könnten. Auch Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua widmete den Stadien einen Bericht, zu Wort kam darin auch der kamerunische Regionalpolitiker Augustine Awa Fonka: „Die Handelsbeziehungen zwischen China und Kamerun haben eine große Zukunft.“ Kamerun verfügt über beachtliche Vorkommen an Erdöl, Eisenerz und Gold, doch die Infrastruktur für die Erschließung ist ausbaufähig. China könnte bei der Entwicklung helfen.

Kamerun ist nur ein Beispiel. Mehr als hundert Arenen hat China in Entwicklungsländern gebaut, zwei Drittel davon liegen in Afrika. Ob Ghana oder Angola, Gabun oder Äquatorialguinea: Peking vergab günstige und langfristig angelegte Kredite an Gastgeber vergangener Afrikameisterschaften. Und sicherte sich im Gegenzug den Zugang zu seltenen Erden und Rohstoffen wie Öl, Kupfer oder Kobalt. Inzwischen ist die Volksrepublik in den genannten Ländern einer der wichtigsten Handelspartner. „China möchte strukturelle Abhängigkeiten schaffen“, sagt Simon Chadwick vom Zentrum für die Eurasische Sportindustrie. „In Afrika stößt Peking auf weniger Restriktionen als in Europa. Und die Regime vor Ort können sich mit neuen Stadien als großzügig und volksnah präsentieren.“ Es sind Regime, die wegen Korruption und Menschenrechtsverletzungen in der Kritik stehen.

Die chinesischen Netzwerke wachsen auf dem afrikanischen Kontinent seit Jahrzehnten. Während des Kalten Krieges in den Fünfziger Jahren hatte China unter Mao Zedong Wirtschaftshilfen von der Sowjetunion bezogen. Für die gemeinsame Sache unterstützte Peking in Afrika sozialistische Regierungen und Rebellen, schickte Bauarbeiter und Material für günstige Infrastruktur, auch für Sportstätten. 1964 besuchte Premierminister Zhou Enlai zehn afrikanische Staaten, die unabhängig geworden waren. Einige Zeremonien fanden in Stadien statt. 1971 trat die Volksrepublik anstelle von Taiwan den Vereinten Nationen bei – auch mit Unterstützung aus Afrika.

„Stadiondiplomatie“

Von einem Bauboom kann man aber erst im 21. Jahrhundert sprechen. Auf seinem Staatsbesuch in der senegalesischen Hauptstadt Dakar besuchte Staatschef Xi Jinping 2018 auch das neue Nationalstadion für Ringen, erbaut in 28 Monaten von chinesischen Firmen. „Für viele Staaten sind Stadien wichtige Wahrzeichen. Um sie herum können Geschäfte und Viertel entstehen“, sagt Ding Guanghui von der Universität für Ingenieurwesen und Architektur in Peking. „Doch auch die chinesische Regierung verfolgt mit solchen Bauten politische Ziele.“

Seit 1995 hatte Senegal diplomatische Beziehungen zu Taiwan gepflegt, der Inselstaat wird von der Volksrepublik als abtrünnige Region betrachtet. Peking erhöhte den Druck und stellte Investitionen in Aussicht, auch im Sport. 2005 löste sich Senegal von Taiwan und nahm Beziehungen zu Peking auf. Seither ist das Handelsvolumen zwischen beiden Staaten von 175 Millionen Euro auf 2,2 Milliarden pro Jahr gewachsen. Durch den Besuch von Xi Jinping gilt Dakar als Symbol für eine Entwicklung, die Forscher wie Ding Guanghui als „Stadiondiplomatie“ bezeichnen.

Chinesische Firmen errichteten nicht nur in Afrika neue Stadien, sondern auch in Kambodscha, Laos, Haiti oder El Salvador; in Ländern, die durch Konflikte oder Katastrophen Zerstörungen erlitten haben. Und auch über das Bauen hinaus möchte Peking Einfluss geltend machen. 2019 führte der chinesische Konzern Huawei in Ägypten den schnelleren Mobilfunkstandard 5G ein, kurz vor Beginn des dortigen Afrika-Cups. Der Suezkanal östlich von Kairo gilt für die „Neue Seidenstraße“ als essenziell. Bis Mitte des 21. Jahrhunderts will China Dutzende Länder in Europa, Asien und Afrika vernetzen: durch Bahnlinien, Schnellstraßen, Pipelines oder Häfen.

Entlang der Handelsroute sollen auch Sportstätten entstehen: ein Stadion im kroatischen Rijeka, eine Schwimmhalle im belarussischen Minsk, auch im italienischen Triest ist ein Projekt im Gespräch. „Es ist offensichtlich, dass China nicht mit Waffengewalt eindringt, so wie es einige Staaten aus Europa in früheren Jahrhunderten praktiziert haben“, sagt Matt Ferchen von der Universität Leiden, der sich mit dem politischen Einfluss Chinas befasst. „Aber manche Strukturen erinnern an die koloniale Vergangenheit.“ In Afrika verpflichten sich Staaten oft zum Import chinesischer Waren, was der heimischen Produktion schadet. Chinesische Unternehmen lassen oft Angestellte einfliegen und verzichten auf lokale Arbeiter. Häufig sind die Stadien schon nach wenigen Jahren in einem desolaten Zustand. Die Afrikameisterschaften sind dann Geschichte, doch die Rohstoffquellen sprudeln weiter.

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