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Tore schießen können sie noch, die Spieler der Nationalmannschaft Syriens, hier bei den Asien-Spielen 2018.

Syrien

Spielzeug der Propaganda

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Der syrische Diktator Assad möchte nach fast acht Jahren Krieg zum Alltag zurückkehren. Das Fußballnationalteam kann ihm nun bei der Asienmeisterschaft helfen.

Fast jeden Tag ist Rami aus Damaskus Richtung Norden ins 165 Kilometer entfernte Homs gefahren. Mit anderen Jugendlichen baute er ab 2009 im Umfeld des Vereins Al Karamah eine der ersten Ultra-Gruppen in Syrien auf. Sie fanden etwas, was in der Gesellschaft selten war: Zusammenhalt und Zuversicht. Bis 2011 verpasste Rami nur ein Spiel seines Klubs.

Mit Beginn des Bürgerkrieges legten die landesweit sechs Ultra-Gruppen eine Pause ein. Doch der Fußballbetrieb wurde in stark reduzierter Form aufrechterhalten. Einmal noch, 2014, ist Rami ins Stadion gegangen. Viele Plätze neben ihm blieben leer. Freunde waren tot, im Gefängnis oder an der Front. „Ich bin da fünf Minuten geblieben, dann bin ich rausgegangen“, sagt Rami. Wenige Monate später ist er nach Deutschland geflohen. Laut Schätzungen wurden während des Krieges rund 500 000 Menschen getötet. Und noch ist der Krieg nicht zu Ende.

Der syrische Präsident Baschar al-Assad möchte zur Normalität zurückkehren, dabei kann ihm der Fußball helfen. An diesem Samstag beginnt in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Asienmeisterschaft. Zu den 24 Teilnehmern gehören auch Nationen, die durch Kriege und Krisen gezeichnet sind: Jemen und Irak. Besonders im Fokus: die Auswahl Syriens.

Die Fifa hält sich zurück

„Der Fußball zeigt die Zerrissenheit unseres Landes“, sagt Rami, 24; er lebt inzwischen im Ruhrgebiet und möchte bald sein Filmstudium fortsetzen. Die Spiele des syrischen Nationalteams verfolgt er im Internet, doch aus den sozialen Medien hält er sich weitgehend raus: „Viele Leute beanspruchen die Mannschaft für ihre politische Meinung, der Ton ist sehr hart und oft verletzend.“ Für Millionen Syrer ist Fußball eine Ablenkung von dem Terror – für andere ist er ein Werkzeug der Diktatur.

Früher hat die syrische Mannschaft ihre Heimspiele in Damaskus oder Aleppo bestritten, seit Kriegsbeginn spielt sie im Exil, häufig Tausende Kilometer entfernt im Südosten Asiens. Mitunter haben dort Spieler und Offizielle T-Shirts mit Fotos von Assad getragen. 2015 zeigten syrische Zuschauer in Malaysia ein riesiges Banner mit einem Porträt Assads. Das Massenphänomen Fußball sei eine Unterstützung für das Regime, sagt die Journalistin Kristin Helberg, die mehrere Bücher über Syrien geschrieben hat: „Assad möchte zurück in die internationale Gemeinschaft. Er braucht Gelder für den Wiederaufbau des Landes. Ein Symbol wie die Nationalmannschaft kann ihm auf der Suche nach Investoren helfen.“

Mittlerweile sind viele Nationalspieler im Ausland unter Vertrag. Doch auch dort stehen sie unter dem Einfluss der syrischen Regierung. Der Leistungsträger Firas al-Khatib trat 2012 aus Protest gegen das Regime aus dem Nationalteam zurück. 2017 kehrte er für die Qualifikationsspiele für die WM 2018 als Kapitän zurück. Setzte die Regierung al-Khatib unter Druck? War seine Familie in Gefahr? Das US-amerikanische Sportportal ESPN recherchierte monatelang und schrieb 2017: „Mindestens 38 Spieler aus den ersten beiden Ligen und Dutzende weitere aus den unteren Ligen wurden erschossen, bombardiert und gefoltert.“ Der ehemalige Nationalspieler Dschihad Kassab soll nach schwerer Folter in einem Militärgefängnis im September 2016 gestorben sein.

Raketen aus dem Stadion

Noch immer werden Dutzende Spieler vermisst. Hunderte Sportler haben rechtzeitig das Land verlassen, doch es ergeht ihnen oft wie vielen Flüchtlingen: Ihre Konten wurden eingefroren, ihr Besitz beschlagnahmt. Mehrere Stadien wurden als Internierungslager genutzt. Aus dem Abbasiden-Stadion in Damaskus sollen Raketen abgefeuert worden sein.

Der Weltverband Fifa verbietet die politische Vereinnahmung des Fußballs, mehrfach hat sie Nationalverbände suspendiert. Trotz Aufforderung von Aktivisten hält sich die Fifa gegenüber Syrien zurück. Nimmt sie Rücksicht auf den Assad-Verbündeten Russland, den Gastgeber der vergangenen WM? In Statements formulierte die Fifa den gleichen Gedanken: Solche „tragischen Umstände“ würden weit über den Verantwortungsbereich des Fußballs hinausgehen.

Nun, da Assad den Krieg praktisch gewonnen hat, will die Regierung sich gegen ein Aufflammen von Protesten schützen. Ultras sollen sich nur noch als Fanklubs bezeichnen, seit 2017 kehren sie in die Stadien zurück. Auch Fahnen mit englischen Botschaften sind verboten. „Leute haben versucht, sich in die Fangruppen zu schmuggeln und Steine auf die Polizei zu werfen“, erzählt Nadim, Fan des Vereins Hutteen in der Hafenstadt Latakia, der inzwischen in Deutschland lebt. „Dann hätte es einen Vorwand gegeben, um die Ultras zu verbieten.“

Etliche Regierungen konnten in Krisen Fußballerfolge politisch für sich nutzen, der Irak als Asienmeister 2007 oder Afghanistan als Südasienmeister 2013. Trainer der syrischen Auswahl ist seit einem Jahr der Deutsche Bernd Stange, der schon in der Ukraine, in Weißrussland und im Irak gearbeitet hatte; aber er versucht, sich aus politischen Debatten herauszuhalten. Sollte Syrien nun bei der Asienmeisterschaft das Unmögliche schaffen, würden wohl Hunderttausende Menschen selbstbewusst feiern. Es wären Bilder, die Diktatoren eigentlich vermeiden wollen.

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