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Schmerz, lass nach: RB-Leipzig-Physiotherapeut Christopher Weichert (rechts) und Teamarzt Robert Marshall helfen Profi Jean-Kevin Augustin auf die Beine.

Ernährung im Profifußball

Spieler, optimiert bis in die Fußspitzen

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Ernährung und ärztliche Versorgung werden im Profifußball immer wichtiger ? RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach haben dafür extra Festanstellungen im Klub geschaffen.

Ralf Rangnick erfüllt es noch heute mit einem kalten Grausen, wenn der gebürtige Schwabe daran zurückdenkt, wie er sich früher nach einem 14- oder 15-Stunden-Tag ernährte. Schnell am späten Abend eine Packung Nudeln zubereitet und Tomatensauce aufgewärmt. Hinterher ein paar Süßigkeiten genascht und ein Weizenbier getrunken. War es verwunderlich, dass der Workaholic danach nicht gut schlief?

Nicht viel besser ernährten sich übrigens die Profis des FC Schalke 04, wenn sie mit ihrem Trainer damals vor Heimspielen ihr Hotel bezogen. Üppige Nudelgerichte, fette Soßen inklusive Schokoladenpudding waren an der Tagesordnung. Einen Kopf hatte sich Rangnick damals lange nicht gemacht, bis sein Körper irgendwann kapitulierte. Sein Burnout-Syndrom vor acht Jahren, sagt der 60-Jährige, sei Folge einer grottenschlechten Ernährung gewesen. „Die Erfahrung war ein einschneidendes Erlebnis.“ Seitdem sind die Antennen draußen bei allem, was auf den Tisch kommt. Bei der Arbeit oder im Urlaub.

Als Trainer und Sportdirektor von RB Leipzig achtet er akribisch darauf, was seine Fußballer essen und trinken. Der sogenannte Glycoplan spielt eine wichtige Rolle, der empfehlenswerte Lebensmittel nach A wie Algen bis Z wie Zucchini auflistet. Zucker und Weißmehl stehen hingegen auf dem Index – und sind aus der Küche verbannt. Rangnick hat dazu im Sommer 2017 einen eigenen Mannschaftskoch (Philipp Fricke) engagiert. Zu den wechselnden Angeboten gehört täglich eine vegane Variante, die etwa der Mittelfeldkämpfer Diego Demme konsumiert.

Gesüßt wird ausschließlich mit Galaktose. „Das kostet ein paar Euro mehr“, erklärt Rangnick, „aber das ist es uns allemal wert.“ Der Sinn der Nahrungsumstellung, erzählt er, müsse in Fleisch und Blut übergehen. „Wenn ich sehe, dass die Spieler aus unserem Essensraum die Speisen für die Familie oder Lebensgefährtin einpacken, wissen wir, dass wir es geschafft haben.“ 

Die Ernährung ist allerdings nur ein Baustein, der den Schlaf, die Regeneration und damit die Verletzungsprophylaxe maßgeblich mit beeinflusst. Rangnick schreibt diesen Parametern für die Leistungsoptimierung entscheidenden Einfluss zu. Auch wenn die roten Bullen gewiss nicht die einzigen sind, die diesen ganzheitlichen Ansatz betreiben, beeindruckt die perfektionistische Umsetzung im Alltag. Anwesenheitspflicht herrscht für die Bundesligaspieler vor jeder Trainingseinheit bereits eine Stunde und 45 Minuten vorher, denn im Vorlauf gibt es viel zu tun.

Es beginnt nach der Ankunft mit einer Selbstauskunft beim Leistungsdiagnostiker Dominik Cegla, den alle nur „DC“ nennen. Wie lange hat man geschlafen? Wie ist die Stimmung, wie das Energiegefühl? Zusätzlich wird anhand einer Blutabnahme der Creatin-Kinase-Wert (cK-Wert) bestimmt, der Rückschlüsse auf den Trainingszustand erlaubt. Aber erst wenn die Physiotherapeuten die Muskulatur ertastet haben, wird entschieden, welche Belastung jeder einzelne Akteur verträgt. Der Cheftrainer Rangnick stimmt sich dazu eng mit seinen Athletiktrainern ab.

Der Fußballlehrer erschrickt beinahe, wenn er auf seine Anfangszeit beim SSV Ulm 1846 zurückblickt. „Damals war Rolf Baumann (Bruder des Leichtathletik-Olympiasiegers Dieter Baumann, Anm. d. Red.) einfach so lange mit den Jungs laufen, bis sie nicht mehr konnten.“ Bei der Trainingssteuerung sieht er sich heute wie eine übergeordnete Entscheidungsstelle, die verschiedene Spezialisten zusammenführen und ihnen vertrauen muss. Vor dieser Saison wurde bei RB Leipzig das Funktionsteam und speziell auch die medizinische Betreuung auf den Prüfstand gestellt. 

Gladbach geht ähnlichen Weg wie Leipzig

Interessant auch, dass Borussia Mönchengladbach einen ähnlichen Weg gegangen ist und die gerne unterschätzten Leistungsparameter ins Visier genommen hat. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade zwei Vereine auf den Verfolgerpositionen hinter Borussia Dortmund stehen, die die medizinischen Rundumversorgung eingeführt haben, indem seit dieser Saison ein Mannschaftsarzt in Festanstellung arbeitet. Junge Doktoren, die ihre ganze Schaffenskraft nur einer überschaubaren Zahl von (kickenden) Klienten widmen. Ein Novum für die Bundesliga.

Und ein Thema, dem sich auch die aktuelle Ausgabe der „Sportärztezeitung“ widmet.

Herausgeber Robert Erbeldinger findet es wichtig, dass sich zwei Topvereine an diese Stellschrauben gemacht haben. Denn: „Die hohe Zahl der Muskelverletzungen im Profibereich, aber auch in der Jugend zeigt, dass unter anderem der Austausch zwischen Trainerteam, Sportdirektoren, Ärzten und Physiotherapeuten noch verbessert werden könnte.“ Gladbachs Sportdirektor Max Eberl stellt in der „Sportärztezeitung“ die Vorzüge des neuen Konzepts heraus: „Wir wollten uns im medizinischen Bereich den Entwicklungen anpassen und besser aufstellen.“ In den vergangenen zwei Jahren gab es „größere Probleme mit Verletzungen unser Spieler, was uns sportliche Probleme bereitete.“ Eberl: „Der teuerste Spieler ist der, der lange verletzt ist und uns nicht zur Verfügung steht.“ Die medizinische Betreuung ist ein heikles Thema: Die Zeit ist knapp, es geht um viel Geld.

Für die Fohlenelf arbeitet nunmehr Ralf Doyscher, der in der vergangenen Saison noch die Doppelbelastung als Teamarzt von Union Berlin und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie der Charité Berlin auf sich nahm. Glücklich war er damit nicht: „Bei dem steigenden Kostendruck im deutschen Medizinsystem führt so ein Spagat schnell dazu, dass beide Seiten mit der Arbeit unzufrieden sind.“ Der 34-Jährige sieht heute einen entscheidenden Vorteil darin, jeden Tag vor Ort sein zu können. Bessere Kommunikation, weniger Wartezeiten. Eberl ist jedenfalls mit den ersten Ergebnissen „sehr zufrieden“. Weil die Verletzungsquote so gering ist, verfügt Cheftrainer Dieter Hecking über eine so üppige Personalauswahl, dass er seit Wochen fast schon die Härtefälle in seinem Kader bedauert: Christoph Kramer, Weltmeister von 2014, saß zuletzt nur noch auf der Bank. Ein Luxusproblem, wenn in Gladbach fast alle gesund sind.

Rangnick will die gesunkenen Ausfallzeiten in Leipzig vorerst lieber nicht beziffern. Aber der in der Doppelrolle als Trainer und Manager arbeitende Allesmacher macht keinen Hehl daraus, dass sich der neue Weg im medizinischen Bereich bereits auszahlt. „Wir haben im ersten Champions-League-Jahr gemerkt, dass es besser ist, wenn ein Arzt täglich verfügbar ist. Gerade wenn man international spielt, braucht man aus meiner Sicht einen hauptamtlichen Arzt“, erläutert Rangnick. Für gestandene Erstligisten dürfte es finanziell auch kein Problem sein, diese hauptamtliche Stelle zu finanzieren.

Robert Percy Marshall ist seit Sommer festangestellter Mannschaftsarzt in Leipzig, zuvor hatte er für die zweite Mannschaft des Hamburger SV, die sportmedizinische Abteilung des HSV, Nachwuchsleistungszentrums und das UKE Athleticum Hamburg gearbeitet. Der 38-Jährige gesteht sich selbst im Rückblick ein: „Wenn man als Arzt in verschiedenen Bereichen eingesetzt wird, kann dies dazu führen, den Fokus zu verlieren.“ Nun beschränke er sich auf einen Kreis von weniger als 30 Athleten. Das Vertrauensverhältnis ist enger, der Kontakt individueller. Rangnick: „Es geht vor allem darum, Verletzungen zu vermeiden. Wer entscheidet, ob ein Spieler mit einer Erkältung oder einer Muskelverhärtung trainiert?“ Dafür sei ein dauerhaft anwesender Arzt wichtig, „mit ihm haben wir auch für die Physiotherapeuten rund um die Uhr einen Ansprechpartner.“ 

Erstaunlich: Ausgerechnet Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer trägt erhebliche Bedenken gegen die neuen Modelle in Leipzig und in Gladbach vor. Zum einen sei es wichtig, dass man als Arzt auch den Nicht-Leistungssportler und Otto-Normal-Patienten sieht, um einen offenen Blick für andere Erkrankungen und medizinische Entwicklungen zu haben. Deshalb findet er es besser, nur zeitweise bei einem Verein zu arbeiten. Zum andere erzeuge eine solche Beschäftigungsverhältnis eine stärkere Abhängigkeit vom Erfolg. Wer absteige werde möglicherweise entlassen.

Für gefährlich würde er es gar halten, sollten die Ärzte an Prämien beteiligt werden. Der Vorsitzende der medizinischen Kommission des DFB hat dabei auch den Antidopingkampf im Kopf: „Ich unterstelle niemandem, dass er dopt, aber ich finde es kein gutes Zeichen, wenn ärztliches Handeln materiell am sportlichen Erfolg hängt.“ Der am Institut für Sport und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes beschäftigte Meyer sagt: „Mir ist natürlich klar, dass Vereine an einer festen Anbindung ein gewisses Interesse haben könnten. Präsenz, Verfügbarkeit und mögliche Einflussnahme sind Punkte, die aus Vereinssicht kaum von der Hand zu weisen sind.“ 

Robert Erbeldinger von der „Sportärztezeitung“ begrüßt es hingegen ganz generell, wenn „der Stellenwert des Mannschaftsarztes steigt“. Der Sportwissenschaftler hat kürzlich in Pforzheim wieder ein Symposium veranstaltet, bei dem sich medizinische Mitarbeiter der Hälfte aller Bundesligisten ausgetauscht haben. Erbeldinger warnt davor, dass es in der modernen Sportmedizin nicht allein „um Performance-Steigerung“ gehen dürfe. Für den 40-Jährigen ist es unabdingbar, dass in der Fußball-Bundesliga „gerade die Bereiche Ernährung, Regeneration und Prophylaxe noch einer grundlegenden Optimierung bedürfen.“ Denn nicht alle haben die Antennen wegen der eigenen Vita bereits so weit ausgefahren wie Ralf Rangnick.

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