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Spiele ohne Reue an Weihnachten

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Von: Thomas Kilchenstein

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Englisches Topduell: Am Donnerstagabend traf der FC Liverpool um Jürgen Klopp auf Pe Guardiolas Manchester City.
Englisches Topduell: Am Donnerstagabend traf der FC Liverpool um Jürgen Klopp auf Pe Guardiolas Manchester City. © dpa

Katar und die Fifa haben sich die WM unter den Nagel gerissen. Das Spiel per se aber ist - noch - resistent gegen Einflüsse, so lange die 90 Minuten (oder mehr) laufen. Ein Kommentar.

Eigentlich könnte man sich mal wieder ein Fußballspiel anschauen. Gab’s ja selten. Das letzte liegt schon volle fünf Tage zurück, weit weg in der glitzernden Wüste Katars, und so schlecht war das nicht, was die beiden final verbliebenen Teams da auf den Rasen gezaubert haben.

Es gab schon wieder ein Spiel? Ehrlich? Gestern? In England. Da spielen sie eh praktisch rund um die Uhr, jeder wisse, wie der weise Jürgen Klopp sagte, dass es „nicht richtig“ sei, jeder wisse, dass die Strapazen zu groß, dass Spieler unfassbar belastet würden durch die ewige Hatz nach Punkten und Toren und noch ein Wettbewerb und noch einer. Aber gekickt wird immer. Gestern zum Beispiel, da mussten seine Liverpooler Cracks im Ligapokal ran gegen Manchester City.

Natürlich lässt sich das Inselvolk auch den traditionsreichen Kick am sogenannten Geschenkschachtel-Tag nicht entgehen, sieben Partien sind für den zweiten Weihnachtsfeiertag angesetzt, seit bald 100 Jahren ist das so. Bestimmt sind die Stadien rappelvoll, manches spricht dafür, dass Fans nicht nach der Pause mangels Interesse oder Spannung schon nach Hause gehen. Das machen andere.

Am Rande nur: Das Gros der Kicker in England hat solch eine lange Pause (Mitte November bis Ende Dezember) lange nicht mehr genießen dürfen. Normalerweise spielen sie durch - inklusive Boxing Day, Silvester und Neujahr. Das gilt auch für Portugal, Frankreich und Spanien.

Übersättigung? Zu viel Fußball zuletzt? Zu viel ballaballa? Vielleicht. Sieht aber nicht so aus. Womöglich sind die Menschen ganz froh, Spiele anschauen zu können ohne Gewissensbisse. Ohne sich erklären zu müssen, warum sie das trotz alledem tun. Ohne zu betonen, wie verkehrt es ist und war, in Katar eine WM auszurichten, einem Land, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten werden und der Staatslenker dem besten Kicker heischend ein Gewand umhängt. Ohne den ganzen Überbau an politischer Correctness. Und sich nur über Abseits und Hackentrick und Fehlpass und VAR und den ganzen anderen banalen Kram zu echauffieren.

Um keinen falschen Zungenschlag aufkommen zu lassen: Eine WM-Vergabe nach Katar war absurd. Es gibt - nach Adorno - kein richtiges Leben im falschen. Da helfen „One Love“-Debatten, Mund-zu-halten nicht viel, hilflose Gesten, die an der Oberfläche kratzen. Notwendig? Sinnvoll? Es ist kompliziert.

Katar und die Fifa haben sich dieses Turnier unter den Nagel gerissen, es hat im Sinne des Sportswashing für den Wüstenstaat seinen Sinn erfüllt, die Kassen der Fifa sind zudem voller denn je. Das Spiel an sich aber, seine Faszination, seine irrwitzigen Endungen und Wendungen, seine Dramatik und Schönheit haben kein Emir und kein Infantino kaputt kriegen können. Das hat die finale Partie gezeigt. Das Spiel per se ist - noch - resistent gegen Einflüsse, so lange die 90 Minuten (oder mehr) laufen.

Deshalb pilgern über Weihnachten die Leute in die Stadien - selbst nach dieser infantinisch-katarischen Übernahme.

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