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Schnell und gut: Timo Werner ist schon in einer erstaunlichen Frühform.

Timo Werner

Speed und Torgefahr

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Der Bundesliga-Blitzstart des Stürmers Timo Werner bei RB Leipzig kommt für den Bundestrainer zur rechten Zeit.

Es war bestimmt keine Absicht, dass Timo Werner zielsicher auf den Stuhl in der Mitte zusteuerte. Aber im voll besetzten Pressekonferenzraum des Millerntor-Stadions schlüpfte die Nummer neun der deutschen Nationalmannschaft eben vor der Nummer eins, Manuel Neuer, durch die Tür – und wer zuerst kommt, hat freie Platzwahl. Aber passte doch: Der Blondschopf mit den schnellen Beinen hat mit RB Leipzig einen Blitzstart mit fünf Bundesligatoren hingelegt – zuletzt gelang ihm der erste Dreierpack seiner Profikarriere. „Es fühlt sich gut an, wenn man trifft. Ich freue mich, dass es so gut klappt“, sagte Werner, der natürlich weiß, dass seine Vertragsverlängerung bei den Sachsen damit verknüpft wird. Der 23-Jährige wiegelte diesbezüglich aber ab: „Ob mit oder ohne Vertrag. Das hat mich vorher nicht beirrt, das hat mich jetzt nicht beflügelt.“

Doch selbst die Verantwortlichen bei der DFB-Auswahl sind da anderer Meinung. „Ich denke, dass die Ungewissheit nicht das allerbeste für seine Psyche war“, sagte Bundestrainer Joachim Löw zuletzt. Auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff widersprach indirekt: „Als Spieler beschäftigt das einen, auch wenn man es nicht immer zugibt. Ich bin sehr froh über Timos Entscheidung, in einem Topklub und unter einem Toptrainer weiter zu reifen.“

Lange herrschte der Glaube vor, der in 25 Länderspielen bislang zehnmal erfolgreiche Nationalstürmer würde entweder diesen oder spätestens nächsten Sommer zum FC Bayern wechseln. Doch buhlten die Münchner wirklich um den gebürtigen Stuttgarter? Insofern wirkt die nun bis 2023 geregelte Bindung an den Brauseklub für alle Beteiligten logisch. Aus dem im Ländle am Ende ziemlich verunsicherten Talent reifte dort ein Sturmtalent, das mehr Zuspruch braucht, als er selbst wahrhaben will.

Wirbelwind Werner hat viele Höhen und Tiefen erlebt. Nachdem er 2013 beim VfB Stuttgart als jüngster Bundesligaspieler aller Zeiten nicht einmal volljährig debütierte, galt er als Hoffnungsträger eines ganzen Vereins – eine Bürde, die er in der Heimat kaum schultern konnte. Als er 2017 beim Confed Cup als Torschützenkönig brillierte, galt er als kommender WM-Star – eine Erwartungshaltung, der er in Russland nicht gerecht wurde.

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Das aktuelle Hoch kommt zur rechten Zeit: Nach dem Langzeitausfall von Leroy Sané (Kreuzbandriss) kann Löw diese Mixtur aus Topspeed und Torjägerqualität gut gebrauchen. Obwohl der 59-Jährige findet, dass Werner inzwischen fast zu sehr über seine Torquote definiert wird, weil er doch andere Fähigkeiten besitze: „Bei jeder Aktion geht er tief, das bringt für die eigene Mannschaft Vorteile und für den Gegner Verwirrung. Ich finde einen Spielertyp extrem wichtig, der geradlinig zum Tor geht.“

Von Irrwegen bleibt so einer nicht verschont. In den ersten drei EM-Qualifikationspartien gegen die Niederlande (3:2), Estland (8:0) und Weißrussland (2:0) blieb dem Turbostürmer nur die Bank, weil Serge Gnabry, Marco Reus und Sané einfach besser in Form waren. „Durch die unglückliche Situation, dass Leroy verletzt ist, ist vorne ein Platz frei geworden. Natürlich habe ich den Ansporn, die Leistungen aus dem Verein auch hier in der Nationalmannschaft zu zeigen“, sagte Werner gestern. Er wird dafür im ausverkauften Volksparkstadion gegen die Niederlande (Freitag 20.45 Uhr/RTL) indes besonderen Behauptungswillen brauchen.

Weil er dann Europas Fußballer des Jahres, Virgil van Dijk, begegnet. Der deutsche Torjäger hat Respekt vor dem Abwehrriesen vom FC Liverpool: „Zuletzt hat ihn mal wieder einer ausgedribbelt, das will schon was heißen.“ Aber er ist ja auch nicht schlecht drauf. Und wie der Weltklassemann van Dijk an der Anfield Road von Jürgen Klopp profitiert hat, könnte ihm die Zusammenarbeit am Cottaweg mit Julian Nagelsmann aufs nächste Level führen.

Werner begrüßt es, dass der neue Fußballlehrer eher an den kleinen als den großen Stellschrauben dreht. Am einstudierten Umschaltfußball wird ebenso wenig gerüttelt wie an der modernen Trainingssteuerung, die das Leistungsprofil der Profis täglich bis ins Detail durchleuchtet. „Das wird bei uns eher mehr als weniger. Wir brauchen viel Leistung für unser laufintensives Spiel.“ Wie es der Zufall will, empfängt Leipzig nach den Länderspielen jene Bayern, die sich mit der Wertschätzung für Werner ziemlich schwer getan haben. Neuer scheint da schon mehr von seinem Kollegen zu halten. „Timo ist wirklich gut drauf. Gegen uns kann er sich ja rausnehmen“, empfahl der Nationaltorwart. Hat er Furcht, dass sich der befreite Frechdachs wieder vordrängelt?

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