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Oliver Bierhoff (l), Direktor Nationalmannschaften und Akademie des DFB, und Friedrich Curtius, DFB-Generalsekretär, beim Spatenstich.

DFB-Akademie

Spatenstich mit Eingeständnis

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In den offiziellen Startschuss für die neue Akademie und Verwaltung unter Dach des Deutschen Fußball-Bundes mischen sich erstaunlich selbstkritische Töne.

An der Treppe zur Pommes- und Würstchenbude hatte sich abseits der gewaltigen Baugrube schon eine lange Schlange gebildet, da standen viele Sektgläser noch immer unberührt auf den weißen Stehtischen herum. Fast die Hälfte der mehr als 400 Männer und Frauen umfassenden Belegschaft aus dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) hatte den kurzen Weg aus der alten Zentrale in die Otto-Fleck-Schneise rüber zur neuen Heimat offenbar mit mehr Hunger als Durst angetreten, um einem Meilenstein zur Erneuerung beizuwohnen: dem herbeigesehnten Spatenstich für die neue Akademie auf dem großen Grünareal zwischen Kennedyallee und Schwarzwaldstraße; das zweite „Leuchtturmprojekt“ neben der Ausrichtung der EM 2024. Im Beisein von Oberbürgermeister Peter Feldmann griffen alle hochrangigen Funktionäre inklusive Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg – Bundestrainer Joachim Löw pflegt solche Pflichttermine auszulassen – am Freitag gemeinsam zur Schaufel, um „nach vielen Irrungen und kleinen Wirrrungen“ (Feldmann) bis zu diesem mehrfach verschobenen Termin ein hübsches Motiv zu liefern.

Auf dem Gelände der ehemaligen Galopprennbahn entsteht bis 2021 nun nicht weniger als „ein Harvard des deutschen Fußballs“, wie es Oliver Bierhoff nennt. „In der Vergangenheit hatten die anderen Nationen stark auf uns geschaut. Mit ihrer Neugier und ihrem Biss sind sie ein Tick voran. Jetzt wollen wir wieder weltweite Maßstäbe setzen“, erklärte der zuständige DFB-Direktor. Die kickende Elite von der U15-bis zur A-Nationalmannschaft soll nach französisch-englisch-belgischem Vorbild auch auf deutschem Boden beste Rahmenbedingungen vorfinden. Wobei Bierhoff daran erinnerte, wie er vor elf Jahren dem einstigen Präsidenten Theo Zwanziger auf einer Autofahrt mit dem Ansinnen konfrontierte, man könne doch neben der Frankfurter Arena ein neues Verwaltungsgebäude und Museum errichten. Damals galt der Nationalmannschaftsmanager als Spinner.

Jetzt wird alles ungefähr zehnmal größer und fünfmal teurer umgesetzt. Gleichwohl sollen die vom eigenen Bundestag einstimmig abgesegneten 150 Millionen Euro Baukosten gut angelegtes Geld sein, um den deutschen Fußball „mit einer zentralen Dienststelle für Profis und Amateure“ (Vizepräsident Rainer Koch) wieder auf Vordermann zu bringen. Für seine Verhältnisse prägnant wie selten fasste der mit Koch als Interimspräsident tätige Reinhard Rauball zusammen, was im Verband die vergangenen Jahre versäumt wurde: „Man muss ehrlich mit sich selbst sein. Wir haben es versäumt. Wir hätten das schon sehr viel früher starten sollen. Wir haben uns nach dem WM-Titel 2014 zu sehr ausgeruht. Im Erfolg werden die größten Fehler gemacht. Wir haben die Engländer gar nicht beachtet, wie sie mit ihren Jugendmannschaften an uns vorbeigerannt sind“, stellte Rauball selbstkritisch fest und führte aus, dass Toptalent Jadon Sancho deshalb der zweitbeliebteste Spieler nach Marco Reus bei Borussia Dortmund, weil der 19-jährige Tempodribbler Dinge beherrsche, die gleichaltrige Deutsche nicht draufhätten. „Auch Frankreich hat uns im Griff, deshalb sind so viele französische Spieler in der Bundesliga.“ Und so gab der scheidende Liga-Präsident für die Rückkehr in die Weltspitze vor: „Es reicht nicht einen wunderschönen Bau hinzustellen, der Inhalt ist entscheidend.“

Es gilt also rasch „die Lücke zu schließen“, wie der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou betonte, der mit Akademieleiter Tobias Haupt den vielleicht wichtigsten Verbündeten Bierhoffs gibt. Optimal für den Wissensaustausch erscheint die zentrale Lage mit der Anbindung ans Autobahnkreuz, den Bahnhof und Flughafen. Voss-Tecklenburg beeindruckte besonders der Skyline-Blick. Sie sieht ihre Nationalspielerinnen gefordert, „durch diese Tür des DFB zu gehen“. Die mit einem Bauunternehmer verheiratete Bundestrainerin empfahl nebendran aus eigener Erfahrung allen Beteiligten, schnell noch ein persönliches Erinnerungsfoto zu schießen, „denn hier entsteht in der Größenordnung etwas Einmaliges.“ Verzögerungen soll es ab sofort keine mehr geben. Punktgenau zum nächsten DFB-Bundestag Ende September in Frankfurt ist übrigens die Grundsteinlegung geplant. Dann wird nebenbei mal wieder ein neuer Präsident gekürt. Noch so eine Dauerbaustelle, über die am Freitag jedoch allenfalls in der Wartereihe vor der Bratwurstausgabe getuschelt wurde.

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