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Spanischer Scherbenhaufen

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Von: Frank Hellmann

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Soll weg, finden viele spanische Fußbalerinnen: Nationaltrainer Jorge Vilda.
Soll weg, finden viele spanische Fußbalerinnen: Nationaltrainer Jorge Vilda. © Glyn Kirk/afp

Titelkandidat Spanien steht zehn Monate vor der WM ohne Mannschaft da. 15 Spielerinnen treten aus Protest gegen den Trainer zurück, der Verband bleibt stur. Doch ist das schlau? Ein Kommentar,

Spaniens Fußball-Verband (RFEF) spart nicht mit einer markigen Beschreibung für den Ausnahmezustand, der seit Donnerstag beim Frauen-Nationalteam herrscht: Das sei eine „nie dagewesene Situation in der Geschichte des Fußballs“. 15 Nationalspielerinnen, ein Dutzend davon Kaderkräfte bei der EM in England, haben via Email ihren Rücktritt erklärt, weil sie Nationaltrainer Jorge Vilda für untragbar halten. Eigentlich hatten sie den 41-Jährigen, der seit Amtsantritt 2015 bemerkenswerte Fortschritte einleitete, bereits bei den Länderspielen im September loswerden wollen. Nun gilt dieser Trainer vor den Oktober-Partien gegen Schweden und die USA als „zu unqualifiziert“. Die derzeitige Situation beeinträchtige sie erheblich in ihrem emotionalen Zustand und ihrer Gesundheit, schreiben die Spielerinnen gleichlautend.

Die Beziehung zwischen Akteuren und Coach ist damit fast irreparabel, doch will sich der Verband (noch) nicht von Vilda trennen. Diese Form der Erpressung sei unzulässig und mit den Werten des Fußballs nicht vereinbar. Das stimmt einerseits. Andererseits stellen sich die Frage, was hinter den Kulissen wirklich passiert ist. Es wäre nicht der erste Fall, dass es womöglich diskriminierende, möglicherweise sexistische Äußerungen gegeben hat. Wo Fußballerinnen sich früher weggeduckt haben, mucken sie heute zu Recht auf. Oder ist es doch allein die Enttäuschung über die unbefriedigende EM?

Nur zur Erinnerung: Die jetzt fast komplett zurückgetretene Elf hätte Gastgeber und Europameister England im Viertelfinale (1:2 nach Verlängerung) beinahe in die Knie gezwungen. Im Falmer Stadium waren die Anhänger der „Lionesses“ zeitweise mucksmäuschenstill. Doch dann passierte den Spanierinnen das, was schon im Gruppenspiel gegen Deutschland (0:2) geschah: Gegen einen physisch überlegenen, willensstarken Gegner knickte das Ensemble beinahe unerklärlich ein.

Trotzdem betonten Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg und der Sportliche Leiter Nationalmannschaften Joti Chatzialexiou sofort: Den Spanierinnen gehört die Zukunft, vielleicht schon bei der WM 2023 in Australien und Neuseeland. Dann sind die verletzten Stars, die Weltfußballerin Alexia Putellas und Torjägerin Jennifer Hermoso, wieder fit, die sich an der Rebellion übrigens nicht beteiligt haben. Und langfristig liefert die tolle Nachwuchsarbeit in Verband und Vereinen, allen voran beim nach der Vorherrschaft auf Klubebene strebenden FC Barcelona, so viel Nachschub, dass der Konkurrenz noch Hören und Sehen vergehen könnte.

Vorerst aber steht der spanische Frauenfußball vor einem Scherbenhaufen. Weil nach diesem öffentlichen Streit nur Verlierer und Verliererinnen bleiben. Der Imageschaden für eine Sportnation ist schon jetzt immens. Es braucht Aufklärung, was wirklich hinter der Rücktrittswelle steckt. Darauf sollte auch RFEF-Boss Luis Rubiales den Fokus legen, anstatt pauschal seine Fußballerinnen zu beschimpfen. Für eine solche Massenmeuterei muss es Gründe geben, welche die Öffentlichkeit noch nicht kennt.

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