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Spaniens Frauenfußball: Vorbild auf vielen Ebenen

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Von: Frank Hellmann

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Großer Jubel: Sandra Panos (l.) und Aitana Bonmati feiern den Auftaktsieg gegen Finnland.
Großer Jubel: Sandra Panos (l.) und Aitana Bonmati feiern den Auftaktsieg gegen Finnland. © AFP

Der spanische Frauenfußball hat enorme Fortschritte gemacht und damit in Europa eine Führungsrolle inne. Auch beim nächsten Gruppengegner Deutschland schielt man zum spanischen Verband.

Jorge Vilda ist kein Mann der lauten Töne. Der Nationaltrainer der spanischen Fußballerinnen pflegt gewöhnlich eine zurückhaltende Art und predigt immer wieder den Gemeinsinn. Der Madrilene, der in Jugendzeiten sowohl für den FC Barcelona als auch Real Madrid spielte, ehe er bereits mit 27 Jahren als Assistenztrainer bei den spanischen Juniorinnen anfing, weiß nur zu gut, wie mühsam im Frauen- und Mädchenfußball die Saat ausgebracht werden muss, ehe die Ernte eingefahren werden kann.

Aber für den 41-Jährigen, der 2015 den Cheftrainerposten bei Spaniens Frauen übernahm, scheint die Zeit jetzt reif. Er hat vor dem zweiten EM-Gruppenspiel gegen Deutschland daran erinnert, dass sein Ensemble beim Vorbereitungsturnier in England um den Arnold-Clark-Cup die klar bessere Mannschaft war, dann aber kurz vor Schluss noch den 1:1-Ausgleich der nun positiv auf das Corona-Virus getesteten Lea Schüller schluckte. Kein Sieg im sechsten Anlauf. Jetzt aber glaubt Vilda: „Wir haben daraus gelernt. Es ist jetzt die beste Gelegenheit, Deutschland zum ersten Mal zu schlagen.“

Ihm passte die hohe Erwartungshaltung vor der EM indes gar nicht. Nur weil der FC Barcelona die Champions League gewinnen kann – 2021 gelang das, in diesem Jahr war Olympique Lyon wieder zu stark -, und zweimal mehr als 90.000 Menschen ins Camp Nou strömen, um Weltfußballerin Alexia Putellas anzufeuern, muss sein Nationalteam nicht zwangsläufig das Turnier gewinnen. Insofern hatte Putellas Kreuzbandriss einen Effekt: Auch bei den spanischen Medien kam nach dieser Schocknachricht wieder viel Demut durch. Die Kritik an Vildas Nichts-Berücksichtigung der lange verletzten Jennifer Hermoso ebbte ebenso ab.

Standards als Türöffner

Im ersten Spiel gegen Finnland (4:1) kam noch ein früher Rückstand dazu, doch dann schüttelten sich die Spanierinnen, und anstelle des ansonsten gepflegten Tiki-Taka erwiesen sich auf einmal schnöde Standardsituationen als Türöffner. Irene Paredes, Aitana Bonmati und Lucia Garcia bewiesen drei Mal Köpfchen – und damit eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit. Es steht aber außer Frage, dass der Fifa-Weltranglistensiebte, der bei der EM 2017 erstaunlicherweise im Viertelfinale gegen Österreich kein Tor aus dem Spiel zustande brachte und dann im Elfmeterschießen fast mit Ansage scheiterte, gegen Deutschland wieder auf viel Ballbesitz setzen wird.

Das ist in der DNA der Spielerinnen verankert, weil das Stilmittel bewusst aus den Talentschmieden der Männer und Jungs auch für die Frauen und Mädchen kopiert worden war. Beispielhaft beim FC Barcelona, wo der Ursprung einer nachhaltigen Entwicklung zu finden ist. Der Fortschritt wird auch vom spanischen Fußball-Verband RFEF belohnt: Künftig sollen das Frauen- und das Männer-Nationalteam von den von der Uefa und Fifa verteilten Bonuszahlungen und Fernsehprämien gleichermaßen profitieren. Schließlich könnten die Frauen eine Epoche prägen wie einst die Männer.

Für den Sportlichen Leiter Nationalmannschaft beim DFB, Joti Chatzialexiou, sind die spanischen Leistungszentren längst beispielhaft. Er macht keinen Hehl daraus, dass die dort erschaffenen Strukturen eine weltweite Benchmark bilden, wenn es um die Basisarbeit im Nachwuchs geht. „Das ist eine andere Mentalität, eine andere Haltung“. Der über den Tellerrand blickende 46-Jährige zählt in diesem Zusammenhang auf, dass spanische Juniorinnen seit rund einem Jahrzehnt bis auf eine Ausnahme immer mindestens bis ins Halbfinale einer U17- beziehungsweise U19-EM gekommen sind.

Ergo: „Ich glaube, dass der spanische Fußball in Zukunft im Frauenbereich dominierend sein wird.“ Nichtsdestotrotz müsse aber der deutschen Mannschaft im ausverkauften Community-Stadion von Brentford nicht bange sein. „Wir müssen den deutschen Weg gehen und brauchen uns nicht verstecken.“ Auch wenn Jorge Vilda das Stoppschild aufstellen will.

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