Aufwind sieht anders aus: Der DFB hängt schwer in den Seilen.
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Aufwind sieht anders aus: Der DFB hängt schwer in den Seilen.

Dritte Liga

Spätes Machtwort

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Die Drittligisten fügen sich eher zähneknirschend in die Entscheidung des DFB, die Saison nicht abzubrechen.  

Der südbadische Gastronom Fritz Keller hat viele Jahre seines Lebens im wahrsten Sinne des Wortes auf der Sonnenseite zugebracht. Insofern wirkt nachvollziehbar, dass ein Fachmann des Fußballs und des Genusses sich Zeiten wünscht, in denen „wir wieder mit einer Wurst und Schorle am Platz stehen“. Problem nur, dass solch romantische Reminiszenzen selten in die Zukunft weisen. In der Corona-Krise hat auch der höchste Würdenträger des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) feststellen müssen, dass sich in der Dritten Liga jeder selbst der nächste ist. Weshalb nach dem eindeutigen Votum auf dem Außerordentlichen Bundestag für die Fortführung des Spielbetriebs der präsidiale Appell erklang: „Keine Tricks mehr und keine Verweigerungshaltung.“ Der DFB sieht sich demokratisch legitimiert, die Restsaison vom Pfingstwochenende bis zum 4. Juli in Englischen Wochen durchzupeitschen – auch wenn Waldhof Mannheim die Abstimmung der Funktionäre als „indirekte Demokratie“ (Manager Markus Kompp) geißelte. Die Kurpfälzer fordern vom Verband gleich noch 79 000 Euro für die Umsetzung des Hygienekonzepts zurück. Ausgang offen. 

Drängender ist, ob überall gespielt werden kann. Generalsekretär Friedrich Curtius äußerte sich verhalten optimistisch, dass die noch fehlenden Verfügungslagen aus einzelnen Bundesländern bis zum Wochenende vorliegen würden. Die Problemfälle sind im Osten angesiedelt. Die Landesregierung in Sachsen-Anhalt hat am Dienstag immerhin den Weg für Spiele des 1. FC Magdeburg und Hallescher FC im eigenen Stadion frei gemacht - sofern das auch die Städte erlauben. Problemfall bleibt Thüringen: Weil die Stadt Jena bis 5. Juni keinen Trainings- und Spielbetrieb zulässt, hat Jena ein Quarantäne-Trainingslager in Leipzig bezogen. Geschäftsführer Chris Förster begründete den Verzicht auf Rechtsmittel so: „Wir sind zum Schluss gekommen, dass man Fairness nicht einklagen kann - zumindest nicht beim DFB.“

Seitenhieb nach Thüringen

Jena sucht für das Ostduell gegen den Chemnitzer FC am Sonntag noch nach einem Stadion, erhielt bislang nur Absagen. Der DFB könnte Würzburg als Spielort benennen. Seitenhieb nach Thüringen Die juristische Beantwortung möglicher Klagen steht noch aus, die moralische Bewertung hat die DFB-Spitze schon vorgenommen. Vizepräsident Rainer Koch rüffelte die Abbruch-Befürworter für ein „unwürdiges Schauspiel“. Ab jetzt ist der DFB-Vorstand ermächtigt, bei einem Saisonabbruch über Auf- und Abstieg zu entscheiden. Keller hält es für richtig, mal ein Machtwort zu sprechen. Aus seiner Sicht kommt es fast zu spät: „Vielleicht sind wir zu demokratisch – und lassen zu viele Freiheiten.“ Würde man auf die Tabelle schauen, wisse man doch was los ist: Jene Klubs wollen abbrechen, denen der Abstieg droht. Der Verbandschef äußerte laute Zweifel über „Landesverbände“, deren Landesregierungen „jetzt die große Öffnung“ planen. Ein Seitenhieb nach Thüringen. 

Der 63-Jährige muss nur aufpassen, nicht alte Ost-West-Konflikte zu entfachen. Zähneknirschend hat Halle am Wochenende seine Quarantäne-Trainingslager im Münsterland bezogen. Der Gastgeber für das am Sonntag angesetzte Geisterspiel, Preußen Münster, ist nachgezogen, obwohl deren Mannschaftsarzt die Saisonfortsetzung für „wenig sinnvoll“ hält. Konkret fürchtet der FSV Zwickau in der Corona-Krise den Ruin, erst recht bei einem Abstieg in die Regionalliga. In diesem speziellen Fall schlug Keller den Bogen zu seiner eigenen Vergangenheit. „Das Risiko, dass man absteigt als Erstligist, Zweitligist oder Drittligist, muss man einkalkulieren als seriöses Unternehmen. Im Berufsfußball sowieso. Ich muss so viel auf die Kante legen, dass ich beim Abstieg nicht den Laden zumachen muss. Das habe ich bei meinem Verein über 25 Jahre verfolgt. Und wir haben es immer wieder geschafft, hochzukommen.“ Dreimal ist der ehemalige Präsident mit dem SC Freiburg abgestiegen. Doch ist der zwischen Bundesliga und Zweiter Bundesliga pendelnde Sportclub wirklich die Vergleichsgröße? Der Graben zu den fünf Regionalligen ist der vielleicht größte im deutschen Fußball. RB Leipzig blieb einst genau an dieser Schwelle hängen. Baumeister Ralf Rangnick bezeichnete den Drittliga-Aufstieg 2013 mal als das schwierigste Nadelöhr auf dem Weg nach oben. Daran zu erinnern, lohnt sehr wohl.

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