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Der Spätberufene

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Von: Matti Lieske

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Wurde schnell zum Liebling der Fans: Graziano Pellé.
Wurde schnell zum Liebling der Fans: Graziano Pellé. © REUTERS

Der frühere Turniertänzer Graziano Pellè gehört zu den Überraschungen dieser Europameisterschaft.

Bisher hatten die deutschen Innenverteidiger relativ wenig Mühe, die gegnerischen Mittelstürmer zu kontrollieren, inklusive Robert Lewandowski aus Polen. Am Samstag gegen Italien könnte die Aufgabe etwas kniffliger werden. Trainer Antonio Conte hat zwar keinen ausgewiesenen Torjäger im Team, bietet aber mit dem gebürtigen Brasilianer Éder und Graziano Pellè ein Duo auf, das schnell, flexibel und variantenreich angreifen kann.

Vor allem Pellè ist ein Stürmer, wie ihn Conte bevorzugt, weshalb er ihn nach seiner Amtsübernahme auch bald in seinen Kader berief, ein spätes Debüt mit 29 Jahren. Der Mann vom FC Southampton ist mit seinen 1,94 Meter kräftig, durchsetzungsfähig und kopfballstark, aber er ist auch außerhalb des Strafraums gut zu gebrauchen, kann kombinieren, den Ball halten, verteidigen und ist sehr laufstark. In Italiens erster Partie legte er gegen Belgien 11,5 Kilometer zurück und hatte am Ende noch genug Kraft, per Volleyschuss den finalen Treffer zum 2:0 zu erzielen. Und er ist sehr beweglich für seine Größe, was kein Wunder ist, schließlich wäre er beinahe Tänzer geworden. Mit elf Jahren war er zusammen mit seiner Schwester italienischer U12-Meister im Turniertanz.

Sein Vater, der ihn nach dem damals berühmten Nationalstürmer Francesco Graziani benannte, und vor allem sein fußballbegeisterter Großvater waren allerdings für eine andere Entwicklung verantwortlich, auch dafür, dass er nicht den kriminell angehauchten Versuchungen erlag, denen junge Männer in Apulien, wo er in der Nähe von Lecce aufwuchs, gelegentlich ausgesetzt sind. Graziano Pellè wurde zu einem Mann, der Werte wie Höflichkeit und Respekt schätzt und, wie er dem „Guardian“ mal erzählte, einer Zeit nachtrauert, in der man einer Frau bei einer Verabredung noch in die Augen schaute und nicht auf sein Smartphone.

Sein fußballerisches Glück fand er jedoch nicht in der Heimat, sondern in den Niederlanden. Er spielte zwar in den italienischen Juniorennationalmannschaften, konnte jedoch bei US Lecce nicht Fuß fassen und wurde mehrfach an Zweit- oder Drittligisten ausgeliehen. Für die italienischen Klubs hat er nicht viel übrig. Junge Spieler hätten dort kaum eine Chance, beim ersten Fehler wäre man raus, die Vereine hätten keine Geduld, Talente zu entwickeln, und überhaupt würden bloß Tore zählen.

Ganz anders in den Niederlanden. Dort hatte ihn Louis van Gaal, der gerade seine Trainerkarriere bei AZ Alkmaar reanimierte, 2005 bei der U20-WM gesehen und holte ihn 2007 zum Klub. Vier Jahre blieb Pellè dort, lernte eine Menge von van Gaal, wie er sagt, erfüllte aber nie ganz die Erwartungen und kehrte nach Italien zurück.

23 Ligatoren in zwei Spielzeiten

Dort stagnierte seine Karriere erneut, von Parma wurde er an den damaligen Zweitligisten Sampdoria Genua ausgeliehen, bis ihm ein Zufall zu Hilfe kam. Im Urlaub auf Ibiza traf der kommunikative Pellè einen Freund des Sohnes von Ronald Koeman, der Feyenoord Rotterdam trainierte. Er schwärmte vom niederländischen Fußball und sagte scherzhaft zu seinem Gesprächspartner, er solle Koeman grüßen und ihm sagen, er möge ihn bitte zu Feyenoord holen. Der Trainer war tatsächlich interessiert, und bei Feyenoord konnte Pellè endlich sein Potenzial ausschöpfen. Er wurde der Liebling der Fans, als ihm ein Siegtor gegen Ajax Amsterdam gelang, wegen seines vorteilhaften Äußeren, das der Klub in Werbespots für Imagewerbung nutzte, auch der Liebling der Frauen, und er erzielte 55 Tore in 66 Spielen.

Koeman habe ihn zum kompletten Spieler gemacht, sagt der 30-Jährige, und als der Niederländer 2014 zum FC Southampton ging, holte er den Stürmer für etwa elf Millionen Euro nach. In England verbesserte sich Pellè noch mal aufgrund der Anforderungen des dortigen Fußballs. In der niederländischen Liga müsse man zwar auch den Ball gut treffen, aber manchmal hätte es gereicht, nur 80 Prozent zu geben. In England würde einem selbst in Vorbereitungsspielen gegen Drittligisten alles abverlangt.

In der Premier League sorgte dann nicht nur Koemans Team mit einem überraschenden siebten Platz für Furore, sondern auch Pellè mit 23 Ligatoren in zwei Spielzeiten. Conte, dem der bis zur WM 2014 gesetzte Mario Balotelli wegen fortgesetzter Formschwäche abhandengekommen war, zögerte nicht, den Emigranten in sein Team zu holen, und er hielt auch an ihm fest, als es vergangene Saison eine Zeitlang nicht so gut für ihn lief beim FC Southampton.

Italien hat bei großen Turnieren schließlich gute Erfahrungen gemacht mit relativ spät gereiften Stürmern. Paolo Rossi und Salvatore Schillaci waren jeweils 25, als sie bei den Weltmeisterschaften 1982 und 1990 recht plötzlich ins Rampenlicht rückten und jeweils sechs Tore erzielten. So viele müssen es vielleicht gar nicht sein. Der ehemalige Nationalspieler Alessandro Del Piero wies darauf hin, dass beim WM-Gewinn 2006 Luca Toni Italiens gefährlichster Stürmer gewesen sei – mit zwei Toren. Die hat Graziano Pellè in Frankreich schon jetzt auf dem Konto.

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