+
So schnell rollt kein Fußball mehr, auch nicht in der Corona-Area. 

Folgen der Corona-Krise

Sozialfall Fußball

  • schließen

Ein Abbruch der Spielzeit würde den Wirtschaftszweig heftig treffen - die Saison soll bis Ende Juni dauern. Doch halten die Klubs ökonomisch durch?

Es wird spannend werden am heutigen Montag im Konferenzzentrum des Frankfurter Sheraton-Airporthotels. Die Deutsche Fußball-Liga hat ab 11.30 Uhr alle 36 Lizenzklubs der ersten und zweiten Liga zur großen Krisensitzung eingeladen. Bis zu zwei Vertreter pro Verein dürfen anwesend sein, um verzweifelt nach Wegen aus der Krise zu suchen, die das Coronavirus auch diesem hochpolitischen und hochemotionalen Wirtschaftszweig beschert. Und es wird dabei auch ein persönliches Risiko eingegangen mit den notwendigen Reisetätigkeiten und den direkten Sozialkontakten untereinander.

Es dürfte kompliziert werden mit konkreten Beschlussvorlagen der Versammlung angesichts der dynamischen Entwicklung, aber klar ist: Es wird weniger um die in der Öffentlichkeit zuletzt heftig debattierte Moral des hiesigen Profifußballs und seiner Dachorganisation Deutsche Fußball-Liga (DFL) gehen, als vielmehr knallhart um Zahlen. Die Mathematik der steigenden Coronaerkrankungen wird zur Mathematik der Fußball-Bundesligen. Die Sorge, dass ein Abbruch der laufenden Saison eine Vielzahl von Klubs in Richtung einer Insolvenz treibt, ist groß. Die Rede ist intern von bis zu einem Viertel der aktuellen Erstligaklubs und mindestens der Hälfte der Zweitligisten, die die drohenden Einnahmeausfälle von insgesamt fast 700 Millionen Euro nicht annähernd selbstständig kompensieren könnten. Deshalb dürfte ein Rettungsschirm der DFL unter Mithilfe der reicheren Klubs gespannt werden. Auch Unterstützung durch die Politik – konkret: Kurzarbeitergeld - soll ebenso debattiert werden wie ein Gehaltsverzicht der Profis und Vorstände. Ziel sei es, sagte ein Ligamanager am Wochenende der FR, alles Geld zusammenzukratzen und somit die Grundlage des Geschäftsbetriebs zu sichern.

Denn in den Haushalten der Klubs kommt es traditionell im April auch ohne grassierendes Virus zu Engpässen. „Der April ist die Nagelprobe“, weiß Ex-DFL-Direktor Andreas Rettig. Denn wenn die ursprünglich erwartete letzte Tranche der TV-Anstalten von rund 330 Millionen Euro Anfang Mai ausbleibt, reißt das ein zusätzlich zu voluminös verminderten Einnahmen aus der Bandenwerbung, dem Sponsoring, Hospitality und Eintrittsgeldern (zusammen rund 350 Millionen Euro) ein Loch in die oft knapp kalkulierten Etats.

Zu den großen Stärken von Christian Seifert, dem nach wie vor unumstrittenen Anführer DFL, gehörte es in den 15 Jahren seiner Amtszeit, Entwicklungen weit vorauszusehen. Die Coronakrise hat nun erstmals dazu geführt, dass der 50-Jährige heftige öffentliche Kritik dafür einkassieren musste, dass er der fortschreitenden Epidemie als letzte große europäische Fußballliga hinterher hastete. Und mit ihm das Präsidium der DFL, das mit vier Bundesliga- und drei Zweitligavertretern bestückt ist. Weder Seifert, der intern für seine konsequent auf die wirtschaftlichen Folgen ausgerichtete Strategie viel Lob bekam, noch Mitglieder dieses ständig in Telefonkonferenzen verbundenen Gremiums wollten sich am Wochenende äußern.

Es ist nach Informationen der Frankfurter Rundschau davon auszugehen, dass die Bundesligen versuchen wollen, sich auf folgendes Szenario zu einigen: Die vorerst bis Anfang April, wahrscheinlich viel länger, auszusetzende Saison soll bis zum Wochenende 27./28 Juni soweit wie möglich und so synchron wie möglich auch ohne Zuschauer fortgesetzt und die dann aktuelle Tabelle als bindend akzeptiert werden. Alle Klubs sollen ihre Einzelinteressen entsprechend zurückstellen, da eine absolute Gerechtigkeit ohnehin illusorisch sei. Das erwartete Motto im Sinne einer solidarischen Einigung: „Schnauze halten und durch!“

Auch eine Verlängerung der aktuellen Spielzeit, möglicherweise bis in den August hinein, wird diskutiert. Von der Uefa wird zwingend erwartet, dass diese nach ihrer Videokonferenz am Dienstag eine Verschiebung der Europameisterschaft 2020 bekanntgibt. Und zwar nicht bloß in den Winter 2020/21, sondern in den Sommer 2021 – auch wenn das zu Auseinandersetzungen der in herzlicher Abneigung gegenüberstehenden Verbände Uefa und Fifa kommen würde. Denn die Fifa plant für kommenden Sommer erstmals eine Klub-WM mit 24 Teams, ausgerechnet in China, wo das Coronavirus ausgebrochen ist. „Die Spieler“, sagt ein Bundesligamanager der FR, „wären ja verrückt, wenn sie nächsten Sommer ausgerechnet in China spielen würden.“

Abseits derartiger Zukunftsfragen glauben zunehmend mehr Protagonisten nicht mehr wirklich an eine Fortsetzung der aktuellen hiesigen Saison. Denn nach bereits vier Zweitligaprofis ist nun auch der erste Bundesligaspieler (Luca Kilian vom SC Paderborn) erkrankt, sein Team in Quarantäne. „Ich plädiere nicht für sofortigen Abbruch“, sagte Paderborns leidgeprüfter Manager Martin Przondziono der „SZ“, „aber ich bin sicher, dass wir in zwei Wochen noch nicht wieder über Fußball reden werden. Ich gehe auch nicht davon aus, dass wir in vier Wochen wieder spielen. Wir stehen erst am Anfang.“

Die deutsche Spielergewerkschaft VdV wollte sich auf FR-Anfrage zu einem möglichen Gehaltsverzicht der Topprofis nicht konkret äußern, sondern verwies vor allem auf die zu erwartende prekäre Lage der ohnehin oft nur kärgliche Gehälter beziehenden Spieler in dritter und vierter Liga. Der Generalsekretär der internationale Spielerorganisation FIFPro, Jonas Baer-Hoffmann, argumentierte ähnlich, forderte dazu im ZDF-Sportstudio aber auch einen „gemeinsamen Sozialplan mit allen Beteiligten“.

In der 1000. Ausgabe des Fußballstammtisches Doppelpass rief der telefonisch zugeschaltete Bayern Münchens Ehrenpräsident Uli Hoeneß in gewohnt aufgeregter Tonalität zur Mäßigung auf: „Ich finde es Scharlatanerie, heute zu sagen, was man in vier Wochen machen soll. Wir müssen jetzt alle mal runterschalten auf Null.“ Er erwarte deshalb vom Krisentreffen der Liga in Frankfurt wenig Erkenntnisse: „Vielleicht wird auch erst im Oktober oder Dezember wieder gespielt, das weiß doch keiner.“ Paderborns Manager Przondziono räumte ein: „Wir sind alle überfordert im Moment.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare