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Sorgenvolle Worte nach Nullnummer

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Von: Frank Hellmann

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Viel Krampf, wenig Klasse- das erste torlose Spiel bei dieser WM: Das änderten auch Eriksen (li.) nicht.
Viel Krampf, wenig Klasse- das erste torlose Spiel bei dieser WM: Das änderten auch Eriksen (li.) nicht. afp © AFP

Während die tunesischen Fans eine Nullnummer feiern, kommt der dänischen Trainer Kasper Hjulmand nach seinem WM-Debüt ins Grübeln, ob Katar für ihn wirklich der richtige Platz ist

Mit Schlusspfiff sank Montassar Talbi auf die Knie wie beim Gebet in einer Moschee. Der in Paris geborene tunesische Abwehrspieler küsste noch den Rasen im Education City Stadium, das in der mit Doha fast verschmolzenen Stadt Al-Rayyan tatsächlich dort errichtet worden ist, wo sich besonders viele Bildungseinrichtungen befinden. Vielleicht genau der richtige Platz, an dem die Nordafrikaner bemerkenswerte Fortschritte bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft aufführten. Tunesien hatte sich das 0:0 gegen Dänemark jedenfalls mehr als verdient, auch wenn es in der fünfminütigen Nachspielzeit noch eine Schrecksekunde zu überstehen gab. Nach einem vermeintlichen Handspiel des Tunesiers Yassine Meriah eilte Schiedsrichter Cesar Arturo Ramo Palazuelos an den Kontrollmonitor, wo der Mexikaner aber ein Stoßen eines Dänen erkannte. Also kein Elfmeter.

Rund 25 000 tunesische Fans unter 42 925 Zuschauenden feierten diesen Entschluss wie einen Sieg. Die mächtige Rückendeckung gab diesem WM-Spiel auf den Rängen deutlich mehr Würze als auf dem Rasen. In dem auch als „Juwel der Wüste“ bezeichneten Stadion herrschte echte WM-Atmosphäre, die lauten Gesänge waren tagsüber bereits durch die Metroschächte gedröhnt. „Für uns war diese Unterstützung sehr bedeutend“, versicherte der zum besten Spieler gewählte Aissa Laidouni.

Der 30-Jährige betätigte sich als Wachhund für Christian Eriksen und raubte dem mit weltweitem Mitgefühl bedachten Strategen bei seinem Turnier-Comeback nach seinem Herzstillstand bei der EM jeglichen Spaß am Spiel. Dennoch hätte dem 30 Jahre alten Mittelfeldmann von Manchester United ein Geistesblitz zur Entscheidung gereicht, doch nach seinem Linksschuss erwischte Tunesiens Torwart Aymen Dahmen die Kugel noch beim Übergreifen (69.). „Wir haben nicht so agiert, wie wir wollten. Wir haben viele Zweikämpfe verloren“, sagte Eriksen hinterher.

So kam der EM-Halbfinalist kaum auf Touren. „Wir haben zu langsam gespielt. Wir sind nicht zufrieden“, erklärte Nationaltrainer Kasper Hjulmand, der in der 65. Minute den bei Eintracht Frankfurt so formstarken Jesper Lindström einwechselte. Seine auffälligste Aktion: Ein parierter Flatterschuss kurz vor Schluss aus der Distanz. Lindström kann sich im zweiten Gruppenspiel gegen Frankreich am Samstag wohl Hoffnungen auf einen Startelfeinsatz machen. Ansonsten sprach der frühere Bundesliga-Coach des FSV Mainz 05, Hjulmand, kaum über Fußball, weil ihm die Entwicklungen der vergangenen Tage schwer im Magen lagen.

„Ich liebe Diversität“

Eines schickte er seinen aufrüttelnden Worten voran: Der Wirbel um die verbotene „One-Love“-Binde sei keine Entschuldigung für den gehemmten Auftritt. Aber er habe sich seine erste WM definitiv anders vorgestellt. „Für Diversität aufzustehen, kann und darf kein politisches Statement sein. Und das ist es auch nicht“, sagte der 50-Jährige. Ihn habe auch berührt, was mit dem Iran geschehen ist, der zwischen alle Mühlsteine geraten ist. „Es muss etwas passieren. Aber wir können es nicht auf die Spieler abladen.“ Vielleicht müsse man über andere Formen des Protestes nachdenken, „warten wir ab“, sagte Hjulmand. Und wirkte nachdenklicher als nach so mancher Niederlage.

Er erinnerte an den Slogan, der in Dänemark ausgegeben worden ist: „Be a part of something bigger“. Sei Teil von etwas Größerem. Nur so kann das kleine Land überhaupt im Spitzensport mithalten. Aber diese Weltmeisterschaft passt gerade als Bühne nicht: „Ich weiß derzeit nicht, ob ich hier ein Teil von bin. Ich liebe Fußball, ich liebe Diversität, ich liebe andere Menschen. Es ist wichtig, die Richtung zu ändern. Hoffentlich werden viele junge Leute in verantwortungsvolle Ämter vorstoßen. Das ist meine Hoffnung.“ Der besorgte Fußballlehrer gab in der offiziellen Fifa-Pressekonferenz zu, dass ihn dieses Turnier in Katar gerade überfordere: „Als Mensch habe ich Schwierigkeiten, hier zu mir selbst zu finden.“ Damit ist er beileibe nicht allein.

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