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Im Sommer für den FC Chelsea am Ball: Melanie Leupolz.

Nationalspielerin Melanie Leupolz im Interview

„Es tut sogar ganz gut, mal runterzukommen“

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Melanie Leupolz, Kapitänin des FC Bayern, erklärt, warum sie gut alleine sein kann, am Saisonende zum FC Chelsea wechselt und Geisterspiele auch für den Frauenfußball befürwortet.

Melanie Leupolz stammt aus Wangen im Allgäu. Fußball spielte sie bei ihren Heimatvereinen SV Ratzenried und TSV Tettnang lange mit Jungs, ehe sie ab 2010 in der Frauenfußball-Abteilung des SC Freiburg gefördert wurde und zur Nationalspielerin wurde. 2014 wechselte die Europameisterin zum FC Bayern, wo die Mittelfeldspielerin zwei deutsche Meisterschaften gewann. Am Saisonende wechselt die Münchner Kapitänin nun ablösefrei zum FC Chelsea und folgt damit dem Lockruf der Women’s Super League, die zahlreiche internationale Topspielerinnen lockt. Neben dem Fußball studiert die 25-Jährige Wirtschaftsphilosophie, Leadership und Management. 

Melanie Leupolz, die meistgestellte Frage in Deutschland ist derzeit vermutlich, wie es einem geht. Was antworten Sie darauf?

(lacht). Es geht mir gut. Ich bin in München, denn es besteht beim FC Bayern die Anweisung, dass wir uns im näheren Umkreis vom Vereinsgelände aufhalten. Verbunden sind wir mit einer App, wo wir über Zoom miteinander kommunizieren, um etwa gemeinsame Trainingseinheiten abzuhalten. Unser Athletiktrainer macht die Übungen vor, wir filmen uns dabei selbst. Aber die Tage sind nicht so gefüllt wie sonst, das ist ja klar.

Können Sie verraten, wie Sie wohnen?

Ich habe eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit einem kleinen Balkon, in der Nähe ist ein Park, wo ich spazieren gehen kann. Aber bei mir drinnen ist es klein und eng.

Wie bewerten Sie die allgemeine Situation durch das Coronavirus?

Prinzipiell habe ich das anfangs unterschätzt. Letzten Endes weiß ich jetzt auch, wie gravierend die Lage ist. Ich appelliere an jeden einzelnen, verantwortungsvoll mit der Situation umzugehen. Je strikter wir Kontakt vermeiden, desto schneller bekommen wir unsere Freiheiten zurück. Mir hilft, dass ich generell eine positive Lebenseinstellung habe.

Bayern-Profi Jerome Boateng hat mit dem Verein Ärger bekommen, weil er zu seinem erkrankten Sohn nach Leipzig gefahren ist und damit gegen die Ausgangssperre verstoßen hat. Wie weit dürfen Sie weg?

Wir sollen in 90 Minuten beim Verein sein. Ich war einmal zwei Tage bei meinen Eltern, die im Allgäu wohnen und einen Garten haben. Da meine Eltern noch arbeiten, und speziell mein Vater als Maschinenbauingenieur im Schichtbetrieb noch Kontakt zu anderen Menschen hat, fahre ich aber nicht mehr dahin, weil ich mich auf keinen Fall anstecken möchte. Insofern bin auch ich gewissermaßen isoliert. Ich bin aber ein Typ, der gut allein sein kann.

Ihnen fällt also nicht die Decke auf den Kopf?

Ich fühle mich auf keinen Fall einsam! Ich koche und backe sehr gerne. Ich lese viel, derzeit ein hintergründiges Buch über den US-Präsidenten Donald Trump, weil in Amerika ja bald die Wahlen stattfinden. Und ich habe noch mein Studium (sie hat ihren Bachelor für Wirtschaftspsychologie, Leadership und Management gemacht, Anm. d. Red.). Man hat jetzt Zeit für Dinge, die sonst zu kurz gekommen. Ich kannte das ja kaum mehr, einfach nur auf dem Sofa zu liegen. Ich spiele seit fast zehn Jahren professionell Fußball, ich hatte immer nur kurze Winter- oder Sommerpausen. So viel Zeit wie jetzt hatte ich noch nie. Alles ist entschleunigt. Stand jetzt tut das sogar ganz gut, um mal runterzukommen.

Frönen Sie noch Ihrem Hobby dem Motorradfahren?

In München habe ich zuerst mit einem Roller das Stadtleben erkundet. Später habe ich mir tatsächlich eine alte Honda Hornet gekauft, aber dort ist so viel kaputtgegangen, dass jedes Mal der Papa für die Reparatur kommen musste. Da habe ich die Maschine lieber verkauft (lacht).

Sie haben Mitte März bekanntgegeben, dass Sie im Sommer zum FC Chelsea wechseln. Vertiefen Sie auch Ihre Englischkenntnisse?

Nein, weil mein Schulenglisch in Ordnung ist. Ich war mit der US-Amerikanerin Claire Falknor gut befreundet war, als diese bei uns gespielt hat. Wenn danach neue ausländische Spielerinnen kamen, hat mir der damalige Trainer Thomas Wörle diese immer zugeteilt. Und dann hat man auch Englisch gesprochen.

Wer ihren Werdegang verfolgt hat, für den kam der Wechsel nicht überraschend. Sie hatten vergangenen Sommer bewusst nur ein Jahr verlängert, weil Sie die Entwicklung des Frauenfußballs beim FC Bayern genau verfolgen wollten.

Ich war sechs Jahre in München, das ist auch bei den Frauen inzwischen eine lange Zeit. Der Wunsch, einmal ins Ausland zu gehen, besteht schon seit Beginn meiner Karriere. Durch den großen Umbruch im Sommer, die kurze Vorbereitung nach der WM hat es in der Hinrunde an einigen Stellen gehakt. Ich wäre für die Rückrunde aber sehr zuversichtlich gewesen, wir hätten jetzt die Highlights in der Champions League gegen Olympique Lyon gehabt.

Haben Sie das Angebot von Chelsea auch angenommen, weil Sie Wertschätzung vermisst haben? Das Champions-League-Viertelfinale gegen den Titelverteidiger Lyon hätte wieder auf dem nur 2500 Zuschauer fassenden Stadion auf dem Bayern-Campus stattgefunden. Hat es eine Rolle gespielt, dass in England viel mehr passiert?

Als ich nach München gewechselt bin, haben wir noch in Aschheim trainiert, die Bedingungen waren dort wirklich nicht besonders gut. Unter diesen Aspekten hat sich einiges entwickelt. Der FC Bayern hat die Spielerinnen auch in die Konzepte eingebunden, ich habe selbst an Workshops teilgenommen. Ich glaube immer noch, dass es eine gute Entwicklung nehmen kann. Aber das hat wirklich nicht die größte Rolle für meine Entscheidung gespielt.

Sondern?

Das Gesamtpaket hat gepasst. Es waren wirklich coole Gespräche, die ich zum Beispiel mit Chelseas Trainerin Emma Hayes und Manager Paul Green geführt habe. Ich finde spannend, dass dort die Frauen und Männer beispielsweise beim Marketing gleichberechtigt behandelt werden. In der Außendarstellung stehen beide Teams auf einer Stufe, das kenne ich so aus Deutschland nicht. Ich habe mir über die FA-Player-App auch einige Spiele angeschaut und glaube, dass ich mein Spiel dort noch weiterentwickeln kann.

Ihre Vorstellung bei Chelsea hat einigen Rummel ausgelöst.

Ich bin mit meinem Manager Henner Janzen direkt vom Algarve-Cup dorthin geflogen. Als wir am Flughafen ankamen, warteten Kamerateams; als wir aus dem Auto ausstiegen, musste ich Interviews geben. Und als wir an der Stamford Bridge aufkamen, ging es weiter mit einer Vorstellung und Interviews. Danach haben wir noch mögliche Wohngebiete angeschaut. Eigentlich hätte ich den nächsten Tag mir noch das Trainingsgelände ansehen sollen, doch dann kam ein Corona-Fall bei den Männern (Callum Hudson-Odoi; Anm. d. Red) dazwischen. Wir sind dann auf den letzten Drücker wieder abgereist.

Bei den Männern ist das Thema Gehaltsverzicht in aller Munde. Wie stehen die Frauen dazu?

Wir wissen doch, dass das Thema Equal Pay utopisch ist. Ich kann nicht zum FC Bayern gehen und sagen, ich verlängere, wenn ich dasselbe verdiene die Thiago. Wie soll man das rechtfertigen? Über einen Gehaltsverzicht haben wir beim FC Bayern nicht geredet. Wir würden über einzelne Maßnahmen in der Mannschaft sprechen – zum Beispiel über die Unterstützung anderer Vereine oder soziale Projekte – wenn feststehen sollte, dass die Saison abgebrochen werden muss.

Sollte diese Saison in der Frauen-Bundesliga wirklich mit Geisterspielen weitergehen?

Da wir nicht ganz so viele Fans haben, wäre der Unterschied nicht so riesengroß wie bei den Männern. Es geht natürlich auch bei uns um TV-Gelder, auch wenn diese nicht so hoch sind. Ich persönlich würde einfach gerne noch mal für den FC Bayern spielen. Es ist kein schöner Gedanke, wenn ich mir vorstelle, dass ich für den Klub schon mein letztes Spiel gemacht habe. Deshalb hoffe ich, dass wir noch mal spielen können, aber es muss natürlich unter gesundheitlichen Aspekten vertretbar sein.

Weil die Olympischen Spiele ins nächste Jahr verlegt worden sind, kann auch die Frauen-EM 2021 in England nicht wie geplant stattfinden, denn England, Niederlande und Schweden spielen beim Olympischen Turnier mit. Beschäftigen Sie sich mit solchen Szenarien?

Ehrlich gesagt ist mir egal, wann das Turnier stattfindet. Ob in ein oder zwei Jahren: Das Wichtigste ist gerade, dass möglichst viele Menschen gesund bleiben.

Interview: Frank Hellmann

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