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Eine bezeichnende Geste: Inka Grings mit erhobenem Zeigefinger. Mittlerweile trainiert die Ex-Nationalspielerin lieber Jungs.

Trainerinnen

Wo sind bloß die Frauen hin?

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Im Trainerbereich gibt es für das weibliche Geschlecht viel zu tun.

Kim Kulig hat das kürzlich lapidar gemeint: Wenn sie sich demnächst zu einem Fußballlehrer-Lehrgang anmelden möchte, dann dürfte es mit der Zulassung nicht so schwierig werden. Nicht, weil das Gesicht der ehemaligen Nationalspielerin oder Fernsehexpertin so bekannt, sondern die Frauenquote so niedrig ist. Die Zahlen, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zu seinen Absolventen an der Hennes-Weisweiler-Akademie herausgegeben hat, sind erschreckend. 756 Männer haben bislang das Trainerdiplom erworben. Aber nur 29 Frauen. Wenn am Montag in einem Festakt in Neu-Isenburg die Absolventen des 64. Lehrgangs ausgezeichnet werden, befindet sich darunter keine einzige Frau.

Was direkt zum Dilemma führt, in dem der Verband mit der Neubesetzung des Trainerpostens für das Frauen-Nationalteam steckt: Nach Tina Theune, Silvia Neid und Steffi Jones noch eine vierte Frau für diese Schlüsselstelle zu finden, könnte schwierig werden. Denn anders als im Männerbereich hat kaum eine verdiente Spielerin Interesse daran, sich im Trainermetier zu verdingen. Die von Verletzungen gebeutelte Kulig, die neuerdings die zweite Mannschaft des 1. FFC Frankfurt trainiert, bildet die Ausnahme, schreibt das allerdings ihrem frühen Karriereende zu: Sonst hätte sie vielleicht auch schon „die Schnauze voll“, erklärte die 28-Jährige im FR-Interview.

Vor zwei Jahren gab der europäische Dachverband Uefa eine bemerkenswerte Studie heraus. Demnach werden zwei Drittel aller Frauen-Nationalteams (A-Team, U19, U17) von Männern trainiert.

„Obwohl allgemein anerkannt ist, dass hinsichtlich der Förderung der Gleichstellung von Trainern Fortschritte erzielt wurden, einschließlich der Aufforderung der Uefa an die Nationalverbände, mindestens eine Frau in den Trainerstab ihrer jeweiligen Juniorinnenauswahlen aufzunehmen, werden an der Basis mehr Trainerinnen benötigt“, hieß es in der Uefa-Analyse. Längst sind zahlreiche Qualifizierungsmaßnahmen angestoßen. Das Problem: Bis adäquate Kandidatinnen reif für die höchsten Aufgaben sind, braucht es Zeit. Ein Lehrbeispiel liefert der aktuelle Europameister: In den Niederlanden durchlief die ehemalige Nationalspielerin Sarina Wiegmann den beschwerlichen Weg von der Basis bis zum Aushängeschild und führte Topspielerinnen wie Vivienna Miedema oder Lieke Martens zum vielumjubelten Titel im eigenen Land. Gleichwohl: Von den 24 EM-Teilnehmern vertrauten nur fünf (Deutschland, Schweden, Russland, Schweiz und Schottland) einer Trainerin.

Joti Chatzialexiou ist das Problem bekannt. Der Sportliche Leiter Nationalmannschaften spricht auch deshalb von einer „ergebnisoffenen Trainersuche“, weil er einen Mann an dieser Schaltstelle genauso gut vorstellbar hält wie eine Frau. Bislang sei der Frauenfußball innerhalb des DFB in „zwei getrennten Welten“ unterwegs gewesen. „Da ist vieles einfach immer parallel gelaufen, weshalb wir die Umstrukturierung als Chance sehen.“

Die langjährige Bundestrainerin Silvia Neid hatte mit ihrem Stab unbehelligt ein Eigenleben führen können, denn so lange sich regelmäßig Erfolge einstellten, war das den (männlichen) Funktionären nur recht, die sich nicht einmischten. Chatzialexiou ist auch angetreten, um Männer- und Frauenbereich mehr miteinander zu verzahnen. „Wir werden nicht alles, was wir in der Vergangenheit im männlichen Bereich an Programmen umgesetzt haben, wie eine Glocke überstülpen, aber der Frauen- und Mädchenfußball wird davon profitieren.“

Dass es generell schwierig ist, Männer für den Trainerjob im Frauenbereich zu gewinnen, verhehlt der DFB-Chefausbilder gar nicht. „Es geht das Gerücht bei männlichen Trainern rum, dass, wenn man einmal im Frauenfußball war, kaum noch eine Chance hat, wieder in den Männerfußball zu kommen“, sagte Frank Wormuth der Deutschen Presseagentur (dpa). Ein „gefährliches Halbwissen“ bei jungen Trainern sei, „dass man den Männerfußball nur aufgrund der Athletik und der Bezahlung bevorzugt.“ Siegfried Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt, hat festgestellt: „Bei Trainern ist der Markt auf jeden Falls sehr eng. Und Männer verlangen andere Gehälter.“

Nichtsdestotrotz dominiert auch in der Frauen-Bundesliga das starke Geschlecht. Zwölf Klubs, zwölf Trainerstellen, davon zehn besetzt mit Männern – allein Aufsteiger Werder Bremen (Carmen Roth) und USV Jena (Katja Greulich) vertrauen Frauen. Zuvor gab Inka Grings, ehemalige Torjägerin und WM-Teilnehmerin 2011, eine prominente Vorzeigefigur. Die Querdenkerin führte den MSV Duisburg 2016 zurück in die Erstklassigkeit, aber vergangenen Sommer endete vor Vertragsablauf die Bande. Mittlerweile trainiert die 39-Jährige die männlichen B-Juniorinnen von Viktoria Köln. Was sagte Kim Kulig? „Es ist cool, dass Inka im Juniorenbereich tätig ist – für den Frauenfußball ist das nicht so cool.“

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