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Co-Trainerin Ulrike Ballweg.

Interview mit Ulrike Ballweg

"Silvia wird uns mit Informationen in der Halbzeit versorgen"

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Ulrike Ballweg ist als Zuarbeiterin für Horst Hrubesch das Bindeglied zwischen der alten Erfolgsära und der neuen Zeitrechnung bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft.

Ulrike Ballweg ist die vielleicht wichtigste Ratgeberin für Interimstrainer Horst Hrubesch bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft vor den WM-Qualifikationsspielen in Halle gegen Tschechien (Samstag 16.15 Uhr/ARD) und in Domzale gegen Slowenien (Dienstag 16 Uhr/ZDF). Die 52-Jährige bringt die Expertise als langjährige Co-Trainerin von Silvia Neid (2005 bis 2016) ein und betreut gleichzeitig die U16-Juniorinnen. Bei der Frauen-EM 2017 war sie im Scouting eingesetzt. 
 
Sie hatten sich eigentlich mit dem Olympiasieg bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft als Co-Trainerin verabschiedet. Wer hat Sie angerufen und war es für Sie sofort klar, wieder einzusteigen?
Der Anruf kam von Joti Chatzialexiou (Sportlicher Leiter Nationalmannschaften, Anm. d. Red.). Es war nur ein kurzes Gespräch, denn für mich war recht schnell klar, es zu machen.
 
Wie ist ihre genaue Aufgabe?
Ich bin sicher diejenige, die die Spielerinnen etwas besser kennt und besser das Niveau im Frauenfußball einschätzen kann. Horst (Interimstrainer Hrubesch, Anm. d. Red.) hatte zuvor ja mehr von außen draufgeschaut. 
 
Horst Hrubesch hat am Mittwoch bekannt, dass er bei den Namen noch Hilfe braucht ...
Ich habe sicher den besseren Durchblick (lacht). Es ist wirklich schwierig für ihn, weil die Gesichter auf dem Spielfeld anders aussehen als wenn die Spielerinnen mit offenen Haaren zum Essen gehen. Aber nach drei gemeinsamen Tagen in Leipzig hat er das mittlerweile gut drauf ...
 
Tut seine Art dem Team gut?
Er hat einen guten Zugang zu den Spielerinnen. Genau wie bei den Männern kommt er als Typ einfach gut an. Es gibt mal einen flapsigen Spruch, dann geht es auch wieder ernsthaft zu. Das ist einfach authentisch. Und alles, was er anspricht, hat eben Hand und Fuß.
 
Leiten Sie die Trainingseinheiten?
Nein, Horst ist der Chef. Er hat auch einen klaren Plan, wie er spielen möchte – und das wird sich nicht viel von dem unterscheiden, wie die deutschen Frauen früher gespielt haben. In der Spielidee sind das nur kleine Veränderungen im Detail.

Also wird gegen Tschechien wieder das früher bewährte 4-2-3-1-System angewendet werden?
Es wird sicher keine riesige Neuerung im Spielsystem geben. Wir erhoffen uns Veränderungen eher in der Spielweise. Da fließen mehrere Faktoren ein: die Körpersprache gehört mit Sicherheit dazu, die wiederum mit dem Selbstbewusstsein zusammenhängt. Das Team soll aktiver sein. Wir wollen Wert auf Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit legen und den Spielerinnen bewusst machen, wie gut sie sind.
 
War es eigentlich eine Option, gleich Silvia Neid zurückzuholen, um das alte Selbstverständnis zurückzubringen?
Da müssen sie Joti fragen – in die Thematik war ich nicht involviert. Was ich sagen kann: Silvia wird am Samstag in Halle auf der Tribüne sitzen und uns mit entsprechenden Informationen in der Halbzeit versorgen. Das ist mit dem gesamten Trainerteam abgestimmt. Sie hat halt lange Erfahrung und kann sicher unsere Leistung gut beurteilen. Sie hat auch in der Bundesliga wieder für uns gesichtet. 
 
Als langfristige Lösung wird immer wieder Martina Voss-Tecklenburg genannt. Wäre die Schweizer Nationaltrainerin eine gute Wahl?
Es gibt ja einige Namen von Kandidatinnen und Kandidaten, die öffentlich zur Diskussion stehen. Martina Voss-Tecklenburg trifft man häufiger bei Spielen in der Frauen-Bundesliga. Sie hat in der Schweiz gezeigt, dass sie eine Mannschaft entwickeln kann. Wir werden sehen, wer es am Ende wird. An den Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen. 

Wie ist es generell um die Qualität im deutschen Frauenfußball bestellt? 
Ich mache mir keine grundsätzlichen Sorgen, aber man muss immer wachsam sein. Wir dürfen uns nicht ausruhen, denn oben zu bleiben, ist immer schwieriger als nach oben zu kommen; das merken übrigens gerade zum Beispiel die Holländerinnen als Europameister. 
 
Weist nicht eine 1:6-Pleite der U15 gegen die USA vor fünf Monaten darauf hin, dass allerorten die Vormachtstellung bröckelt?
Dieses Team war mehr als ein Jahrzehnt lang ungeschlagen, mir persönlich kam die Kritik überzogen vor, denn es gibt nicht viele Nationen, die in diesem Bereich vor uns stehen. Deswegen alles schlechtzureden und in Hektik zu verfallen, ist sicher auch nicht der richtige Weg. Unsere Mädchen spielen möglichst lange bei den Jungs mit, um sich Spieltempo, Wettkampfhärte und Durchsetzungsvermögen anzueignen. Wir haben gute Nachwuchsspielerinnen, nur sollten sie auch entsprechende Einsatzzeiten in der Frauen-Bundesliga bekommen.
 
Der VfL Wolfsburg hat in der Women’s Champions League zuletzt acht Ausländerinnen in der Startelf geboten, als Slavia Prag mit 5:0 besiegt wurde. Unter den Torschützinnen war keine deutsche Spielerin. Meinen Sie so etwas?
Genau. Wir dürfen davor nicht die Augen verschließen. Wir müssen schauen, dass unsere Nachwuchsspielerinnen auch in den guten Vereinen ihre Einsatzzeiten bekommen, um internationale Erfahrungen zu sammeln, die später auch der Nationalmannschaft zugutekommen.

Interview: Frank Hellmann

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