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Frische Gesichter des 1. FFC Frankfurt: Shekiera Martinez und Sophia Kleinherne sind zwei Hoffnungen für eine bessere Zukunft.

Interview

Siegfried Dietrich: „Eintracht Frankfurt ist für uns die richtige Adresse“

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Siegfried Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt, über die angedachte Zusammenarbeit mit der Eintracht, die Lage der Frauen-Bundesliga und den frechen Spot der Nationalmannschaft.

Herr Dietrich, der VfL Wolfsburg gewinnt das Double aus Meisterschaft und Pokal, im Kader der deutschen Frauen-Nationalmannschaft für die WM in Frankreich ist keine Spielerin des 1. FFC Frankfurt ist dabei. Inwiefern verspüren Sie bei solchen Nachrichten Wehmut?
Das ist die aktuelle Situation. Wir können uns an Zeiten erinnern, in denen der FFC die meisten Spielerinnen für die Nationalmannschaft gestellt hat, Nia Künzer mit dem Golden Goal beim WM-Finale 2003 oder Birgit Prinz und viele andere für den deutschen Frauenfußball Geschichte geschrieben haben. Der 1. FFC Frankfurt hat also mit die Wurzeln gelegt, dass es auch heute weiterhin in die richtige Richtung geht. Wir haben früher gesehen, wie andere Vereine junge Spielerinnen entwickeln - und selbst davon profitiert. Jetzt sind wir auf einem guten Weg, mit eigenen Toptalenten wieder nach vorne zu kommen. In der nächsten Saison haben wir ein Sextett aus starken Nachwuchsspielerinnen, die auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg schon im Blick hat.

Wie schwierig ist es, Partner und Zuschauer auf diesem neuen Weg mitzunehmen?
Das Entscheidende ist, dass wir eine klare Philosophie verfolgen und wieder sehr attraktiven Fußball spielen. Die Zuschauerzahlen sind in dieser Saison bei uns auf ähnlichem Niveau geblieben. Auch mit unseren Partnern sind wir sehr zufrieden, denn sie stehen absolut hinter uns und unserem Weg.

„Frankfurt ist ein super attraktiver Standort“

Können Sie mit diesem Konzept wieder oben in der Frauen-Bundesliga mitspielen?
Frankfurt ist ein super attraktiver Standort: mit der Historie, mit den Möglichkeiten drum herum. Ich bin mir sehr sicher, dass viele Spielerinnen, die wir auf hohem Niveau ausbilden, im Boot bleiben und wir in naher Zukunft wieder oben anklopfen können. Das haben wir in diesem Jahr schon getan: Kaum einer hat uns zugetraut, dass wir nach dem Weggang vieler Leistungsträgerinnen Fünfter werden. Mit 34 Punkten und 48 Toren. Wir haben eine hohe Sensibilität gehabt, die richtigen Spielerinnen an Land zu ziehen, unser Trainer Niko Arnautis hat auch hier einen tollen Job gemacht. Das ist eine gute Basis für zukünftige Erfolge. Das nächste Jahr ist noch einmal eines der Entwicklung. Aber es wächst für die Zukunft hier etwas zusammen.

Die Österreicherin Barbara Dunst und Sjoeke Nüsken stehen als Neuzugänge fest, nur hat sich die deutsche U-19-Nationalspielerin Nüsken bei einem Punktspiel ihres A-Junioren-Teams SV Westfalia Rhynern gerade den Knöchel gebrochen. Wie geht es ihr?
Sie ist am vergangenen Donnerstag operiert worden. Jetzt muss man sehen, wie lange sie ausfällt. Sjoeke ist sicherlich das größte Talent, das es in Deutschland in ihrem Jahrgang gibt. Und sie wird zurückkommen: Denn sie ist eine ganz ehrgeizige Spielerin und eine sehr starke Persönlichkeit. Sie hatte vier, fünf andere Angebote, aber hat sich für den 1. FFC Frankfurt entschieden, weil sie unser Gesamtpaket überzeugt hat.

Müssen Sie jetzt noch nachjustieren?
Wir haben den Kader zu 90 Prozent, aber noch nicht ganz komplett. Einige junge Spielerinnen wie Tanja Pawollek haben sich jetzt schon zu Leistungsträgerinnen entwickelt, auch Laura Freigang, Janina Hechler, Sophia Kleinherne und Shekiera Martinez bestechen mit besonderer Qualität. Das sind die Gesichter der neuen Generation. Aber eine oder zwei Spielerinnen vertragen wir noch, die als Unterschiedsspielerinnen vielleicht auch die anderen mitziehen können.

Kooperation mit Eintracht Frankfurt angedacht

National und international dominieren die Vereine unter einem Männerdach. Deswegen denkt der 1. FFC Frankfurt über eine Kooperation mit Eintracht Frankfurt nach. Wie ist der Stand?
Wir führen nach wie vor sehr gute Gespräche, weil viel zu klären ist, wenn man einen solchen Schritt gehen will. Ich bin sehr optimistisch, dass wir an einer guten Entwicklung arbeiten. Die Kooperation mit einem Männerverein ist grundsätzlich sinnvoll, um den Frauenfußball dort unterzubringen, wo die besten Strukturen und Möglichkeiten bestehen.

Gibt es einen Zeitplan?
Wir arbeiten völlig ohne Druck an der Sache. Wenn es etwas Gutes werden soll, muss es gut zeitlich geplant und inhaltlich konzipiert werden.

Würden Sie als Marke nicht etwas verlieren, wenn Sie unter das Dach der Eintracht schlüpfen?
Die Entwicklung ist in Europa sehr eindeutig, wer sich die Besetzung der Champions-League-Halbfinals anschaut (Olympique Lyon, FC Barcelona, FC Chelsea, Bayern München, Anm. d. Red.). Wir haben mal angefangen bei einem Männerverein, der SG Praunheim, und dann Möglichkeiten gesucht, den nächsten Schritt zu gehen. Dafür haben wir uns als 1. FFC Frankfurt eigenständig organisiert und waren damit in Deutschland und Europa lange Zeit richtungsweisend erfolgreich. Jetzt ist die Entwicklung eine andere, für die es neue Überlegungen geben muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben!

„Die Eintracht ist für uns die richtige Adresse“

Bedauern Sie das nicht?
Nein. Ich habe jahrelang den Männervereinen geraten, sie sollen in den Frauenfußball investieren. Ein Fußballverein sollte bestrebt sein, erfolgreich Männer- und Frauenfußball zu präsentieren. Da wir natürlich nicht die Möglichkeit haben, einen Männerverein bei uns aufzunehmen (lacht), ist die Eintracht für uns die richtige Adresse, um über Win-Win-Situationen zu sprechen.

Die ersten beiden Plätze haben zuletzt regelmäßig der VfL Wolfsburg und FC Bayern belegt, die sich damit auch die einzigen beiden Champions-League-Startplätze sicherten. Müsste diese Tür nicht weiter aufgehen?
Ich plädiere weiterhin dafür, dass die starken Frauen-Nationen in Europa in der Champions League in Zukunft mit drei Mannschaften vertreten sein sollen. Das würde insgesamt das Niveau stärken. England z. B. hat fünf, sechs starke Vereine, und wann man sich anschaut, was in Italien oder Spanien geschieht, geht diese Entwicklung gerade erfolgreich weiter.

Mit Flyeralarm hat die Frauen-Bundesliga einen neuen Namenssponsor erhalten. Wie wichtig ist solch ein Partner?
Flyeralarm ist als aufstrebendes Unternehmen mit einem modernen Denken ein hervorragender Partner für die Zukunft. Ich bin sicher, dass beide Seiten durch das Engagement ihre Wahrnehmung erhöhen. Die Frauen-Bundesliga ist im europäischen Vergleich nach wie vor – was die Zentralvermarktung anbelangt - top aufgestellt. Auch mit Magenta Sport, Sport1 oder den Öffentlich-Rechtlichen als TV-Plattformen sowie Adidas als Ballsponsor sind wir in der medialen Präsenz und Marketing-Ausstattung führend. Die DFB GmbH leistet hier für die Entwicklung der deutschen Liga einen wichtigen Beitrag. Andere Sportarten im Frauenbereich würden sich solche Voraussetzungen gerne wünschen. Da sind wir schon sehr, sehr privilegiert.

Siegfried Dietrich

Aber der ungebrochene Boom bei den Männern nimmt die Frauen nur bedingt mit. In dieser Saison hat Eintracht Frankfurt allein aus den nationalen Fernseherlösen 51,5 Millionen Euro erhalten, nächste Saison steigt dieser Betrag wieder erheblich. Was bekommt denn der Frauen-Bundesligist 1. FFC Frankfurt?
(schmunzelt). Solche Zahlen sind sicher nicht vergleichbar – das sind zwei Welten. Wir bekommen eine sehr ordentliche Summe, die im unteren sechsstelligen Bereich liegt. Für mich steht fest, dass wir uns in der Gesamtpräsenz der Liga noch verbessern können und durchaus Mehreinnahmen verdient hätten. Auch die Vereine sind intensiv gefragt, die Liga zusammen optimal zu vermarkten. Daran arbeiten wir gemeinsam mit dem DFB. Das gesamte Umfeld muss dafür natürlich noch attraktiver und eventorientierter gestaltet werden.

Als Mitglied der Kommission Frauen-Bundesligen kann Ihnen kaum gefallen, dass der Zuschauerschnitt auf 833 abgerutscht ist.
Es wirkt so, weil man rund um die WM 2011 andere Zuschauerzahlen kannte - übrigens auch bei den Länderspielen. Es ist eher wieder ein Stück Normalität eingekehrt, zudem sind die Erfolge und die Gesichter der Nationalmannschaft das Barometer für die Popularität des Frauenfußballs. Ich bin mir sehr sicher, dass Martina Voss-Tecklenburg, eine Top-Besetzung für diesen Posten ist - sie wird die Nationalmannschaft wieder an die Weltspitze zurückführen! Zudem haben wir junge, dynamische, tolle Spielerinnen, aus denen wieder prägende Gesichter entstehen werden. Das wird uns in Verbindung mit Erfolg weitere Fans bringen.

„Die Clips werden die Nation wachrütteln, dass Frauenfußball ein geiler Sport ist“

Ist eine Aufsehen erregende Imagekampagne seitens der Commerzbank der richtige Weg, bei der selbstironisch gesagt wird, dass die Nation die Namen nicht kennt und dann frech formuliert wird: „Wir haben keine Eier – wir haben Pferdeschwänze“?
Als durchaus modernem Marketingmann spricht mit das total aus dem Herzen! Das Ganze strahlt mit provozierender Selbstironie ein wunderbares Selbstbewusstsein aus. Was die Commerzbank mit den Spots initiiert hat, ist die richtige Emotion zum richtigen Zeitpunkt. Die Clips werden die Nation wachrütteln, dass Frauenfußball ein geiler Sport ist!

Die deutsche Nationaltorhüterin Almuth Schult hat in einem Rundumschlag harsche Kritik an fehlender Unterstützung beklagt. Sie sagte, dass es Fanclubs speziell untersagt sei, die Frauen im eigenen Verein zu unterstützen. Ist das nicht ein Unding?
Ich finde, die Männer, die bisher nicht beim Frauenfußball waren, sollen einfach mal hingehen, um sich das mal anzuschauen. Ich bin mir sicher, dass viele mit größerem Interesse wiederkommen würden. Ich bin mir auch sicher, dass die enorme Medienpräsenz bei der Frauen-WM in Frankreich wieder mehr Aufmerksamkeit erzeugt. Dass es Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfußball gibt, ist ja nicht neu: Im Tennis werden die Männer auch immer härter die Bälle spielen als die Frauen, aber wer sich die Bewegungen anschaut, merkt auch: Das ist nicht unattraktiver. Und es ist doch toll, wenn Vereine wie der FC Barcelona oder Manchester City gemeinsame Werbekampagnen mit Männern und Frauen präsentieren.

„Ich habe gesagt, wir wollen unbedingt in die Arena gehen“

Der FC Bayern hat es vor dem Halbfinale der Women’s Champions League aber gescheut, für das Heimspiel gegen den FC Barcelona in ein größeres Stadion zu gehen. Stattdessen blieben die Frauen auf dem Bayern-Campus, wo nur 2500 Zuschauer Platz haben.
Ich bin weit weg davon, jemanden zu kritisieren, aber ich bin immer dabei, jemanden zu motivieren, optimistisch zu denken. Ich kann es jedem Verein nur empfehlen, bei geeigneten Spielen in größere Stadien zu ziehen. Wir haben es hier vorgelebt: Vor unserem Europapokalfinale 2008 wurde uns von DFB und Uefa geraten, das Endspiel auf einem Niveau zu organisieren, auf dem wir es auch wirtschaftlich bewältigen könnten – nämlich am Bornheimer Hang. Ich habe gesagt, wir wollen unbedingt in die Arena gehen und ein Highlight vor größerer Kulisse realisieren. Und statt der beim FSV möglichen 12.000 sind 27.640 Zuschauer gekommen! Und was war 2012 beim Champions-League-Finale in München? Da haben wir im Olympiastadion vor mehr als 50.000 Zuschauern das Endspiel gegen Lyon bestritten!

Aber wie lässt sich verhindern, dass es immer nur einzelne Höhepunkte sind, die im Frauenfußball das Interesse heben?
Wir brauchen immer diese besonderen Peaks, um das gesamte Level zu heben. Für mich ist das Turnier in Frankreich fast schon eine Heim-WM. ARD und ZDF übertragen alle Spiele, was für Aufmerksamkeit sorgen wird. Positiv ist, dass der Frauenfußball noch viel Potenzial hat und dabei hilft uns, dass die Frauen in der Markenphilosophie von Fifa und Uefa eine große Rolle spielen.

Was machen Sie denn während der Frauen-WM vom 7. Juni bis 7. Juli?
Ich habe zwischendrin Geburtstag (lacht). Ich habe vor, bei allen deutschen Spielen präsent zu sein und möchte mir auch die eine oder andere internationale Partie – gemeinsam mit unserem Cheftrainer Niko Arnautis – ansehen, um das Event zu genießen und den Blick schweifen zu lassen. Da geht es auch um den Austausch mit den Verantwortlichen der Vereine und Verbände, wo der Weg unseres Sports hingeht.

Interview: Katja Sturm und Frank Hellmann

Zur Person

Siegfried Dietrich ist seit drei Jahrzehnten als Sportmanager tätig. Über seine Agentur Sidi-Sportmanagement lenkt der 61-Jährige die Geschicke des Frauen-Bundesligisten 1. FFC Frankfurt. Um konkurrenzfähig zu bleiben und auf absehbare Zeit wieder eine Spitzenposition einzunehmen, wird eine Zusammenarbeit mit Eintracht Frankfurt angestrebt. Dietrich ist Mitglied der Kommission Frauen-Bundesliga. FR

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