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„Sie alle können Helden werden“

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Von: Hanna Raif

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Fußball-Professor Harald Lange. Foto: Imago Images
Fußball-Professor Harald Lange. © imago/epd

Fußball-Professor Harald Lange zur Situation im deutschen Fußball und warum nicht Glück und Pech entscheidend waren für das WM-Aus 2022. sondern fehlendes Können.

Dass das Ansehen des Fußballs in Deutschland leidet, weist Professor Harald Lange seit Jahren in Studien nach. Auch zur WM in Katar hat der Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Uni Würzburg geforscht – mit alarmierenden Ergebnissen. Im Interview spricht der 54-Jährige über seine Erkenntnisse und appelliert an den Deutschen Fußball-Bund.

Herr Lange, täuscht der öffentliche Eindruck – oder ist im deutschen Fußball aktuell alles schlecht?

Alles schlecht ist auf keinen Fall. Aber es gibt ein bisschen Sand im Getriebe – und das schon seit Längerem. Die Stimmungslage ist sehr betrübt. Ausgesprochen positiv zu bewerten ist allerdings, dass der Fußball an sich nach wie vor ungebrochene Strahlkraft besitzt. Er hat das Potenzial, die Menschen in seinen Bann zu ziehen, sie zu animieren, Fußball zu spielen, zu schauen, über Fußball zu reden. Aber in den Gesprächen dominiert gerade ein negativer Touch – und zwar dahingehend, dass die Fußball-Bevölkerung, die Menschen an der Basis, unzufrieden sind mit den Entwicklungen in den Führungsetagen insbesondere des deutschen Fußballs.

Unser Land hat eine jahrzehntelange Fußball-Leidenschaft. Besteht die Gefahr, dass sie erlischt?

Nein. So eine Leidenschaft fällt nicht vom Himmel – und sie geht auch nicht über Nacht verloren. Sie bekommt aber Kratzer. Die Bedeutung des Fußballs schwindet, wird weniger, kann sich aber wieder aufbauen. Leider erleben wir seit geraumer Zeit ein Kratzen. Das ist extrem gefährlich. Deshalb ist es wichtig, dass die handelnden Akteure alles unternehmen, um wieder Glaubwürdigkeit, Authentizität, Zuversicht und Vertrauen herzustellen. Das muss jetzt über allem stehen.

Wann hatte diese Leidenschaft ihren Höhepunkt – seit wann also baut sie ab?

Die Fußball-Basis in Deutschland ist kritisch. Das ist ein großes Pfund! Wir sind keine Nörgler, keine Sofa-Moralisten, im Gegenteil! Hier herrscht eine Wunschvorstellung, dass man einen wertebasierten Fußball hat. Das ist etwas ausgesprochen Positives, weil es anspruchsvoll ist.

Harald Lange

Das Sommermärchen 2006 hat sich insofern positiv ausgewirkt, als dass sich weite Teile der Bevölkerung für den Fußball begeistern konnten. Durch die WM im eigenen Land ist die Fan-Basis wesentlich breiter geworden, das hatte auch enorm viele positive Effekte auf die Bundesliga. Die Entwicklung bis 2014 war begleitet von sportlichem Erfolg, aber ab da fand in der Fan-Gunst ein Abstieg statt. Diejenigen, die nicht so stark gebunden waren, gehen genauso schnell, wie sie gekommen sind. Und man hat sich in der Ausrichtung einfach zu flach aufgestellt. Der „Fanclub Nationalmannschaft“ ist da ein gutes Beispiel. Fans wie Mitglieder zu organisieren und zu verwalten, passt gar nicht zur freiheitsliebenden Fankultur. Und man hat bis heute nicht erkannt, was man umstellen muss, um den harten Kern wieder zurückzugewinnen.

Die WM hat – zumindest rund um das Finale – gezeigt, wozu der Fußball in der Lage wäre.

Das Spiel an sich wirkt ungebrochen, es ist nach wie vor faszinierend. Aber deshalb ist es ja noch verwunderlicher, dass man diesen Pluspunkt nicht für den Verband nutzen kann. Zumal man ja um die Negativspirale und die fehlende Resonanz seit vielen Jahren weiß.

Erreicht der Fußball auch noch die jungen Leute – oder sind Videospiele inzwischen cooler?

Videospiele mögen die junge Generation auch prägen, aber der Fußball, das einfache Spiel hat nach wie vor seine Wirkung. Damit das so bleibt, bedarf es aber einer kritischen Bilanz, einer Analyse. Hier habe ich aber den Eindruck, dass man alle Warnsignale ignoriert und sich im eigenen Saft eine Zukunft zusammenreimt. Um dann am Ende empört zu sein, wenn sie nicht eintritt. Mit Professionalität hat das nichts zu tun.

Hat der DFB gerade eine historische Chance?

Die hat er! Es steht alles auf dem Prüfstand, aber man zeigt ja schon jetzt, dass man lieber in alte Muster zurückfällt. Da wird eine Taskforce gegründet – vollkommen egal, was vorher in den Feiertagsreden über Diversität erzählt wurde –, in der einfach fünf Größen der Bundesliga sitzen. Der DFB ist nicht selbstbewusst, obwohl er der Verband von mehr als sieben Millionen Mitgliedern ist – und diesen gegenüber eine Verantwortung hat. Man verschenkt dadurch so viel. Nur zu hoffen, dass die EM 2024 es irgendwie richten wird, ist zu wenig. Denn wir haben ja gesehen, dass nicht mal die WM – bisher immer ein Motor für Fußballbegeisterung – gewirkt hat. Das Turnier war ein Negativkatalysator.

In anderen Ländern hieß es, die deutschen Fans seien zu kritisch und zu politisch.

Die Fußball-Basis in Deutschland ist kritisch. Das ist ein großes Pfund! Wir sind keine Nörgler, keine Sofa-Moralisten, im Gegenteil! Hier herrscht eine Wunschvorstellung, dass man einen wertebasierten Fußball hat. Das ist etwas ausgesprochen Positives, weil es anspruchsvoll ist. Es kann genial werden, wenn man es anpackt, sich öffnet, das System durchsichtig macht. Man muss all diejenigen mitnehmen, die Ideen für den Fußball haben. Und es nicht eine PR-Agentur machen lassen. Da aber die Zeit knapp ist, habe ich wenig Hoffnung. Ich erwarte Ende Januar irgendeinen PR-Gag, der als neues Programm vorgestellt wird. Das ist das, was man aus den letzten Jahren erwartet – und ich wünsche mir, dass es nicht eintritt.

Was muss passieren, damit 2024 wieder schwarz-rot-goldene Fähnchen an den Autos zu sehen sind?

Viel. Aber eine Sache ist zentral: Fußball ist ein leidenschaftliches, emotionales gesellschaftliches Event. Und wenn man es als solches halten und inszenieren will, geht das nicht ohne Begeisterung, Leidenschaft und Hingabe an der Fanbasis. Genau da muss also der Schwerpunkt gelegt werden. Man muss fragen, wie man Zuschauer, Politik, Fans, Bevölkerung zurückgewinnt. Und zwar dahingehend, dass sie für die Europameisterschaft 2024 brennen können. Der DFB geht davon aus, dass da so eine Art Pflichtethik gegeben ist. Nach dem Motto: Ihr müsst uns lieben! Da höre ich dann auch immer diesen inhaltsleeren, hohlen Satz: Das muss eine gemeinsame Kraftanstrengung sein. Was für ein Unfug! Die Bedingungen müssen so sein, dass die Fans, die Jugendlichen die Tage rückwärts zählen, dass sie Lust haben, Leidenschaft entwickeln, sich identifizieren können – und keine Kraftanstrengung machen müssen. Der Rest kommt von selbst.

Ein Selbstläufer?

Sozusagen. Wenn man die Basis wieder hat, steigen die Mitgliederzahlen, die Kinder strömen in die Vereine. Die vorhandenen Strukturen sind ja da, wir sind extrem gut aufgestellt. Im Grunde wäre alles vorbereitet. Aber mit einer Taskforce erreicht man genau das Gegenteil. Und dann noch die Fans in die Pflicht zu nehmen, nach dem Motto: Begeistert Euch gefälligst! Das geht gar nicht. Eine Fußballbegeisterung ist etwas, das im Positiven wie im Negativen Ursachen hat. Warum finden wir Messi gut – und warum finden wir unsere Nationalmannschaft gerade nicht gut? Ist Erfolg nicht die Basis für Begeisterung?

Sagen Sie es uns!

Doch. Das ist das Prinzip des Wettkampfsports: Erfolg zieht magisch an. Aber Erfolg fällt ja nicht vom Himmel. Auch Argentinien hat richtig viel gearbeitet, um Weltmeister zu werden. Inzwischen ist die Dichte im Weltfußball so hoch, in vier Jahren mit 48 Mannschaften wird es noch schwieriger. Da ist der Erfolg nicht planbar mit zehn Co-Trainern und 50 Scouts, die in Frankfurt sitzen und dem Bundestrainer tolle Details zu Costa Rica und Spanien zu-twittern. Erfolg hat auch etwas Atmosphärisches.

Warum hat Argentinien gewonnen?

Das Atmosphärische war das Quäntchen mehr. Da war ein Spirit dabei, der Rückenwind gegeben hat. Genau das hat in Deutschland aus guten Gründen ganz massiv gefehlt. Und man ist nicht in der Lage, eine Strategie zu entwerfen, um das zurückzuholen. Dabei wird es bei der EM enorm wichtig sein. Und es wird nicht einfach nur da sein, weil die EM in Deutschland ist. Dieses Turnier steht auf Messers Schneide, das kann auch nach hinten losgehen – wenn wir weiterhin mit nichtssagenden Lösungsansätzen kommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ruck durch die Fußballbevölkerung geht, ist für mich verschwindend gering.

Fehlen die Identifikationsfiguren – wie Messi?

Sagen wir mal so: Die deutschen Spieler hatten wenig Gelegenheit, zu Identifikationsfiguren zu werden. Das frühe Aus, die peinliche One Love-Debatte – das alles trägt dazu bei, dass der Heldenstatus beschädigt wird. Trotzdem ist die Mannschaft doch bestückt mit begnadeten Fußballspielern. Sie alle können Helden werden – das ist aber eine Frage des Gesamtkonzeptes, der Inszenierung. Und wir haben auch supergute Talente, mehr, als wir aufstellen können. Rein sportlich wären die Bedingungen hervorragend.

Man müsste sie aber mit Leben füllen.

Und kritisch sein! In der Analyse von Hansi Flick hieß es: Aber es war ja vieles gut. Da kontere ich: Wir sind ausgeschieden, haben die Tore nicht gemacht. Uns fehlt das gewisse Etwas – und zwar nicht Glück und Zufall. Sondern Können und Atmosphäre. Daran gilt es zu arbeiten. Und die bisherigen Analysen finde ich eher ernüchternd. Was klar war: Oliver Bierhoff musste gehen – das hat die Fanszene auch so gesehen und gefordert. Aber das Erschreckende ist: Man hat jetzt keine Idee, kein Konzept, wo man hin will und wie man da hin will. Man hat schlichtweg keinen Plan. Mit Bierhoff ist der Plan auch gleich mitverschwunden. Man ist in der Hinsicht jetzt blank. Es gibt keine Vision.

Sie haben das Stichwort Diversität schon genannt. Ist es generell ein Problem des deutschen Fußballs, den Blickwinkel nicht zu erweitern?

Das ist das Kernproblem. Als Beispiel lassen sie uns die Frauen nehmen: Die Nationalmannschaft der Frauen macht es anders, besser – sie ist der große Gewinner dieser WM in Katar. Das sieht man auch an den TV-Quoten. Es würde sich doch lohnen, da mal zu schauen. Ich denke da etwa an Celia Sasic, die sie in ihren Reihen haben. Und trotzdem leistet es sich das Präsidium, auf diese Expertise für die Ausrichtung des deutschen Fußballs zu verzichten. Das ist entweder mutig – oder absolut ignorant. Es geht da leider vielmehr um Macht als um die Lösung sachlicher Problemlagen. Man hat Angst vor der Kompetenz anderer, die man dann einfach nicht ins Spiel lässt. So bleibt man im Machtzirkel, kommt aber nicht vorwärts.

Und die Zeit drängt.

So ist es. Und der Plan lebt von der Hoffnung, dass es schon irgendwie klappen wird. Bernd Neuendorf hat ja nach dem WM-Aus gesagt, dass er davon ausgeht, dass die Begeisterung der Fans für die Nationalmannschaft ungebrochen ist. Ich habe mir das Zitat rausgeschrieben und musste es zwei Tage wirken lassen. Er scheint das Problem nicht erkannt zu haben. Alle Schritte gehen ja dann an der Realität vorbei. Man hatte doch vielmehr das Gefühl, dass sich Fans über das WM-Aus gefreut haben. Wir haben auch in Studien gemessen, dass die Begeisterung massiv eingebrochen ist. Es war nicht der Boykott der WM in Katar die Ursache für die gesunkenen TV-Quoten, sondern fehlende Begeisterung. Das ist schon erdrutschartig. 40 bis 50 Prozent weniger, selbst das Endspiel wurde von nicht mal 14 Millionen Menschen verfolgt. Wenn da die Alarmglocken nicht angehen, weiß ich es auch nicht.

Ist das Problem ein Nationalmannschaftsproblem – oder leidet auch das Interesse an der Bundesliga?

Das spielt zusammen. Wobei die Nationalmannschaft einfach ein Aushängeschild der negativen Entwicklung ist. Das hatte eine seismographische Funktion, man konnte sehen: Die Begeisterung bröckelt. In der Bundesliga fing es mit der Corona-Pandemie an, als die Bundesliga auch Sonderrechte bekommen hat. Die Manager der DFL haben dann aber ganz anders reagiert. Es gab zwar auch eine Taskforce, diese allerdings beinhaltete 36 Personen aus allen Teilen der Gesellschaft. Das war inhaltlich eine Nebelkerze, aber sie konnte gut ablenken.

Die Bundesligastadien sind ja auch gut gefüllt.

Weil das Interesse immer wieder kam, selbst wenn es mal abgeebbt war. Man erinnere mal an Eintracht Frankfurt – die Begeisterung war gigantisch. Aber die Liebe zum Fußball hat trotzdem Kratzer. Deshalb sind die handelnden Personen gut beraten, in Kommerzentscheidungen vorsichtig vorzugehen. Man sieht ja: Überall wo RB Leipzig hinkommt, ist Kritik da. Man darf dieses Spiel aus Abwendung und Zuwendung nämlich nicht überstrapazieren. Das ist dann irgendwann wie eine Liebe, die aufs tiefste enttäuscht ist. Die flackert nicht mehr auf.

Interview: Hanna Raif

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