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„Setzen, sechs!“

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Von: Hanna Raif

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Klare Worte: Die frühere Nationalspielerin Tabea Kemme.
Klare Worte: Die frühere Nationalspielerin Tabea Kemme. © dpa

Warum Ex-Nationalspielerin Tabea Kemme mit dem Expertenrat des DFB hart ins Gericht geht

Manche applaudieren, manche kritisieren: Die Reaktionen auf den Expertenrat des DFB sind geteilt. Tabea Kemme (31) ist nicht überzeugt. Die Meinung der ehemaligen Nationalspielerin (Turbine Potsdam, FC Arsenal) und TV-Expertin: Es fehlen Frauen und Expertisen von außen.

Frau Kemme, Sie haben nach der Analyse des WM-Debakels die Vokabel „Klüngelrunde“ benutzt. Wie bewerten Sie den Expertenrat, der vom DFB installiert wurde?

Ich sage mal so: Das Wort „Klüngelrunde“ wurde bestätigt. Es wundert mich aber ehrlich gesagt nicht, denn ich bin schon lange genug im Fußball unterwegs. Und ich muss auch sagen, dass all die ausgewählten Experten gestandene Männer sind, die alle großen Einfluss auf den deutschen Fußball hatten und vielleicht auch noch haben. Trotzdem ist die Besetzung so sinnbildlich für das, was in unserer Gesellschaft und auch im Fußball unser Problem ist: dass wir uns nicht die Expertise von außen holen. Aus Gründen, die ich nicht kenne, die man aber mutmaßen kann.

Bitte!

Wenn es ungemütlich wird, zittern die Leute um ihren eigenen Posten. Und das steht auch beim DFB im Raum. Der Druck ist ja auch auf die führenden Personen gewachsen.

Sie hatten sich für Diversität in möglichen Gremien ausgesprochen. Hat der DFB da eine Chance verpasst?

Was wir hier sehen, ist „diversity at it’s best“ – ich müsste lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Es ist ein grobes Foul, die Lösungen des Systems im System und mit dem System zu suchen. Ich nehme mal meine eigene Vita als Vergleich. Warum bin ich eine erfolgreiche Spielerin geworden? Die Grundlage habe ich mit Gleichgesinnten gelegt, vorangekommen aber bin ich, weil ich mich über Expertise von außen weiterentwickelt habe.

Mir fehlt leider gerade die Identifikation mit dem Fußball in Deutschland.

Tabea Kemme

Müssten auch Aktive mehr mitreden?

Das ist wohl nicht gewünscht. Wir haben seit Längerem in Deutschland keinen erfolgreichen Männer-Fußball mehr. Es findet ein totaler Wandel statt, in einer neuen Generation. Und es wird immer über uns entschieden – und nicht mit uns. Das müssen auch wir Protagonisten auf dem Platz noch intensiver angehen. Wenn wir die Nähe zu diesem Sport nicht verlieren wollen, müssen wir selber handeln. Sonst sieht man ja, was dabei rumkommt.

Es gibt aber noch eine zweite Instanz, den Arbeitskreis beim DFB, in dem unter anderem Philipp Lahm und Celia Sasic sitzen. Geht Ihnen das nicht weit genug?

Nicht wirklich. Denn die Entscheidungen fallen ja weiter oben. Ich denke da immer: Leute! Ihr versucht da mit einer simplen „One Love-Binde“ das Thema Vielfältigkeit anzuschieben – und schafft es nicht mal selber. Problem nicht verstanden. Setzen, sechs! Mir fehlt leider gerade die Identifikation mit dem Fußball in Deutschland. Dabei war ich sehr stolz darauf, 47 Mal den Bundesadler auf der Brust zu tragen. Mich macht das nicht nur ratlos, sondern total traurig.

Wen hätten Sie sich in der Expertenrunde gewünscht?

Ich denke da zum Beispiel an die Bundestrainerin. Martina Voss-Tecklenburg ist in diesem Sommer die erfolgreichste Trainerin gewesen, hat eine unfassbare Quote. Der große Ärger betrifft gerade den Männerfußball, aber ich frage mich: Warum schafft man sich nicht die Expertise der Frauen? Warum holt man dazu nicht Fanvertreter ins Boot? Im Moment hat in Fußball-Deutschland gefühlt keiner Bock auf Fußball. Das darf doch nicht sein!

Ihnen fehlt die Frau?

Oder die Expertise, die es im Frauenfußball gibt. Denn da können sich die Männer durchaus etwas abschauen. Es gibt auch viele ehemalige Spielerinnen, die Mannschaften coachen und auch verantwortungsvolle Positionen in Vereinen haben. Wenn der DFB jetzt mit der Argumentation kommt: Welche Frauen hätten wir nehmen sollen? Es gibt ja keine! – das wäre doppelt traurig. Denn es wäre nichts als eine faule Ausrede.

Der Expertenrat nimmt heute seine Arbeit auf. Wann hätte er gut gearbeitet?

Wenn er eine Erkenntnis hat – und sich fragt: Wen bedienen wir eigentlich? Wer schaut uns denn zu? Ich wünsche ihnen die richtigen Entscheidungen für das große Ganze. Denn wir sind eine hungrige Fußball-Nation. Wir haben Lust auf eine EM im eigenen Land. Nur wird es ein Problem, wenn die Identifikation fehlt.

Dass etwa die Aufgaben von Oliver Bierhoff auf mehrere Schultern verteilt wird, scheint schon klar.

Und das finde ich auch gut. Noch besser wäre es, die Kooperation mit der Frauen-Abteilung im DFB zu suchen. Ich kenne das aus Vereinsebene, beispielsweise bei Arsenal, wo Austauschmöglichkeiten geschaffen wurden. Beide Seiten haben schnell gemerkt, was sie daraus gewinnen. Auch die Männer! Es geht ja hier um die sportliche Verantwortung der Nationalmannschaft. Da würde ich alles zusammenführen, einen diversen Pool schaffen, es gemeinsam angehen. Bei uns entscheidet das Geschlecht, obwohl die Aufgaben identisch sind.

Ist das größte Problem die Zeit, die drängt?

Natürlich, aber man sollte in dieser Drucksituation primär gute Entscheidungen treffen. Wenn diese ein paar Wochen länger dauern, dann ist es eben so. Wenn man auf dem richtigen Weg ist, die richtige Einstellung hat, ergeben sich auch manche Dinge. Aber im Moment sehe ich den richtigen Weg noch nicht.

Interview: Hanna Raif

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