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Serge Gnabry findet es nervig, „vom Umbruch zu reden“.

Serge Gnabry im DFB-Team

Serge Gnabry: Doppelt frech

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Nationalstürmer Serge Gnabry schießt Tore und hat eine andere Meinung als Bundestrainer Joachim Löw.

Noch vor dem Duschen hat Leon Goretzka sich den alten Kumpel Serge Gnabry beiseite genommen, den er schon kennt, „seit wir 13, 14 sind“. Goretzka fand Gnabry schon immer klasse, aber über die Jahre hat er eine auffällige Entwicklung an dem Stürmer festgestellt. Eine Entwicklung, die beim 6:1-Sieg gegen Nordirland in das letzte von drei Toren des Teamkollegen mündete. In einer ähnlichen Situation hätte sich Serge Gnabry früher vom Abwehrspieler abkochen lassen und den Ball verloren. Diesmal kam es anders. Goretzka, der Fachmann, hat das im persönlichen Gespräch nicht unerwähnt gelassen: „Wie er bei seinem letzten Tor stabil bleibt und sich nicht abschütteln lässt, das war schon richtig stark. Das habe ich ihm auch gesagt.“

Im 13. Spiel für die deutsche A-Mannschaft hat der 24-Jährige nun schon getroffen. Das ist eine Zwischenbilanz auf Gerd-Müller-Bomber-der-Nation-Niveau. Alle drei Tore beim letzten EM-Qualifikationsspiel in Frankfurt waren absolute Hingucker. Gnabry verbindet ungeheure Antrittsschnelligkeit mit sehr guter Ballmitnahme und einem technisch meist einwandfreien Abschluss. Hinzu kommt jetzt noch die von Goretzka ausdrücklich belobigte Durchsetzungskraft. All das sind Stärken, die Weltklassespieler auf sich vereinigen.

Wenn er will, kann Gnabry alles

Es ist nicht besonders kühn, den ja auch in der Champions League mit Bayern München schon herausragenden gebürtigen Schwaben (mit ivorischen Wurzeln seines Vaters) in dieser Klasse zu verorten, und zwar schon heute und nicht erst morgen. Wobei er sich solche Spiele wie neulich beim 1:5 der Bayern in Frankfurt besser nicht mehr leisten sollte, als er kaum einen Zweikampf gewann und lustlos wirkte. Das hat sicher auch etwas mit Reife zu tun, weniger mit Klasse.

Wenn er will, kann Gnabry alles. Im Frühjahr beim 3:2-Sieg in den Niederlanden zeigte er noch nicht mal einen Anflug von Angst vorm direkten Duell, als sich ihm der furchterregende Virgil van Dijk, Europas Fußballer des Jahres, in den Weg stellte, nur, um von Gnabry umkurvt zu werden wie ein alter Traktor. Prompt folgte ein präziser Schuss aus fast 25 Metern in den Winkel. Für van Dijk blieb es einer der wenigen verloren Zweikämpfe des bisherigen Kalenderjahres.

Zuletzt hat sich Serge Gnabry öffentlich ein bisschen rarer gemacht, in München ist das schon so und auch jetzt bei der Nationalmannschaft. Die andauernden Jubelorgien scheinen ihm auf den Wecker zu gehen. Auch am späten Dienstagabend in Frankfurt hat er versucht, die Reporter ähnlich komplikationslos abzuschütteln wie zuvor die nordirischen Abwehrspieler. Nur das obligatorische Interview für den übertragenden Sender RTL, schon hatte er sich lautlos an allen vorbeigeschlichen, Aber die Medienabteilung des DFB kannte keine Gnade, und so wurde Serge Gnabry vor einen Hügel aus Mikrofonen, Kameras und Aufnahmegeräten zurückgeführt und wusste gar nicht, welche Frage er zuerst beantworten sollte. Quintessenz seiner Ausführungen: „Ich finde es langsam nervig, immer noch vom Umbruch zu reden.“

Das ist auch deshalb eine bemerkenswerte Analyse, weil gerade kein Geringerer als der Bundestrainer höchstpersönlich angesichts vieler Verletzter gar von einem „Umbruch im Umbruch“ gesprochen hatte. Man könnte jetzt also die Schlagzeile: „Gnabry kontert Löw aus“ daraus zimmern, aber dazu ist die Stimmung im Nationalteam gerade zu gut.

„Die Quote ist überragend“

Der Bundestrainer hatte im September mit dem Satz überrascht: „Gnabry spielt immer.“ Offenbar sieht der Fachmann im Draufgänger schon länger das, was der gemeine Fan erst jetzt vollumfänglich erkennt. Löws Analyse klingt begeistert; „Serge ist extrem wichtig für die Mannschaft. Er ist eine Anspielstation und verarbeitet die Bälle sehr gut. Er lässt sich auch mal fallen. Im Abschluss ist er technisch überragend gut. Er macht die Tore ja bewusst. Er legt sich die Bälle richtig zurecht. Die Quote ist überragend. Das sind großartige Qualitäten.“

Manager Oliver Bierhoff streicht weitere Pluspunkte des aktuellen Klassenprimus heraus: „Er ist nicht nur einer, der die Tore macht, sondern auch durch Einzelaktionen die Mitspieler immer wieder aufwecken kann. Seine Entwicklung ist toll, auch im Umfeld der Mannschaft. Er nimmt mit seiner positiven Art Einfluss.“ Genau das war das Kalkül, als Thomas Müller im März verabschiedet wurde. Gnabry hat den Müller-Raum gefüllt, Auf dem Platz sowieso – und ein bisschen auch schon daneben.

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