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José Mourinho.

José Mourinho

Selbstgerecht bis zum Anschlag

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Nach dem Aus von Manchester United im Achtelfinale der Königsklasse wachsen die Zweifel an José Mourinho.

Das Ergebnis ist schon schlimm genug für die Fans von Manchester United, doch mindestens genau so verstörend dürfte aus ihrer Sicht der Umgang von Trainer José Mourinho mit dem Aus im Achtelfinale der Champions League durch das 1:2 gegen den FC Sevilla sein. „So ist Fußball. Es ist nicht das Ende der Welt“, sagte er nach der Partie im heimischen Old Trafford, und objektiv hatte er natürlich Recht, auch am Morgen nach dem Spiel ging die Sonne wieder auf, das Leben ging weiter.

Doch für einen Verein wie United, dem umsatzstärksten Klub der Welt mit einer stolzen Titelsammlung, ist das Scheitern gegen den Tabellenfünften der spanischen Liga eine Demütigung. Zumal es vollkommen verdient war. Schon beim 0:0 im Hinspiel war Sevilla die klar bessere Mannschaft gewesen.

Kurze und unglückliche Amtszeit bei United

Es lässt sich leicht ausmalen, wie die öffentlichen Reaktionen ausgesehen hätten, wenn ein weniger hoch dekorierter Trainer als Mourinho ein Achtelfinal-Aus mit Manchester United derart heruntergespielt hätte. „David Moyes wäre für solche Kommentare verprügelt worden“, schrieb „ESPN“ und ließ offen, ob das wortwörtlich gemeint war oder eher im übertragenen Sinne. Übrigens hatte Moyes den Klub in seiner kurzen und sehr unglücklichen Amtszeit bei United als Nachfolger von Trainerikone Sir Alex Ferguson in der Saison 2013/2014 immerhin ins Viertelfinale der Champions League gebracht.

Mourinho dokumentierte in der Stunde der Niederlage auf beeindruckende Art seine Selbstgerechtigkeit. Anstatt nach eigenen Fehlern zu suchen, wies er auf seine Erfolge in der Vergangenheit hin, als Gegner seines aktuellen Arbeitgebers. „Ich saß schon zweimal auf diesen Stuhl und habe United aus der Champions League geworfen, einmal mit Porto und einmal mit Real Madrid. Es ist für den Klub nichts Neues“, sagte er. Er sieht sich auch weiterhin als Gewinner. 

Seiner Meinung nach muss er sich keine Vorwürfe wegen des Ausscheidens machen, weder für die seltsam vorsichtige Taktik in einem Spiel, das United auf jeden Fall gewinnen musste, nach dem torlosen Unentschieden im ersten Treffen, noch für die wirkungslose Maßnahme, im defensiven Mittelfeld Marouane Fellaini anstelle des zuletzt starken Nachwuchsprofis Scott McTominay aufzustellen. „Ich bereue nichts. Ich habe mein Bestes gegeben, die Spieler haben ihr Bestes gegeben“, sagte Mourinho. Wenn das stimmt, ist das ein alarmierendes Signal für den Klub. 

United hatte gegen Sevilla zu keiner Zeit die Kontrolle, machte zu keiner Zeit den Eindruck, den Ernst der Lage erkannt zu haben. Die Abwehr war anfällig, die Offensive spielte wie mit Beinen aus Beton. Man fragte sich die ganze Zeit, wann die Mannschaft endlich loslegen würde, wann sie versuchen würde, die zum Weiterkommen benötigten Tore zu schießen. Als United endlich aufwachte, war es zu spät. Romelu Lukakus Anschlusstreffer in der 84. Minute nach dem Doppelschlag von Sevillas Joker Wissam Ben Yedder in der 74. und 78. Minute bewirkte nichts mehr.

Das Aus im Achtelfinale stellt alles in Frage, wofür Mourinho bei United steht, und es greift den Markenkern des Trainers an. Seine Aufgabe ist es, den Klub zu stabilisieren und ihn wieder nach oben zu führen, nach Jahren der Ernüchterung nach Fergusons Weggang. Bislang war Mourinho auf einem guten Weg. Er führte den Verein in der vergangenen Saison, seiner ersten im Amt, zum Sieg im Ligapokal und in der Europa League. In der laufenden Saison hat United gute Chancen auf die Vizemeisterschaft hinter dem Stadtrivalen Manchester City, das wäre die beste Platzierung seit Fergusons Abschied.

Der Preis für diesen Aufschwung ist die fehlende Spielkultur. Mourinho setzt auf defensiven, risikoarmen und oft unansehnlichen Ergebnisfußball. Und so lange die Ergebnisse stimmen, ist das Publikum bereit, diese Herangehensweise zu tolerieren. Stimmen sie nicht mehr, gerät in Zweifel, ob der Trainer die Mannschaft wirklich besser macht – oder das Gegenteil bewirkt. „United ist so schmerzlich weniger als die Summe der Einzelteile. Mourinho trägt daran den Löwenanteil, weil er die Taktik und die Stimmung vorgibt“, formulierte die „Times“ nach dem Aus gegen Sevilla. Die einzelnen Spieler könnten als Mannschaft so viel besser sein, das war gemeint. 

Längst nicht mehr der Unantastbare

Mourinho hat zweimal die Champions League gewonnen, doch die beiden Titel liegen schon eine Weile zurück, in den Jahren 2004 (mit Porto) und 2010 (mit Inter Mailand). Danach scheiterte er viermal im Halbfinale, mit Real Madrid und dem FC Chelsea, und jetzt schon bei der dritten Teilnahme nacheinander im Achtelfinale, 2015 und 2016 mit Chelsea, 2018 mit Manchester United. Er ist längst nicht mehr der Unantastbare, zu dem er sich macht, seine Methoden wirken überholt, gerade im internationalen Wettbewerb, das hat das Aus gegen Sevilla gezeigt. 

Das frühe Scheitern wird auch die Debatten um einige Spieler verschärfen. Paul Pogba, bei seiner Ankunft im Sommer 2016 der teuerste Fußballer der Welt, saß nur auf der Bank, wie zuletzt öfter. Nach seiner Einwechselung ging von ihm keine Wirkung aus. Alexis Sánchez, im Januar mit großem Getöse vom FC Arsenal gekommen, zeigte die nächste schwache Leistung. Er hat noch nicht nachgewiesen, dass seine Verpflichtung mehr war als eine Machtdemonstration auf dem Transfermarkt.

Und die nächste Peinigung deutet sich an. Anfang April könnte sich Manchester City, wegen jahrzehntelanger Erfolglosigkeit von Uniteds Fans verspottet, im eigenen Stadion vorzeitig zum Meister krönen – im Derby gegen Mourinhos Mannschaft.

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