Christian Seifert DFL Boss
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Christian Seifert hat seinen Vertrag als DFL-Boss nicht verlängert.

Rückzug

Seiferts Abschied mit Anlauf

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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  • Jan Christian Müller
    Jan Christian Müller
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Der deutsche Profifußball hat bis Sommer 2022 Zeit, die Nachfolge des scharfsinnigen und scharfzüngigen DFL-Bosses Christian Seifert zu regeln – einfach wird das nicht

Neulich erst hat Christian Seifert dem „Stern“ ein großes Interview gegeben. Die letzte Frage, die nach seiner Zukunft, hat der 51-Jährige da noch abmoderiert. Jetzt sind die Pläne des stärksten Mannes im deutschen Fußball in der Nacht zum Montag via „Bild“ bekanntgeworden. Seifert hat seine Kommunikationsstrategien niemals zufällig gewählt. Am Montagmorgen zog die Deutsche Fußball-Liga mit einem eiligen Statement der Bestätigung nach: Der Geschäftsführer wird seinen im Juni 2022 auslaufenden Vertrag nach dann 17 Jahren im hohen Amt nicht verlängern.

Es ist jetzt gut ein halbes Jahr her, dass der alerte Bundesliga-CEO über den Mut und die Ausdauer sprach, im Profifußball Veränderungen zu denken und über eine lange Strecke vorzunehmen. Sein Rückzug kommt für den zu umfassenden Reformen gezwungenen deutschen Fußball zur Unzeit. Denn Seifert hinterlässt auf dem Zenit seines Wirkens ein riesiges Machtvakuum.

„Dies sind anspruchsvolle Zeiten, die danach verlangen, Klarheit und Verlässlichkeit zu schaffen. Das gilt für die DFL als Ganzes und auch für meine beruflichen Ambitionen“, teilte Seifert mit. „In zwei Jahren möchte ich ein neues berufliches Kapitel aufschlagen.“ Offenbar reizt den Topmanager, um den sich auch der FC Bayern vergeblich bemühte, eine Herausforderung abseits des Fußballs

Die DFL verliert eine Koryphäe, die die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge einzuordnen und bestens zu nutzen weiß. Das längst begonnene Tauziehen um eine Neuverteilung der Medienerlöse ist nur ein Vorgeschmack darauf, welche Machtkämpfe noch bevorstehen. Seifert versprach, weiterhin „vollen Einsatz“ zu zeigen. Anders als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) steht die DFL unter seiner Regentschaft bisher für ein skandalfreies Tun. Die Muttergesellschaft DFB hat der Lokomotivführer des Tochterunternehmens stets als Anhänger wahrgenommen.

Dass seiner im feinen Frankfurter Westend in Sichtweite der großen Bankentürme residierenden Institution ein glattes, geschäftsmäßiges Image anhaftet, hat Seifert nie gestört. Der Strippenzieher findet das schlicht professionell. Jüngst offenbarte der vermeintliche Kopfmensch Erstaunliches: Er habe sich in der Corona-Pandemie auf seine „Instinkte und Gefühle“ verlassen.

Bei seinem Wechsel vom Vorstand der KarstadtQuelle New Media AG zum DFL-Geschäftsführer im Jahr 2005 noch skeptisch beäugt, haben heute Vorstände wie Karl-Heinz Rummenigge (FC Bayern) oder Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund) größten Respekt vor dem scharfzüngigen Strategen, dem rhetorisch kaum jemand das Wasser reichen kann. Seinen Geltungsdrang sollte niemand unterschätzen. Seifert versteht sich zwar als Teamplayer, aber auch darauf, andere wegzubeißen. Seine Tonalität kann schneidig und persönlich werden, wenn ihm etwas nicht passt oder ihn das untrügliche Gefühl beschleicht, ein Gesprächspartner sei schlecht vorbereitet. Er selbst ist immer gut vorbereitet.

Als sich im vergangenen Jahr Ligapräsident Reinhard Rauball zurückzog, wurde dessen Amt eingestampft – und der gut begründet sehr selbstbewusste Seifert zum Sprecher des Präsidiums bestimmt. Mit dieser Allmacht stieg er in der Pandemie zum Krisenmanager auf: Seine hohe Auffassungsgabe gepaart mit erstklassigen Verbindungen bis in die hohe Politik waren für die 36 Lizenzvereine in der Corona-Zwangspause Gold wert. Die Krise führte ihn an die Belastungsgrenze, zeitweise fühlte sich der Vater zweier Töchter wie im „Science-Fiction-Film“. Manche Nacht verbrachte er wachend, ehe die Bundesliga als erste Profiliga weltweit den Spielbetrieb wieder aufnahm. Überall wurde das deutsche Hygienekonzept nachgeahmt. Mit Christian Seifert als Stararchitekten.

Jahrelang galt der gebürtige Karlsruher vor allem als hochprofessioneller Geldeintreiber bei den Medienpartnern. Der Bundesliga, mit deren breitbeinig auftretenden Protagonisten er nach wie vor mitunter fremdelt, bescherte sein Wirken Steigerungsraten bei den Fernseheinnahmen von bis zu 80 Prozent, ehe nun der coronabedingte Einbruch folgte. Seifert scheint gerade dabei, seine Denken zu überdenken. Menschen, die zu viel Manchester-Kapitalismus und zu wenig soziale Kompetenz in der Außendarstellung und inneren Einstellung der Bundesliga und ihres Vordenkers zum Anlass von Kritik nahmen, waren von ihm jahrelang spöttisch von oben herab begleitet worden. Kann sein, dass er in harten Zeiten der Pandemie mehr weiche Züge an sich selbst entdeckte. „Ich habe besser gelernt, andere an meinen Gefühlen teilhaben zu lassen.“

Gefühlskälte und fehlendes Gespür für deren Kultur war ihm in der Vergangenheit immer wieder vor allem von Seiten der Fans zugeteilt worden. Inzwischen kündigte der Ex-Mann des vermeintlich immerwährenden Wachstums öffentlich Korrekturen an. Über eine Taskforce „Zukunft Profifußball“ soll eine Neujustierung beginnen. Hausintern haben die meisten Mitarbeiter höchsten Respekt vor der Belastbarkeit eines Chefs, der nicht durchgängig mit harter Hand führt, sondern auch mal hemdsärmelig sein kann.

Der Aufsichtsrat der DFL drückte „großes Bedauern“ über den Rückzug aus und sprach von einem „Einschnitt“. Die Neubesetzung werde ohne Zeitdruck angegangen, dafür starte ein „umfassender Prozess“. Christian Seifert, Fan von Borussia Mönchengladbach und selbst einst ein leidlicher Verbandsligakicker, kam als Quereinsteiger. Er war auf einem Medienkongress von einem DFL-Mitarbeiter entdeckt worden. Zum angekündigten Abschied sagte er nun, er habe die Entscheidung bereits so früh gefällt, damit sich der Aufsichtsrat überlegen könne, wie künftig die Organisation der DFL GmbH aussehen solle. Das hörte sich ganz so an: Einer Person allein die Nachfolge zu übertragen, ist bei solch riesigen Fußstapfen ein Ding der Unmöglichkeit.

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