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Wer wird der neue BVB-Trainer? Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sucht noch.

Borussia Dortmund

Die Sehnsucht nach einer Idee

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Borussia Dortmund muss sich neu erfinden, nur weiß momentan beim BVB keiner, wie das gehen soll

Die Rolle, die Hans-Joachim Watzke in den vergangenen Tagen einnehmen konnte, hat dem Geschäftsführer von Borussia Dortmund zweifellos gut gefallen. Nach dem Telefonat, das der Sauerländer mit Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandsvorsitzenden von Bayern München, geführt hat, durfte er sich mal wieder zu den Vertretern des Wahren und Guten fühlen. Watzkes Argumente für einen Erhalt der im Moment ja sehr kontrovers diskutierten 50+1-Regel sind klarer und besser durchdacht als Rummenigges Wunsch nach einer Lockerung des Status, und natürlich weiß er die Fanbasis hinter sich. Solche Momente tun gut nach all den Wirren, die der BVB in den vergangenen Monaten durchzustehen hatte.

Denn die sportlichen Probleme, die internen Konflikte, die Trennung von Trainer Thomas Tuchel und der Verlust großer Stars wie Pierre-Emerick Aubameyang oder Ousmane Dembélé haben den über Jahre harmonischsten Spitzenklub der Liga in einen Dauerproduzenten von Negativschlagzeilen verwandelt. Die Spielweise des Teams, dem Sportdirektor Michael Zorc vorwirft, mitunter „wie Beamten“ zu spielen, trug ebenfalls zu einem Imageverlust bei, wie es ihn selten gab in der Bundesliga. „Nicht zufriedenstellend“ sei die Situation, sagt Zorc, obwohl das wichtigste Saisonziel noch gut erreicht werden kann: die erneute Qualifikation für die Champions League. Doch nach all dem Ärger sind viele Menschen beim BVB erfüllt von der tiefen Sehnsucht, sich wieder dem Kern des Geschäfts widmen zu können: dem Fußball.

Watzke hat eine „Neujustierung“ der Mannschaft ausgerufen und Zorc sagt: „Es muss und wird Veränderungen geben, was den Kader angeht.“ Das Mittelfeld soll robuster werden, außerdem haben sie erkannt, dass der Verlust von Persönlichkeiten wie Mats Hummels, Sebastian Kehl, Sven Bender oder Neven Subotic den Zusammenhalt geschwächt hat. Die Mentalität des Teams ist nicht mehr so gut, wie in den großen Jahren mit Jürgen Klopp, räumt Watzke ein. In diesem Frühjahr, das am Samstagabend mit dem Topspiel beim FC Bayern (18.30 Uhr) beginnt, soll deshalb eine Neuerfindung des BVB gelingen.

Allerdings ist es erheblich schwerer, diesen stolzen Fußballgiganten zu reparieren, zu harmonisieren und zu reanimieren, als einen Mittelklassekonkurrenten nach einem Krisenjahr wieder auf den Erfolgsweg zurückzuführen. Denn dort oben, wo der BVB sich in den vergangenen sechs, sieben Jahren etablierte, in der Phalanx der besten zehn Klubs des Kontinents, ist Fortschritt hochkompliziert. Erst recht, wenn man keinen Zugang zu den englischen TV-Geldern hat und ohne großzügige Finanzspritzen von Scheichs oder Oligarchen auskommen muss. Um mit den reichen und mittlerweile auch fachlich immer besser arbeitenden Edelklubs mitzuhalten, braucht man eine besonders innovative Spielidee.

Oder einen außergewöhnlichen Trainer. Oder ein ganz besonderes Geschick auf dem Transfermarkt, wie es Zorcs Scoutingabteilung auszeichnete, als der BVB immer wieder Fußballer entdeckte, die sich in Dortmund zu Weltklassespielern entwickelten. Doch derzeit ist die Arbeit kompliziert, denn sie wissen weder, wer das Team im kommenden Jahr trainieren wird, noch was für einen Fußball die Mannschaft spielen soll. „Wir können die Weichen auch einen Monat später stellen“, sagt Zorc zwar, aber ein Monat ist viel Zeit, wenn es darum geht, hochklassige Spieler zu verpflichten, die vor einer Vertragsunterzeichnung wissen wollen, unter welchem Trainer sie beim BVB arbeiten werden.

Wenn der Eindruck stimmt, dass man Peter Stöger nicht wirklich zutraut, den BVB wieder auf das Niveau der vergangenen Jahre zurückzuführen, müssen Zorc und Watzke möglichst schnell daher einen neuen Chefcoach finden. In einem Moment, in dem der FC Bayern ebenfalls auf Trainersuche ist, könnte die Konstellation kaum ungünstiger sein. Manches deutet darauf hin, dass Lucien Favre der aussichtsreiche Kandidat ist, der Schweizer kann OGC Nizza gegen eine Zahlung von drei Millionen Euro verlassen und soll seinen Abschied dort intern schon angekündigt haben. Aber natürlich denken sie auch beim BVB über den Leipziger Ralph Hasenhüttl nach, der allerdings beim FC Bayern ebenfalls zu den Topkandidaten zählt. In jedem Fall sehnt man sich bei Borussia Dortmund nach einem neuen Impuls, nach irgendeiner Idee, die das Team wieder besser macht als die Summe der vielen talentierten Einzelspieler.

Denn die Dortmunder leiden unter dem Fluch, überperformen zu müssen, alleine mit ihrer Finanzkraft werden sie nämlich weder ihren Platz unter den Top Ten der europäischen Spitzenklubs halten noch in der Bundesliga zu den Bayern aufschließen können.

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