+
Es könnte schwierig werden, das königsblaue Steuerrad in den Griff zu bekommen.

Kommentar

Schwieriges Steuerrad

  • schließen

Christian Heidel ist nicht an den früher üblichen Indiskretionen gescheitert. Sondern schlicht an seiner eigentlichen Aufgabe.

Die Bande zu seiner Geburts- und Heimatstadt Mainz ist nie abgerissen. Beinahe beiläufig hat Christian Heidel am Samstagabend von einer Dependance gesprochen, die er noch immer in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt besitze – und in die er jederzeit zurückgehen kann, wenn es ihm im Ruhrgebiet nicht mehr gefällt. Es wäre gar nicht mal überraschend, wenn der 55-Jährige bald dieses Rückzugsgebiet wieder häufiger nutzt. Vielleicht nur, um in Ruhe zu reflektieren, was in den zweieinhalb Jahren seines Wirkens beim FC Schalke 04 schiefgelaufen ist.

Eine Anmerkung des letztlich gescheiterten Managers musste dabei am Samstagabend besonders hellhörig machen, die er bei einer herzlichen Verabschiedung alter Weggefährten fallen ließ: dass auf Schalke immer zu viele glauben, sie würden das Steuerrad in der Hand halten oder könnten hineingreifen. Heidel wollte damit nicht sagen, dass er – wäre er mit der Allmacht in seinen Mainzer Zeiten ausgestattet gewesen – den Klub besser hätte lenken können. Aber er hat angedeutet, dass äußere Kräfte, allen voran die mit Aufsichtsratschef Clemens Tönnies eng verbandelte Springer-Presse, den Daumen bei seiner Person längst gesenkt hatten, womit er nicht mehr klarkommen wollte. Zumal es diesbezüglich fürwahr despektierliche Vorhaltungen gab, die weit unter der Gürtellinie angesiedelt waren.

Einiges nicht Heidels Schuld

Gleichwohl: Heidel ist nicht an den früher üblichen Indiskretionen gescheitert, die in Gelsenkirchen so manch einem Vorgänger das Leben erschwerten. Sondern schlicht an seiner eigentlichen Aufgabe: Durch eine kluge Kaderplanung die Königsblauen dort zu verankern, wo der Klub eingedenk seiner Umsatzzahlen und seines Personalbudgets hingehört: ins erste Tabellendrittel. Das hat Heidel nicht geschafft, obgleich er für 154 Millionen Euro neue Spieler einkaufte und für 112 Millionen Spieler verkaufte. Ein größeres Transferdefizit wiesen seit 2016 nur die fremdfinanzierten Vereine RB Leipzig und VfL Wolfsburg auf.

In vielen Akteuren, das räumt Heidel unumwunden ein, habe er sich getäuscht. Spieler wie der derzeit orientierungslos über den Platz staksende Abwehrchef Salif Sané oder der verzweifelt nach Halt ringende Mittelfeldmann Sebastian Rudy sind nur zwei Beispiele von vielen, die gerade ein bemitleidenswerten Eindruck hinterlassen. Noch im Sommer hat der Manager für seine angeblichen Schnäppchen viel Lob erhalten – nun sind sie die personifizierten Sinnbilder eines Kaders mit viel zu vielen Mitläufern.

Zu kurz greift der Vorwurf, der nun freiwillig aus der Schusslinie getretenen Sportvorstand habe die Schalker Seele verkauft. Leon Goretzka war ebenso wenig gewillt ein bis zur berühmten Schmerzgrenze gestricktes Angebot anzunehmen wie Max Meyer. Und Thilo Kehrer bei einer Offerte aus Paris an den Klub zu ketten, schien irgendwie auch unmöglich. Die Erfahrungen, dass die in der Knappenschmiede geformten Hochkaräter lieber in Manchester oder München Karriere machen, ist nicht Heidel anzulasten, sondern eine Folge davon, dass der FC Schalke 04 zwar noch immer einer der größten deutschen Fußballvereine ist, aber international seit geraumer Zeit nur noch die zweite Geige spielt. Nun geht es sogar darum, nicht für einen längeren Zeitraum von der europäischen Bühne zu verschwinden. Es scheint, als würde es eher schwieriger statt leichter, das königsblaue Steuerrad wirklich in den Griff zu bekommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion