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Ungewohnter Anblick an der Seitenlinie: Unai Emery.

FC Arsenal

Ein schweres, leichtes Erbe

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Der Baske Unai Emery soll den FC Arsenal nach der ewigen Amtszeit von Arsène Wenger wieder stark machen

Sam Allardyce, 2016 für kurze, unrühmliche Zeit englischer Nationaltrainer, bekam sich kaum mehr ein. „Dumm“ und „völliger Quatsch“ sei es gewesen, was Arsenal gespielt hätte, polterte er in einer Radiosendung. Tony Adams, Spielerlegende bei Arsenal und beliebter Schlagzeilenlieferant des britischen Boulevards, echauffierte sich nach der 0:2-Auftaktniederlage gegen Manchester City ebenfalls über Unai Emery: „Ich weiß nicht, was er die vergangenen sechs Wochen gemacht hat.“ Willkommen in der Premier League.

Der Trainer selbst sah bei seinem Ligadebüt gute Ansätze, gleichwohl aber auch einiges an Verbesserungspotenzial. Die Niederlage gegen den amtierenden englischen Meister kam nicht unerwartet, die Art und Weise deckte allerdings schonungslos auf: Arsenal befindet sich nicht auf Augenhöhe mit der Ligaspitze. Die neue Zeitrechnung im Nordlondoner Stadtteil Holloway begann mit einem Dämpfer.

Die Erscheinung Emerys ist dieser Tage ein noch ungewohnter Anblick auf dem Trainingsgelände und an der Seitenlinie des FC Arsenal. Fast 22 Jahre lang hatte der Franzose Arsène Wenger das Sagen im Klub, nur Sir Alex Ferguson verantwortete mit 26 Jahren bei Manchester United länger einen Verein in England. Es sind Ausnahmefälle im modernen Spitzenfußball, die es so wohl kaum mehr geben wird.

Im Fall von Manchester lief der Übergang zudem völlig aus dem Ruder. Der Verein war weder auf das Ende der einen Ära noch auf den Anfang einer neuen vorbereitet. David Moyes war der Leidtragende, der das gigantische Erbe antreten musste. Der Schotte hielt nur zehn Monate durch.

Parallelen zu Moyes

Auch Emery dürfte diese Geschichte kennen – und möglicherweise seit seinem Amtsantritt häufiger gehört haben als ihm lieb ist. Gewisse Parallelen zwischen ihm und Moyes sind auf den ersten Blick naheliegend. Auf dem zweiten Blick allerdings nicht ganz treffend.

Während sich Ferguson mit einem Meistertitel verabschiedete, taugten die Glanztaten der Ära Wenger, die Entwicklung einer Spielkultur, drei Meistertitel und ein Champions-League-Finale, zuletzt mehr als Erzählungen aus den guten, alten Zeiten. Die Realität auf dem Rasen war trist. Zum Ende der abgelaufenen Saison sah Wenger daher „den richtigen Zeitpunkt“ für sich gekommen, um abzudanken.

Entsprechend dankbar mutet sein Vermächtnis für Emery an. Arsenal bestritt zuletzt die zwei schlechtesten Spielzeiten in der Ära Wenger, belegte in der Liga nur die Plätze fünf und sechs. Schlechter kann es kaum laufen. Doch jedem Neuanfang wohnt eine gewisse Erwartungshaltung inne. Sportlich hat Arsenal den Anschluss zu den Topklubs verloren, erst international, zuletzt auch national. Emery, so der Auftrag, soll diesen Rückstand mittelfristig aufholen.

Der Auftakt gegen City offenbarte allerdings, wie weit der Weg bis dahin ist. In der Nachbetrachtung erinnerte vieles an die Vorjahre: Mesut Özil, wie häufig nach Niederlagen der große Buhmann der britischen Presse; die Defensive als altbekannte Baustelle im Kader. Am Samstag folgt bei Chelsea die nächste Belastungsprobe. Man kann leichter in eine Saison starten. Geschäftsführer Ivan Gazidis sah sich bereits zur Aussage veranlasst, man werde Emery nicht aufgrund der ersten Ergebnisse beurteilen. Ein realistischer Blick auf die Dinge, den Emery gebrauchen kann und der ihm die dringend benötigte Zeit verschafft, um die Mannschaft nach seiner Spielidee zu entwickeln.

Leiser, akribischer Arbeiter

Dem 46-Jährigen, im selben Alter wie Wenger bei seinem Amtsantritt 1996, haftet weder das gurumäßige Pep Guardiolas an noch das Charisma Jürgen Klopps oder José Mourinhos. Emery ist keiner für den großen Auftritt, er gilt eher als leiser, akribischer Arbeiter. „Ich verspreche nicht, dass wir sofort gewinnen. Aber wir werden hart dafür arbeiten“, teilte der Spanier in hölzernem Englisch bei seiner Präsentation mit.

Aus seiner Zeit in Sevilla hängt ihm der Ruf eines Besessenen nach, einer, der rund um die Uhr auf dem Trainingsgelände Videos, Gegner und die eigenen Spieler studiert. Mit den Spaniern gewann er dreimal die Europa League. Zuletzt bei Paris St. Germain schaffte er es trotz Meisterschaft allerdings nicht, die immensen Erwartungen zu erfüllen. Insbesondere mit Superstar Neymar soll es gefröstelt haben. Dem Brasilianer missfielen unter anderem die langen Videoschulungen.

Arsenal startet mit Emery in eine ungewisse Zukunft. Während Moyes bei Manchester United damals einen Sechsjahresvertrag unterschrieb, bekam Emery nur ein Papier über drei Jahre – mit Klausel, sich nach zwei Jahren ohne Ansprüche zu trennen. Arsenal geht den Weg in die Neuzeit realistisch an. In jeder Hinsicht.

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