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Einsamer Rufer: Jeff Strasser, Trainer des leidgeplagten 1. FC Kaiserslautern.

1. FC Kaiserslautern

Schweres Gepäck

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Verzweifelt müht sich Trainer Jeff Strasser darum, den 1. FC Kaiserslautern noch nicht aufzugeben.

Er sehe die Chancen, nicht die Risiken, sagt der Mann mit dem vielleicht schönsten Namen im deutschen Profifußball. Das ehrt Jan-Ingwer Callsen-Bracker, der vor acht Tagen vom Erstliga-Achten FC Augsburg zum Zweitliga-Letzten 1. FC Kaiserslautern gewechselt ist. Plötzlich ist dieser 33 Jahre Innenverteidiger ohne Bundesligaeinsatz in dieser Runde beim FCA Hoffnungsträger des FCK. In einer schier hoffnungslosen Situation. 

Die Lauterer liegen mit nur zwölf Punkten am Tabellenende, ein Sieg beim SV Darmstadt 98 an diesem Mittwoch im ersten Spiel nach der Winterpause ist fast Pflicht. Darmstadt dümpelt sieben Punkte entfernt auf Relegationsrang 16., Heidenheim auf dem ersten Nichtabstiegsrang hat schon zehn Punkte Vorsprung vor dem FCK. Und vor der Saison als Abstiegskandidaten gehandelte Klubs wie Erzgebirge Aue, Jahn Regensburg und Arminia Bielefeld oder der MSV Duisburg scheinen bereits nach 18 Spieltagen uneinholbar enteilt. Ausgerechnet in jener Saison, in der der FCK die schlechteste Vorrunde seiner stolzen Vereinsgeschichte hinlegt, spielt die zweite Liga verrückt und die vermeintlichen Underdogs so gut, wie kein Experte es erwartet hatte. 

Trainer Jeff Strasser rechnete in der Winterpause vor, dass seine Elf nun wohl jedes zweite Spiel gewinnen müsse. Aber wie soll das gelingen mit einer Mannschaft, die bislang nur Mal gewann und lediglich 14 Tore erzielte, sechs davon Stürmer Sebastian Andersson? „Wir haben 16 Endspiele, nicht eins oder zwei“, sagt Strasser. Aber egal, was der Trainer, Sportdirektor Boris Notzon oder Spieler Callsen-Bracker in dieser Lage auch sagen – es droht ihnen, als Durchhalteparole ausgelegt zu werden. Das wissen sie und predigen dennoch tapfer Optimismus.

Notzon glaubt, die Mannschaft in Callsen-Bracker, Mittelfeld-Rückkehrer Ruben Jenssen und dem in der Vorrunde verletzten Innenverteidiger Marcel Correia entscheidend verstärkt. Ein Sechser und ein torgefährlicher Offensivspieler sollen noch kommen. Der Trainer glaubt, dass seine Elf durch den jüngsten Testspielsieg gegen Midtjylland aus Dänemark Selbstvertrauen getankt habe. Strasser, 41, war in den guten Zeiten Publikumsliebling „uffm Betze“. Vielleicht sieht man dem Luxemburger deshalb das Leiden beim Coaching während der Spiele an der Linie so an. Zehn Punkte aus zehn Spielen holte der Nachfolger des in der Pfalz deplatzierten Kauzes Norbert Meier. Nun brauchen Trainer und Spieler mehr Mut und mehr Tore, um den Untergang des großen Klubs noch zu verhindern. 

Grabenkämpfe beim FCK

Der FCK ist der Verein Fritz-Walters, der Deutschland 1954 mit vier weiteren Spielern aus Lautern zum Weltmeistertitel führte. Einer der Helden der Walter-Elf, Horst Eckel, lebt noch, er geht noch regelmäßig im Stadion und sieht dort zumeist Trauerspiele vor nur noch etwas mehr als 20.000 Fans. Schlimm sei der Niedergang für ihn, sagte der 85-Jährige jüngst verzweifelt.

Seit dem Gewinn der letzten von vier Deutschen Meisterschaften 1998 als Sensationsaufsteiger unter Otto Rehhagel geht es stetig bergab auf den Betzenberg. Immer wieder schwächte sich der Klub durch Grabenkämpfe selbst, keine Ikone, die am Ende ihrer Zeit in verantwortlicher Rolle nicht vom Berg gejagt wurde wie ein Verräter. Zuletzt Stefan Kuntz, nach acht Jahren als Vorstandsvorsitzender Anfang 2016. Mit Kuntz, dem seine Kritiker Misswirtschaft vorwerfen, ging die sportliche Kompetenz auf der Führungsebene. Und seither geht es rasant abwärts, der Verschleiß an Führungskräften ist atemberaubend, der FCK erlebte zuletzt ein hausgemachtes Chaos durch Unfähigkeit der Führung.

Strasser ist der dritte Trainer in den letzten zwölf Monaten, Sportdirektor Uwe Stöver (mittlerweile St. Pauli) warf letzten Sommer hin, weil er sich vom damaligen Aufsichtsrat hintergangen fühlte, Chefscout Notzon wurde zum Sportchef befördert. Seit Dezember gibt es einen neuen Aufsichtsrat, der nun einen neuen Vorstand mit Sportkompetenz sucht. Der mit der Führungsrolle überforderte Marketingvorstand Thomas Gries trat zum Jahreswechsel zurück. Bleibt als einzige Konstante Finanzvorstand Michael Klatt, der in Bezug auf die Zukunft des Klubs einmal sagte: „Bundesliga oder Regionalliga.“ 

Die Altlast des Stadionausbaus hängt wie ein Damoklesschwert über dem Klub. Seit 2003 gehört das Stadion einer städtischen Betreibergesellschaft, der FCK zahlt Miete und die Instandhaltungskosten, insgesamt zehn Millionen Euro im Jahr. Die Stadt kam dem Klub in der Vergangenheit immer wieder mit Mietminderungen entgegen. Statt der vereinbarten Mindestpacht von 3,2 Millionen Euro kann der FCK künftig in Liga zwei aber nur noch 2,4 Millionen zahlen, in Liga drei nur noch 425.000 Euro. Wer übernimmt die Differenz? 

Anfang der Woche tagten die Stadtpolitiker erneut, um die Causa zu besprechen. Es gibt einige wenige Politiker, die vom Rückbau oder gar Abriss des Stadions raunten. Das ist zwar wenig realistisch, aber den bedingungslosen Rückhalt bei Politikern und Einwohnern der hoch verschuldeten Stadt hat der Klub verspielt. Die Landespolitik, die unter dem damaligen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) den teuren Ausbau zur WM-Arena auch mittrug, hält sich bedeckt. Die Ausbaukosten beliefen sich am Ende auf über 70 Millionen Euro, die Pacht des FCK deckt nur die Zinsen des Kredits, nicht aber die Tilgung. Die Zeit nach einer Lösung drängt, der Klub muss im März die Lizensierungsanträge für Liga zwei und drei einreichen.

Mittlerweile ist Konsens, dass nur ein oder mehrere Investoren den Klub im Profifußball überlebensfähig halten. Die Abstimmung der Mitglieder über die Ausgliederung der Fußballabteilung aus dem Gesamtverein, die Voraussetzung dafür wäre, wurde vom neuen Aufsichtsrat vertagt. Der Fokus soll in der Rückrunde voll auf dem Sportlichen liegen. Es lastet viel Gepäck auf den Schultern von Jeff Strasser und seinen Spielern. 

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