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Schwere Last

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Von: Frank Hellmann

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Vorbotin der EM: Der Engländerin Ellen White ist auf einer Leinwand bei den White Cliffs in Dover zu sehen.
Vorbotin der EM: Die Engländerin Ellen White ist auf einer Leinwand bei den White Cliffs in Dover zu sehen. © dpa

Mit viel Gepäck und hoher Erwartungshaltung sind die DFB-Frauen nach England gereist. Am Freitag steigt in Brentford im Westen von London der Auftakt gegen Dänemark.

Grüne Wohlfühloasen bietet die Großstadt London einige. Nicht ganz so berühmt wie der Hyde Park oder der Regent’s Park ist der Syon Park, der sich tief im Westen der britischen Metropole an der Themse entlangschlängelt. Hier im Stadtteil Brentford hat die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ein schmuckes Quartier für die bevorstehende EM in England (6. bis 31. Juli) bezogen. Um 17.17 Uhr Ortszeit öffnete sich am Sonntag gegenüber einer Backsteinmauer die Bustür, aus der zuerst die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg stieg.  

„Da haben wir schon 2019 gewohnt, als wir England geschlagen haben“, erinnerte sich die 54-Jährige an das gute Omen einer Herberge vor einem prestigeträchtigen Sieg im fast voll besetzten Wembley-Stadion gegen den Gastgeber der Frauen-EM 2022. Die damals ebenfalls beteiligte Linda Dallmann versicherte, „dass wir uns an diesem Ort wohlfühlen werden“. Das Quartier sei nun einmal ein „großer Faktor“. Für sie war das Turnier lange „weit weg, jetzt steht es endlich vor der Tür“. Und bis dahin soll bitte auch nicht mehr Corona Einzug halten. Sicherheitshalber bekamen alle Spielerinnen in einem abgetrennten Seitenflügel Einzelzimmer zugewiesen.

Nicht weit entfernt vom Basiscamp liegt das Brentford Community Stadium, Heimstätte des Premier-League-Klubs FC Brentford mit seinen 17.000 Plätzen, das  der Schauplatz für die wichtigen EM-Gruppenspiele gegen Dänemark (8. Juli) und Spanien (12. Juli) ist, ehe es für die letzte Partie gegen Finnland (16. Juli) noch nach Milton Keynes geht. Bestenfalls bis zum Halbfinale wollen die deutschen Fußballerinnen im Syon Park residieren. Das tägliche Chaos am Frankfurter Flughafen mit annullierten Flügen und ellenlangen Warteschlangen hatte der DFB-Tross bei seiner Anreise mit einem Charter umgangen, der nur leicht verspätet in London-Luton landete.

Die Öffentlichkeit erwartet viel - zu viel?

Bereits in der vergangenen Woche hatte sich ein riesiger Truck durch den Eurotunnel aufgemacht, um vorab reichlich Gepäck auf die Insel zu schaffen. Darunter nicht nur 520 Trikots, 210 Paar Stutzen oder 80 Bälle, Regenschirme, Dartscheibe oder Taktiktafel, sondern auch Sonnenliegen, Gewürze oder Trockenfrüchte, weil das nach dem Brexit kaum noch zu bekommen ist. Gesamtgewicht aller Materialien laut Zeugwart Steve Smith: fast acht Tonnen. Und dann ist da ja noch der Ballast, der nach acht gewonnenen Europameisterschaften zwangsläufig auf einem deutschen Team lastet: die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit.

Frauen-EM 2022: Spielplan, Gruppen und Ergebnisse im Überblick

Warum soll es denn nicht einfach wieder wie früher flutschen? Dazu kann Voss-Tecklenburg vieles sagen, und jedes ihrer Argumente von fehlerhafter Ausbildung, über veränderte Persönlichkeiten bis hin zu gesellschaftlichen Entwicklungen wirkt schlüssig, aber in der Gesamtheit geht es ihr um dies: dass alles andere als ein Turniersieg als Misserfolg gilt. „Ich glaube, das liegt auch daran, dass viele Menschen zu wenig aufgeklärt darüber sind, wie sehr sich der Frauenfußball entwickelt hat. Dass Deutschland immer gewinnt, ist kein Selbstläufer.“ Sie möchte unbedingt, dass diese Botschaft bei den Leuten ankommt, bevor der Ball rollt.

Martina Voss-Tecklenburg: „Wir werden coole Gegner haben“

So wiederholt die Überzeugungstäterin vom Niederrhein solche Sätze immer wieder, als könne man nicht oft genug sagen, dass sich generell die Zeiten geändert haben. Sie wolle die Leistungen früherer Generationen nicht abwerten, so die 125-fache Nationalspielerin, aber das Niveau sei taktisch, technisch und athletisch viel höher als zu ihrer Zeit. „Wir werden coole Gegner haben, die richtig was können.“ Der erste ist am Freitag (21 Uhr/ ZDF) der Vize-Europameister Dänemark, bei denen sich vieles auf Pernille Harder fokussiert, die vor zwei Jahren den VfL Wolfsburg verließ, um beim FC Chelsea ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Doch abseits der Starstürmerin verkörpert der Gegner nicht in allen Mannschaftsteilen Weltklasse, um es vorsichtig auszudrücken. Deshalb ist der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou ziemlich zuversichtlich, dass es bei einer konzentrierten deutschen Leistung gelingen wird, siegreich in die mit Abstand am größten inszenierte EM zu starten. Voss-Tecklenburg, die am Montag auf der Anlage des Grashoppers Rugby Football Club das erste Training abhalten wird, sagte vor dem Abflug über die Däninnen: „Wir wissen genau, wie sie spielen, Wir kennen ihre Keyplayerinnen Wir haben unsere Spielerinnen darauf vorbereitet, und sie kennen sich teilweise auch gut.“ Hörte sich so an, als könne es eigentlich sofort losgehen.

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