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Schweinsteigers Strapse

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Von: Frank Hellmann

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Zeigt her eure Waden.
Zeigt her eure Waden. © dapd

Kompressionssocken sehen zwar nicht unbedingt sexy aus - aber sie helfen Bastian Schweinsteiger, sich gut und sicher zu fühlen. Der angeschlagene Bayern-Star ist längst nicht der einzige, der auf elastische, eng anliegende Strümpfe setzt.

Warum ein Versteckspiel daraus machen? Wenn die vermaledeite Wade der Nation zwickt, muss schnelle und sichtbare Hilfe her. Und so trug Bastian Schweinsteiger während seiner individuellen Trainingseinheiten im südfranzösischen Tourrettes genau wie als Beobachter des Testspiels in Leipzig Kompressionsstrümpfe, die mit den herkömmlichen Stutzen eines Fußballers nichts mehr gemein haben.

Seit geraumer Zeit verordnet Nationalmannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ganz offiziell das Tragen jener elastischen, eng anliegenden Strümpfe, die sich unter Sportlern großer Beliebtheit erfreuen. Dazu muss man nicht, wie Bayern-Star Schweinsteiger, an einer Muskelquetschung leiden. Dass der Frontmann der DFB-Auswahl in Danzig wieder schmerzfrei trainieren kann und für den EM-Auftakt gegen Portugal nach jetzigem Stand zur Verfügung stehen wird, ist auch der heilenden und helfenden Wirkung der neuen Wundersocken zu verdanken.

Einzug durch die Hintertür

„Kompressionsstrümpfe dienen nicht nur der Prophylaxe, sondern geben auch dem Spieler bessere Stabilität und sogar ein besseres Ballgefühl“, erklärt der Darmstädter Sportarzt Klaus Pöttgen, der beobachtet hat, wie der „Druckstrumpf“ durch die Hintertür Einzug gehalten hat. Spieler des FC Bayern, von Borussia Dortmund und Schalke 04 benutzen ihn – reden aber nicht gerne darüber. Das Problem: Die gängigen Teamausrüster wie der DFB-Partner Adidas, Nike oder Puma führen die Modelle nur bedingt im Repertoire. Wenn der Spezialstrumpf anderer Hersteller im Spiel zum Einsatz kommt, wird getrickst und getäuscht: die alten Stutzen werden oberhalb des Fußteils abgeschnitten, die dünnen Kompressionsstrümpfe druntergezogen, drüber kommen die Schienbeinschoner und die Stutzen – mit Tape fixiert.

Offenbar keine Modeerscheinung

„Das ergibt bei Tritten sogar einen doppelten Schutz“, erläutert Pöttgen. Der 48-Jährige hat mit den Drittliga-Kickern von Darmstadt 98 in dieser Saison ein Pilotprojekt durchgeführt. Er ließ sie eine ganze Saison lang zwei Arten von Kompressionsstrümpfen testen, eine für die Regeneration, eine für den Wettkampf. Das Ergebnis war überzeugend. „Die Muskeln werden kompakter zusammengehalten“, beschreibt Darmstadts Teamarzt den Haupteffekt. Das macht sich auch Arjen Robben zunutze. Der niederländische Flügelflitzer erschien zum Aufwärmen vor Bayern-Spielen schon häufig mit schwarzen Kompressionssocken – und hatte den offiziellen FCB-Stutzen nur lässig darübergerollt. Offenbar handelt es sich mitnichten um eine Modeerscheinung wie das Aufsehen erregende Nasenpflaster zur EM 1996, dessen Wirkung von Anfang an als fragwürdig galt.

Im Ausdauersport längst Normalität

„Kompression ist schon seit einiger Zeit im Trend“, sagt Adidas-Sprecher Oliver Brüggen, „wir gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung fortsetzt.“ Dass Schweinsteiger nun Strümpfe ohne die bekannten drei Streifen zur Schau trug, sorgt beim Hersteller aus Herzogenaurach angeblich nicht für Unmut: Nach Verletzungen dürften die behandelnden DFB-Ärzte nach Rücksprache zusätzliche Spezialprodukte verschreiben, heißt es aus der Konzernzentrale. Im Marathon und vor allem im Triathlon haben die Kompressionsstrümpfe bereits einen Siegeszug hinter sich. Ironman Timo Bracht feierte in ihnen seine größten Erfolge. Durch Kompression wird erwiesenermaßen der arterielle und venöse Blutstrom verbessert. Von den Darmstädter Drittliga-Kickern gab es ein eindeutiges Votum: Alle wollen den Strumpf weiterempfehlen und weitertragen. 81 Prozent verspürten ein besseres Laufgefühl, 72 Prozent ein stabileres Gefühl, 68 Prozent ein geringeres Verletzungsgefühl und 59 Prozent sogar ein direkteres Gefühl zum Ball. Pöttgen wird die Ergebnisse demnächst in der Mediziner-Zeitschrift Medical Sports Network präsentieren. Unter Sportmedizinern sei die Debatte über den Nutzen der „Stütze im Strumpf“ gerade im Gange.

Die bevorstehende EM könnte als Plattform für die weitere Verbreitung dienen, obwohl die neuartige Socke wohl erst dann zum Massenphänomen wird, wenn die großen Hersteller sie zum offiziellen Ausrüstungsgegenstand machen. Sowohl Adidas als auch Nike können dazu derzeit keine detaillierte Auskunft geben – ja, Kompressionsbekleidung befinde sich im Angebot; nein, solch einen Spezialstutzen für Fußballer gebe es noch nicht. Pöttgen glaubt: „Langfristig gibt es keine Alternative: Die Kompressionsstrümpfe werden den Fußballmarkt überrollen.“ Und Schweinsteiger spielt den Trendsetter.

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