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"Ich hatte direkt wieder dieses Heimatgefühl." Bastian Schweinsteiger zurück an der Säbener Straße.

Bastian Schweinsteiger

Schweinis später Abschied

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Mehr als drei Jahre nach seinem stillen Servus aus München kehrt Bastian Schweinsteiger für ein letztes Spiel zum FC Bayern zurück.

Zwischendurch rang Bastian Schweinsteiger nach Worten. Es war regelrecht zu erkennen, wie er die gedanklich suchte und wieder verwarf, ehe er sich für eine Umschreibung entschied, um sich auszudrücken. Doch jene Vokabeln, nach denen der langjährige Bayern-Spieler fahndete, wollten ihm einfach nicht einfallen. Wohlgemerkt auf Deutsch beziehungsweise Bayerisch. Ein bisschen unangenehm geriet die Situation für Schweinsteiger, beinahe entschuldigend deutete er an, auf Englisch zu denken.

Es war einer jener Momente, in denen deutlich wurde, wie lange Schweinsteiger schon nicht mehr in München lebt und kickt. Und doch wirkte am Sonntagnachmittag alles zugleich sehr vertraut, ganz so, als sei er eigentlich nie weg gewesen. Auch für ihn. „Ich hatte direkt wieder dieses Heimatgefühl. Ich bin glücklich, wieder hier zu sein“, sagte Schweinsteiger. Mehr als drei Jahre nach seinem stillen Servus, nach seinem Abschied vom FC Bayern im Juli 2015 – durch die Hintertür Richtung Manchester United. Ende März 2017 zog er weiter zu Chicago Fire in die USA.

Am Samstag landete er in München, seit Sonntag ist er wieder beim FC Bayern, betitelt vom Verein mit dem Slogan „Basti is back“. Für seinen offiziellen Abschied an diesem Dienstag ist er gekommen, wenn er mit seinem aktuellen Verein auf seinen langjährigen Herzensklub FC Bayern trifft. 75 000 Zuschauer wollen dabei sein und sehen, wie Schweinsteiger in der ersten Halbzeit für Fire und in der zweiten Halbzeit für die Münchner aufläuft. „Es kommen Bilder in den Kopf, du kannst die Augen nicht schließen“, sagte Schweinsteiger, als er im Medienraum auf dem vertrauten Vereinsgelände des FC Bayern zusammen mit Chicagos Chefcoach Veljko Paunovic eine Pressekonferenz gab. Für das Spiel hat er sich vorgenommen „zu genießen. Aber ich weiß nicht, wie emotional es sein wird.“

Welchen Stellenwert Schweinsteiger noch immer in München genießt, war schon bei diesem ersten Auftritt zu erkennen. Sogar Bayerns Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hatte sich unter die Medienvertreter gemischt, um Schweinsteiger herzlich zu begrüßen und ihm zu lauschen. Später beim öffentlichen Training auf dem Gelände des FC Bayern vor 2000 Fans stand der 34-Jährige natürlich ebenfalls im Mittelpunkt. Daran wird sich bis zum späten Dienstagabend nichts ändern.

Am Montag wurde er im Marmorsaal des Prinz-Carl-Palais in München vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder mit dem Bayerischen Verdienstorden geehrt. Vorausgeschickt hatte der CSU-Politiker schon salbungsvolle Worte. „Bastian Schweinsteiger ist ein Ausnahmesportler, eine echte bayerische Persönlichkeit und Vorbild“, sagte Söder. Auch der Verein ehrte den Weltmeister von 2014 am Montag, indem er den mit 20 Titeln erfolgreichsten deutschen Fußballer in die Hall of Fame aufnahm. Nicht nur wegen seiner 17 Jahre, 500 Spiele, acht deutschen Meisterschaften, sieben Pokalsiegen und des Champions-League-Titels 2013 für den FC Bayern, sondern auch wegen seines Charakters.

Als 13-Jähriger war er von seinem Heimatklub FV Oberaudorf zum deutschen Branchenführer gewechselt, sein Profidebüt gab er am 13. November 2002 gleich in der Champions League, als er im Spiel gegen den RC Lens für Mehmet Scholl eingewechselt wurde. Kleine Jugendsünden als „Schweini“ im Münchner Nachtleben oder mit einer angeblichen Cousine im Entmüdungsbecken der Bayern steigerten seine Popularität eher, als dass sie ihr schadeten. Das galt ebenso, als er 2012 im sogenannten „Finale dahoam“ der Champions League zur tragischen Figur wurde, weil er im Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea den Pfosten traf.

Es ist jene Szene, die er auch selbst als erste mit seiner Zeit beim FC Bayern verbindet, noch vor dem Triple-Gewinn 2013. Die Niederlage ein Jahr zuvor sei „vielleicht der bitterste Abend meiner Karriere“ gewesen, erinnerte Schweinsteiger nun. Am Morgen nach dem verlorenen Finale versuchte er bei einem Spaziergang durchs Münchner Glockenbachviertel, an der Isar entlang und über den Viktualienmarkt seine Gedanken zu ordnen. Wie ihn die ebenfalls enttäuschten Fans auf der Straße damals aufbauten, habe ihn „sehr berührt“, erzählte Schweinsteiger. „Die Unterhaltungen hatte ich das ganze Jahr im Kopf. Das war eine Basis dafür, dass wir 2013 das Triple und 2014 die WM gewonnen haben.“

Die Bilder, wie Schweinsteiger im WM-Finale von Rio des Janeiro im Gesicht blutete und sich dennoch in jeden Zweikampf warf, sie haben auch das Bild von ihm geprägt. Von einem gereiften Charakterspieler, der nach der EM 2016, nach 121 Länderspielen und 24 Toren, aus der Nationalmannschaft zurücktrat. Und der nun „froh“ ist, wie er sagt, dass Bundestrainer Joachim Löw nach der missratenen Mission Titelverteidigung bei der WM 2018 weitermacht. Es passt zu Schweinsteiger, dass er appelliert, beim Neuaufbau wieder verstärkt auf die sogenannten „deutschen Tugenden“ zu setzen.

Am Dienstagabend wird es nicht ums Kämpfen gehen, sondern in erster Linie um den Spaß. Und vor allem darum, Schweinsteiger jenen gebührenden Abschied zu ermöglichen, der 2015 ausgeblieben war. Damals waren alle überrascht worden von seinem plötzlichen Wechsel zu Manchester United, den der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge unter Pfiffen bei der Kaderpräsentation bekanntgab. In der Arena hing damals etwas verloren ein Banner mit einem Fangruß an Schweinsteiger. „Servus Fußballgott“. Der inzwischen zurückgetretene Philipp Lahm, mit dem Schweinsteiger bis dahin fast immer zusammen gespielt hatte, sagte: „Es ist einfach absolut schade, auch für den Verein, weil er ein bayerischer Bua ist.“ Mittlerweile ist Thomas Müller der einzige echte Oberbayer beim FC Bayern. Wohl auch deshalb ist die Sehnsucht beim Publikum nach Schweinsteiger so groß.

Als Spieler wird er nach diesem Dienstag nicht mehr zurückkehren. Aber vielleicht, später einmal, in einer anderen Rolle. Nach seinem späten Abschied.

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