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Schweigende Maulwürfe

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Von: Jakob Böllhoff

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Opfer eines Fakes: Markus Weinzierl, Trainer in Augsburg. Foto: dpa
Opfer eines Fakes: Markus Weinzierl, Trainer in Augsburg. © dpa

Die Spielerkabine ist das letzte große Geheimnis im Fußball. Manchmal dringt dennoch etwas nach draußen. Und manchmal ist es schlicht Unfug. Eine Glosse.

Umkleidekabinen im Profifußball sind geheimnisvolle Orte. Was dort geschieht, hinter verschlossenen Türen, was gesagt und getan wird in der Halbzeitpause, vor den Spielen, nach den Spielen, ist seit jeher der Stoff für Mutmaßungen und Gerüchte. Nur ab und zu dringt etwas Wahrheit nach draußen, wenn die Maulwürfe zu reden beginnen. Ein Maulwurf verriet 2003 zum Beispiel, dass Sir Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, dem Superstar David Beckham einen Schuh gegen den Kopf trat in der Kabine, bei einem seiner legendären Wutausbrüche. Beckham trug damals eine Platzwunde über dem linken Auge davon, zusammen mit der Gewissheit, die Karriere lieber woanders fortzusetzen, fern von Fergie. Er wechselte zu Real Madrid.

Liebevolle Orte scheinen diese Kabinen jedenfalls nicht zu sein. Dazu passt die Geschichte über den FC Bayern, die der Österreicher Andreas Herzog dieser Tage zum Besten gab, Saison 1995/96. Im Heimspiel der Bayern gegen den VfB Stuttgart hatte Torwart Oliver Kahn Herzog gepackt und geschüttelt, es ist eine Szene mit Legendenstatus: Wie der wilde Titan den schlaffen Herzerl durch die Gegend schubst.

Oliver Kahns Duscherlebnis

In der Halbzeitpause, erzählte Herzog, 53, nun, seien der damalige Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge und Manager Uli Hoeneß in die Kabine gekommen: „Das haben sie nur gemacht, wenn es wichtig war. Ich bin zu Oliver gegangen und habe gesagt: ‚Wenn du mich noch einmal deppert anschaust, haue ich zurück.‘ Daraufhin meinten Rummenigge und Hoeneß, dass mir schon lange eine aufs Maul gehört und ich leise sein soll. Dann hat mich Otto Rehhagel ausgewechselt.“ Da reifte in Herzog die Gewissheit, seine Karriere lieber woanders fortzusetzen, fern von den irren Bayern. Er wechselte zu Werder Bremen.

Aber das waren auch die Neunziger, und in den Neunzigern ging’s noch ganz anders zu in den Kabinen der Fußballer, und wer wüsste das besser als Oliver Kahn, der einst in seiner Biografie „Ich“ eine Szene aus der Anfangszeit seiner Karriere beim Karlsruher SC beschrieb. Unter der Dusche: „Plötzlich spürte ich, wie es an meinem linken Oberschenkel wieder anfing warm zu werden ... Erschrocken riss ich die Augen auf: Einer der Spieler hatte sich in der Dusche neben mich gestellt – und damit begonnen, mich im hohen Bogen anzupinkeln.“

Dies ist sozusagen der historische Bogen, der das Damals mit dem Heute verbindet, die raue Vergangenheit mit der glattpolierten Gegenwart. Am Donnerstagabend sah sich die Presseabteilung des Bundesligisten FC Augsburg nämlich gezwungen, etwas klarzustellen: Nein, es stimme nicht, dass der Spieler Ricardo Pepi in der „Sportbild“ gesagt hat, Trainer Markus Weinzierl habe ihn unter der Dusche angepinkelt. Ein entsprechendes Zitat, das in den Sozialen Medien kursierte, realistisch präsentiert von einem der zahlreichen Photoshop-Füchse des Internets, sei ein Fake.

Das Zitat ist falsch, aber die Geschichte selbst? Die Füchse basteln. Die Maulwürfe schweigen.

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