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Schweigen als Botschaft

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Von: Frank Hellmann

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Kein Ton kommt über ihre Lippen, gut so: die iranischen Nationalspieler., 2022.
Kein Ton kommt über ihre Lippen, gut so: die iranischen Nationalspieler., 2022. © afp

Gruppe B Eine 2:6-Niederlage gegen England tut weh, kann die iranische Nationalmannschaft aber verschmerzen, weil das verweigerte Mitsingen der Hymne sich wie ein Sieg anfühlt.

Manchmal geht es wirklich um mehr als Fußball. Und dann ist auch ein verlorenes WM-Gruppenspiel irgendwie zweitrangig. So hat die iranische Nationalmannschaft zwar die Auftaktpartie bei der WM in Katar gegen den Mitfavoriten England am Montag hoch mit 2:6 (0:3) verloren, doch ist für weite Teile der Heimat auch das „Team Melli“, übersetzt die Mannschaft des Volkes, im Khalifa Stadium ein Sieger gewesen. Weil die Nationalspieler nämlich bei der Hymne der islamischen Republik schwiegen und damit ein klares Zeichen gegen das Regime aussandten.

Mit versteinerter Miene lauschte ein jeder Akteur den Klängen. Niemand bewegte die Lippen. Und das hatten genau diejenigen erhofft, die seit Wochen auf die Straße gehen, um gegen die Unterdrückung der Frauen zu protestieren, nachdem vor zwei Monaten die junge Mahsa Amini nach der Verhaftung durch die Sittenpolizei gestorben war. Im iranischen Block unter dem geschwungenen Stadiondach mit seiner unnötig auf Hochtouren laufenden Klimaanlage kannte der Jubel keine Grenzen. Beide Seiten in dem zerrissenen Land wollten ja die Fußballer für ihre Zwecke gewinnen: Das erzkonservative Mullah-Regime, das mit brutaler Härte gegen das eigene Volk vorgeht. Und die aufgebrachten Demonstranten, die nach Freiheitsrechten für Frauen verlangen, die es in weiten Teilen der Welt schon gibt.

Offenbar stehen die von Regierungsseite zuletzt unter Druck gesetzten Kicker doch mehr auf der Seite der Regimekritiker. Der iranische Staatssender unterbrach die Live-Übertragung bei der Hymne. Den Spielern könnten nun Konsequenzen drohen. Im Iran war spekuliert worden, dass sie gesperrt werden, sollten sie bei der Hymne schweigen.

In dieser schwierigen Gemengelage ist vielleicht gar nicht verwunderlich gewesen, dass das Ensemble des Portugiesen Carlos Queiroz den „Three Lions“ nicht auf Augenhöhe begegnen konnte. Aus der drückenden Überlegenheit Englands resultierten sehenswerte Treffer: Erst Jude Bellingham (35.), Bukayo Saka (43./62.), Raheem Sterling (45.+1), sowie die eingewechselten Marcus Rashford (72.) und Jack Grealish (90.) machten einen Klassenunterschied deutlich. Englands Kapitän Harry Kane trug wie erwartet nicht die „One-Love“-Binde, sondern eine mit der Aufschrift „No Discrimination“, nachdem die Fifa ihr Machtwort durchgepeitscht hatte. Zwischenzeitlich sorgten die zwei Treffer von Mehdi Taremi (65. und 90.+13/Foulelfmeter) noch für Glücksgefühle beim iranischen Anhang.

Zwar waren nicht annähernd so viele nach Katar gekommen wie 2018 nach Russland, als meist 15 000 Fans die Spiele sahen. Auffällig wieder, wie grell sich die Frauen geschminkt hatten, die fast alle offene Haare trugen. Zudem zeigten Männer demonstrativ beim Einlass rote T-Shirts mit dem Aufdruck „Women. Life. Freedom“. Frauen. Leben. Freiheit. Das ist die Botschaft, die in Teheran für die meisten gerade mehr zählt als ein Fußballspiel in Doha.

Auch Reza Pahlavi, der ältesten Sohn des ehemaligen Schahs, Mohammad Reza Pahlavi, hatte vor der Begegnung die Nationalspieler unmissverständlich aufgefordert: „Jetzt habt ihr die Gelegenheit, die Stimme eure Volkes zu sein und zu zeigen, dass ihr die Nationalmannschaft des Irans seid und nicht die der kriminellen islamischen Regierung. Nutzt diese einmalige Gelegenheit, um dem Volk zusätzliche Energie zu geben. Die Welt schaut euch zu.“ Selten schien ein Schweigen wichtiger.

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