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Historischer Moment auf Malta: Erwin Kostedde (links) feiert sein Debüt im deutschen Nationalteam – als erster Schwarzer Spieler.
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Historischer Moment auf Malta: Erwin Kostedde (links) feiert sein Debüt im deutschen Nationalteam – als erster Schwarzer Spieler.

Auf Amazon und bald im ZDF

TV-Doku „Schwarze Adler“: Zwischen Stolz und Hass

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Die TV-Dokumentation „Schwarze Adler“ beleuchtet eindrucksvoll den Rassismus im Fußball - früher wie heute

Der 8. Oktober 1974. ein Freitagabend, Flutlichtspiel auf dem Bieberer Berg in Offenbach. 70. Minute, Flanke von der linken Seite, Erwin Kostedde nimmt den Ball an der Strafraumgrenze mit der Brust an. Berti Vogts, der Terrier, ist am Kickers-Mittelstürmer eng dran, zuppelt und zoppelt an dessen Trikot, wenn nicht mehr, wird dann aber abgeschüttelt. Kostedde drischt den Ball volley ins Tor, unhaltbar für Wolfgang Kleff – 4:3-Sieg des OFC gegen Gladbach. Riesenjubel, ein bebender Berg in Bieber. Erwin Kostedde, der Held der Massen. Zumindest in Offenbach.

Das „Tor des Monats“, das später auch als „Tor des Jahres“ ausgezeichnet wird, hat Erwin Kostedde sicher dabei geholfen, in der Gunst von Bundestrainer Helmut Schön zu steigen. Rund zwei Monate später, am 22. Dezember, feiert der geschmeidige Torjäger sein Debüt im deutschen Trikot – EM-Quali auf Malta, in Gzira, wo der damalige Fußballplatz diesen Namen heutzutage kaum mehr verdient hätte. Kein Rasen, nicht mal ein Grashalm, stattdessen Steinchen, Erde, Staub. Die Beckenbauers, Vogts und Hölzenbeins tuen sich schwer, gewinnen gerade eben mit 1:0, viel mehr als das Ergebnis aber bleibt etwas anderes in Erinnerung: das erste Länderspiel von Erwin Kostedde, das erste Länderspiel eines Schwarzen im deutschen Nationaltrikot.

Diese beiden Szenen, jene aus Offenbach und Malta, sind Teil der Dokumentation, die seit kurzem auf Amazon zu sehen ist und am 18. Juni auch im ZDF gezeigt werden soll. „Schwarze Adler“, ein Film von Torsten Körner, beschäftigt sich in 101 Minuten mit Rassismus im deutschen Fußball - von früher bis heute und auch ein bisschen darüber hinaus. Kostedde, der in Münster als Sohn einer Deutschen und eines US-Soldaten geboren wurde, sagt Dinge, die unter die Haut gehen. Damals, als er spielte, hätten die Leute gerufen: „Guck mal, der Schwatte – das hätt’s bei Hitler nich’ gegeben.“ Oder auch, dass er sich als Kind stundenlang mit Kernseife gewaschen habe, um weißer zu werden.

„Schwarze Adler“: Die Geschichte von Erwin Kostedde

Bei seinem zweiten Länderspiel habe er die Blicke aufgrund seiner Hautfarbe gespürt, so Kostedde. „Die Bürde war zu groß.“ Vor Hunderttausend Fans im Londoner Wembleystadion habe er an alles gedacht, nur nicht ans runde Leder, „ich habe gespielt wie ein Weihnachtsmann“. Es sollte nur noch ein Länderspiel folgen. Erwin Kostedde, kein Held der Massen.

Es ist natürlich nicht nur der bald 75-Jährige, der die Doku mit seinen schlimmen Erfahrungen prägt, auch andere Schwarze Spielerinnen und Spieler erzählen ihre Geschichten. Etwa Jimmy Hartwig, das Offenbacher Original und der zweite Schwarze Nationalspieler Deutschlands, oder Gerald Asamoah, der erste im Ausland geborene DFB-Kicker. Dazu: Cacau, Patrick Owomoyela, Steffi Jones oder auch die aktuellen Bundesligaprofis Jordan Torunarigha (Hertha BSC) und Jean-Manuel Mbom (Werder Bremen). Sie alle eint: der Stolz das deutsche Trikot bereits übergestreift zu haben, und der Hass, der ihnen vielerorts von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe entgegengeschlagen ist und noch immer schlägt.

„Ich glaube, wenn ich das in meiner Jugend nicht mit Humor gesehen hätte, hätte ich mir die Kugel gegeben“, sagt Hartwig, der für den DFB als Botschafter für Fairplay, Vielfalt und Respekt arbeitet. Er spricht oft an Schulen und in Vereinen. „Wenn wir jungen Leuten weiter die Augen öffnen, können wir erreichen, dass wir noch einige Schritte nach vorn gehen. Es kommt nicht auf die Hautfarbe, sondern auf den Menschen an.“

„Schwarze Adler“: Film geht unter die Haut

Ähnliches rief Gerald Asamoah, der Asa, wie er nur genannt wird, am Ende seiner aktiven Karriere auch den Fans der Königsblauen aus Gelsenkirchen entgegen, schluchzend, von den Emotionen übermannt, „immer einer von euch“. Ein Gänsehautmoment, ebenso wie jener, als der heutige Schalker Teammanager davon berichtet, wie er seinem Sohnemann erklären musste, warum Leute ihm „Scheiß Neger“ hinterhergerufen haben.

Die abendfüllende Dokumentation, in der erstaunlicherweise Kevin-Prince Boateng nicht zu Wort kommt, obwohl der einstige Eintracht-Spieler ja schon vor den Vereinten Nationen über Rassismus gesprochen hat, liefert im Grunde keine ganz neuen Erkenntnisse. Dass es früher allerübelsten Rassismus gab, ist natürlich bekannt. Dass dieser heutzutage bei weitem noch nicht verschwunden ist, leider auch. Zweifelsfrei schafft es der Film, die Geschichten einiger Betroffener mit viel Gefühl zu erzählen. Er geht zeitweise tief unter die Haut.

„Schwarze Adler“: Charmantes Ende

Auch werden anderen Themen angeschnitten, etwa das Ringen des Frauenfußballs um Akzeptanz. „Das Ausgegrenztsein betrifft ja nicht nur uns Schwarze. Das kann aufgrund des Aussehens, der Herkunft, der Religion oder sexueller Orientierung sein, es gibt ja jegliche Form der Diskriminierung“, sagt Steffi Jones, die im Frankfurter Stadtteil Bonames als Tochter eines US-Soldaten groß gewordene Ex-Nationalspielerin.

Wenngleich sich die Doku einen Blick über den Fußball hinaus spart, findet sie einen äußerst charmanten Abschluss (Achtung Spoiler). So streift Jimmy Hartwig sein ersten Länderspieltrikot von 1979 über und stellt in wunderbarstem, hessischen Idiom fest: „Des Schöne is: des passt noch. Isch könnt normalerweis soford wieda auflaufe.“ Ein stolzer Schwarzer Adler.

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