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Gerade finden wir neue Argumente dafür, dass die 50+1-Klausel für alle gilt - auch für den RB Leipzig und die anderen Clubs, die hier eine Ausnahme bilden.

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Die Schwäche von 50+1

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Es wäre gerade in Zeiten der Corona-Krise hilfreich, wenn in der 50+1-Diskussion eine ehrliche Antwort gefunden würde. Der Kommentar.

Die Sportverbände bekommen in diesen schweren Zeiten gerade zu spüren, wie ihnen von den Behörden das Heft des Handelns abgenommen wird. Mitunter sind sie sogar dankbar dafür, weil sie nur so aus der Haftung entlassen werden können, zudem Schadenersatzansprüche von Medienpartnern und Sponsoren vermeiden und entsprechende Ausfallversicherungen in Anspruch nehmen können. Es kommt dort nämlich aufs Kleingedruckte an.

Genau deshalb hat die Deutsche Fußball-Liga so verzweifelt lange an Geisterspielen festgehalten, ehe sie spät ganze Spieltage absagte (nämlich erst nachdem das Land Bremen das Spiel von Werder gegen Leverkusen untersagt hatte). Auch hat es eine ganze Weile gedauert, bis der DFB die Absage des Länderspiels gegen Italien bestätigte (zuvor hatte die Stadt Nürnberg so entschieden). Und aus vergleichbaren Gründen hat das IOC so enervierend lange öffentlich an den Olympischen Spielen festgehalten (bis endlich Japan verfügte, dass die Spiele ausfallen).

Aber ganz grundsätzlich ist es schon noch so, dass Sportverbände ihre Verbandsautonomie nur sehr ungern von ordentlichen Gerichten oder Politikern infrage gestellt sehen möchten. Nehmen wir das Beispiel der 50+1-Regel in der Fußball-Bundesliga, über die gerade wieder heftig debattiert wird. Manche, wie Hannover-Präsident Martin Kind, wollen sie nicht erst im Zuge der Corona-Krise ganz und gar abschaffen, weil sie glauben, solvente Partner würden die Klubs krisenfester machen. Andere finden, die umstrittene Regel, die Investoren die komplette Übernahme von Bundesligavereinen verbietet, müsste endlich ohne die Ausnahmen Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und Leipzig für alle gelten, um zumindest juristische Wettbewerbsgleichheit herzustellen. Beide Argumentationen haben etwas für sich. Fest steht jedenfalls, dass die aktuelle Regel so nicht fair ist.

Eine halbgare Klausel

Für eine komplette Abschaffung spricht: Bundesligaklubs, die ja - wir sehen es gerade klarer denn je - nachweislich Wirtschaftsunternehmen sind, schützen sich so kollektiv vor Übernahmen. Firmen aus der Realwirtschaft bleibt ein solcher Schutz aber versagt. Will heißen: Wenn es ihnen passt, berufen sich die Klubs auf die Verbandsautonomie der Bundesliga und geben sich ihre eigenen Gesetze (hier: 50+1). Wenn es aber finanziell eng wird, nehmen sie für sich in Anspruch, wie ganz normale Wirtschaftsunternehmen behandelt zu werden, die ein Produkt herstellen (hier: Profifußball) und in der Krise Hilfe vom Staat beanspruchen können (etwa Kurzarbeitergeld aus der Arbeitslosenversicherung).

Dafür, dass die 50+1-Klausel ausnahmslos (also auch für Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und Leipzig) angelegt wird, finden wir gerade neue Argumente. Denn es mutet schon reichlich abstrus an, dass die Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg Fußball-GmbHs dank Gewinn- und Verlustabführungsverträgen mit ihren hundertprozentigen Mütterkonzernen Bayer und Volkswagen vor den finanziellen Folgen des Coronavirus viel besser geschützt sind als die meisten anderen Bundesligisten. Denn die sich abzeichnenden roten Zahlen der Profiabteilungen von Bayer und dem VfL werden von den Konzernen ausgeglichen. Diese können die Zuwendungen an ihre klammen Töchter wiederum steuerschonend vom Gewinn abziehen, derweil VW für rund 80.000 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet hat. Ganz gerecht und im Sinne des Allgemeinwohls klingt das jedenfalls nicht. Aber es sind Mechanismen, die von den Ausnahmefällen der 50+1-Regel ausdrücklich unterstützt werden.

Gerade hat ein bedeutender DFB-Funktionär öffentlich bekundet, RB Leipzig habe sein Fußballimperium „unter der Herrschaft von 50+1“ gegründet. Eine solche Aussage erfüllt dann schon den Tatbestand der Realsatire. Es gibt sicher viel zu besprechen, wenn auch die Ausläufer des Corona-Tiefs dann irgendwann mal hinterm Horizont verschwunden sind. Und es wäre hilfreich, wenn gerade in dieser Diskussion, an die sich zum Verdruss vieler Fans niemand so recht heranwagt, eine ehrliche Antwort gefunden würde, statt immer neue verschwurbelte Rechtfertigungen für eine halbgare Schutzklausel zu erfinden.

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