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Freund und Leid an der Alten Försterei - Berliner und Stuttgarter können es selbst kaum fassen.

VfB

Schwäbischer Knockout

Der VfB Stuttgart muss sich nach einer Horrorsaison und zwei vergebenen Matchbällen in der Relegation in der zweiten Liga neu aufstellen - die Konkurrenz ist verdammt stark.

Thomas Hitzlsperger, seit Winter Sportvorstand im Schwäbischen, ist das neue Gesicht des VfB Stuttgart, es ist ein freundliches, ein offenes, ein frisches Gesicht, es strahlt Vertrauen und Zuversicht aus, und ganz unbeleckt von der Materie ist der 37-Jährige Ex-Profi ja auch nicht. Doch am Montagabend, als plötzlich der Abstieg des Vereins für Bewegungsspiele nach zwei Spielen ohne Sieger feststand, da wirkte der smarte Vorstand „wie der älteste 37-Jährige der Welt“ (Spiegel-Online): Er schlug die Hände vors Gesicht, konnte nicht mehr hinsehen, wandte sich ab. „Das ist heftig, sehr heftig“, brachte der ansonsten so druckreif vor der Kamera formulierende Hitzlsperger in einer ersten Reaktion nur noch hervor. Der Mann war geschockt, verständlicherweise.

Als die Chartermaschine um kurz nach zwei Uhr morgens dann in Stuttgart gelandet war, begleitete den VfB-Tross neben dem Makel des Absteigers auch eine gespenstische Stimmung. Die Profis schlichen nahezu wortlos und angeschlagen durch die menschenleeren Hallen, Fans waren weit und breit nicht in Sicht. Beschimpfungen blieben dem neuen Zweitligisten somit zwar immerhin erspart, doch die Trauer über den im Grunde doch überflüssigen, aber nicht unverdienten Absturz aus der Beletage des deutschen Fußballs schmälerte das nicht.

„Es war eine Horrorsaison – von Anfang bis Ende“, hatte Stuttgarts scheidender Interimstrainer Nico Willig vor dem Abflug aus Berlin mit leiser Stimme gesagt. Und sie setzte sich in den beiden Relegationsspielen gegen Union Berlin fort. Der VfB, zuletzt unter Armin Veh 2007 Deutscher Meister, kam in den beiden Spielen über zwei Unentschieden, 2:2 in Stuttgart, 0:0 in Berlin, nicht hinaus. Es ist der dritte Abstieg nach 1975 und 2016 und einer, der viel mit Selbstüberschätzung zutun hat. Vor einem Jahr hatten die Schwaben unter Trainer Tayfun Korkut gerade die zweitbeste Rückrunde gespielt, sie wurden Siebter, man wähnte sich schon weiter, wähnte sich fast schon in Europa. Er habe gedacht, „mit dieser Mannschaft“, hat Gomez neulich im Interview der „SZ“ gesagt, „kommen wir vielleicht sogar ins obere Drittel“.

Der VfB schien von der Papierform gut aufgestellt, doch das war ein Trugschluss, schnell geriet die Mannschaft in einen Negativstrudel. Der mittlerweile entlassene Sportvorstand Michael Reschke investierte inklusive der Wintertransfers rund 47 Millionen Euro in eine Mannschaft, die mittlerweile an die 60 Millionen Euro an Etat verschlingt. Der von Reschke, längst wieder in der Bundesliga, beim FC Schalke, in Lohn und Brot, zusammengestellte Kader genügte von Anfang an nicht den Ansprüchen, vor allem für den Abstiegskampf war er nicht geeignet

Klar ist aber auch: Die Bundesligazugehörigkeit wurde nicht erst in der Relegation verspielt, sondern in der Saison, in der der VfB zwar drei Trainer - neben Korkut noch Markus Weinzierl und Willig - verschliss, aber nur sieben Mal gewann und 20 Niederlagen kassierte. Nur die noch schlechteren Absteiger Hannover und Nürnberg verloren häufiger. So gesehen ist der VfB ein verdienter Absteiger, schlicht nicht gut genug für die Bundesliga.

„Wir haben alle viel falsch gemacht“, sagte Hitzlsperger dann, als er sich ein wenig gefasst hatte. Auf die Frage, was sich für die zweite Liga ändern müsse, zuckte der Ex-Nationalspieler ratlos die Schultern: „Das kann ich jetzt nicht beantworten.“ Hitzlsperger wird schnell Antworten finden müssen, auch um den sehr umstrittenen Präsidenten Dietrich vor der vermutlich turbulenten Mitgliederversammlung am 14. Juli etwas aus der Schusslinie zu bringen, wenn er denn nicht doch selber Konsequenzen zieht. Aufbruchstimmung dürfte aber auch beim Treffen des Teams am Montagnachmittag auf dem Klubgelände kaum ausgebrochen sein. Dazu kommt: Die Konkurrenz in Liga zwei ist in der kommenden Saison enorm: Der Hamburger SV, der 1. FC Nürnberg, Hannover 96 und eben der VfB, allesamt gestandene Bundesligisten, streben die Rückkehr ins Oberhaus an.

Hitzlsperger wird sich in den kommenden Tagen mit dem neuen Trainer Tim Walter (von Holstein Kiel) und Sportdirektor Sven Mislintat beraten – beide sind anerkannte Fachleute in der Szene. „Ich erhoffe mir“, sagte Hitzlsperger, „dass wir zusammen neue Impulse setzen und alle aufrichten können, die in der Zukunft auch bei uns sind.“

Aber wer ist das? Kapitän Christian Gentner (Vertrag läuft aus) und Torhüter Ron-Robert Zieler (Vertrag bis 2020) ließen unmittelbar nach dem Abstieg ihre Zukunft offen. Großverdiener Gomez hat erklärt, er wolle mithelfen, „den sportlichen Schaden zu reparieren“, allerdings dürfte er als Ersatzstürmer eine Liga tiefer viel zu teuer sein. Die gute Nachricht für alle VfB-Fans: Bis auf Abwehrtalent Ozan Kabak, der im Vertrag eine Ausstiegsklausel in Höhe von 15 Millionen Euro besitzt sowie Benjamin Pavard (für 35 Millionen Euro zu Bayern München), hat der Klub das Heft des Handelns in eigener Hand. Notverkäufe sind wegen weiterlaufender Sponsorenverträge und der zu erwartenden Treue der Fans nicht zwingend.

Die Voraussetzungen für eine sofortige Rückkehr in die Bundesliga sind auf den ersten Blick also besser als beim letzten Abstieg 2016. „Die wirtschaftlichen sowie strukturellen Voraussetzungen dafür sind gegeben, die Aufarbeitung dieser Spielzeit läuft bereits, und die sportlichen Weichen für die Zukunft werden ebenfalls schon gestellt. Der VfB steigt wieder auf“, sagte Dietrich auf der Klubhomepage.

Es klingt wie das berühmte Pfeifen im Wald. (kil/dpa/sid)

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