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Gute Freunde kann niemand trennen: Fortuna-Trainer Friedhelm Funkel (rechts) und Sportvorstand Lutz Pfannenstiel.

Fortuna Düsseldorf

Schurkenstück um Friedhelm Funkel

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Wie die Düsseldorfer Fortuna ihren Trainer Funkel demontiert ? und ihn stark wie nie gemacht hat.

Nach der Rückkehr aus dem spanischen Marbella begann für den smarten, aber auch etwas glatten und gewiss nicht wohlgelittenen Fortuna-Boss Robert Schäfer ein wahrer Spießrutenlauf. Als sich die Glastür am Flughafen Düsseldorf öffnete und der 42 Jahre alte Volljurist hinaus in die Ankunftshalle trat, flogen ihm zwei sich stets wiederholende Wörter um die Ohren, die wenig Interpretationsspielraum ließen: „Schäfer raus“. Kurze Zeit später kam dann Friedhelm Funkel, und es schien so, als sei der Messias erschienen. Der Bundesliga-Methusalem wurde von den 250 Fortuna-Fans nach allen Regeln der Kunst abgefeiert. Das war Friedhelm Funkel, dem aufrechten Kerl mit dem zerfurchten Gesicht, ziemlich unangenehm, eiligen Schrittes und mit mürrischer Miene zog der Umjubelte von dannen. Seinen fast schon historischen Sieg in diesem merkwürdigen Machtkampf von Düsseldorf wollte er nicht eigens auskosten. 

Wer sich auch nur ein klitzekleines bisschen für Fußball interessiert, kennt Friedhelm Funkel, er ist eine Institution, eine beständige Größe, ein Dino, der Letzte seiner Art. Keiner hat so viele Spiele auf dem Buckel, 864 als Trainer, 553 als Profi, er ist seit fast einem halben Jahrhundert dabei, keiner hat mehr Mannschaften von der zweiten Liga in die erste hieven können, sechsmal ist ihm dieses Kunststück gelungen. Und doch musste Friedhelm Funkel erst 65 Jahre alt werden, um das zu erleben, was er in den vergangenen drei Tagen erlebt hat. 

Die turbulenten Ereignisse im Schnelldurchlauf: Am Freitag verkündet Klubchef Schäfer, dass der Vertrag des Coaches im Sommer nicht verlängert werde, weil man erst die Entwicklung der kommenden Monate abwarten und dann entscheiden wolle. Funkel fasst das verständlicherweise als Affront und Misstrauensvotum auf. Der geschockte Fußballlehrer, der einen Einjahresvertrag nur für die Bundesliga akzeptiert hätte, ruft unter Tränen sein Karriereende nach der Saison aus: „Dann gehe ich in Rente.“ Obwohl er gar nicht will. 

Das Nicht-Verhältnis zu Neu-Manager Pfannenstiel

Was dann folgt, ist das eigentlich bemerkenswerte in diesem an Irrungen und Wirrungen reichen Schurkenstück. Die Öffentlichkeit ist irritiert, die Medien machen Druck, schreiben ihr Unverständnis nieder, decken Hintergründe auf. Schnell ist klar, dass mit Funkel ein mieses Spiel gespielt wird. 

Weggefährten springen dem alten Fahrensmann, der die Fortuna nicht nur in die Bundesliga führte, sondern zuletzt auch drei Siege am Stück holte, mit seinem Team Branchenführer Borussia Dortmund die einzige Niederlage beibrachte und sieben Punkte vor dem ersten Abstiegsplatz liegt, zur Seite. Eine Welle der Sympathie, die es in dieser Form für den seit jeher unterschätzten Trainer noch nie gegeben hat, rollt auf den bärtigen Mann aus Neuss zu – und die Fans begehren gegen die Klubführung auf, ganz massiv sogar. Online-Petitionen werden gestartet und von Zehntausenden gezeichnet, Hunderte Mitglieder sprechen sich für eine außerordentliche Mitgliederversammlung aus. Das klare Ziel: Vorstandschef Schäfer und den gerade erst verpflichteten Sportvorstand Lutz Pfannenstiel zu Fall bringen. Viele Fans kündigen in den sozialen Netzwerken ihren Vereinsaustritt an. Auch die Ultras machen mobil und planen Protestaktionen. In der Heimat reagiert Aufsichtsratschef Reinhold Ernst besorgt, pfeift Vorstand Schäfer zurück. 

Am Samstagmorgen folgt die Rolle rückwärts, Schäfer kündigt an, umgehend wieder die Vertragsverhandlungen mit dem beliebten Trainer aufzunehmen. Die Rede ist von „zwei Dickschädeln“, die sich in etwas verrannt hätten. Funkel zeigt sich überwältigt von der Reaktion der Anhänger: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ 

Am Sonntag geht Schäfer noch einen Schritt weiter und stellt am Stammtisch bei Sport 1 eine Vertragsverlängerung bis zum Rückrundenstart am Samstag in Aussicht: „Wir werden das bis zum Augsburg-Spiel hinbekommen.“ Funkel, der große Sieger, ist sich seiner „guten Verhandlungsposition“ längst bewusst. „Aber ich werde sie ganz sicher nicht ausnutzen. Ich bin nicht nachtragend.“ So schnell kann sich das Blatt wenden. 

Für Funkel ist diese 180-Grad-Drehung natürlich erfreulich, keine Frage, doch sie lässt tief blicken, die Geschichte ist kein Ruhmesblatt für den Fortuna-Vorstand, der ganze Vorgang gipfelte in einer Posse, die ihresgleichen sucht. Es dürfte ein Novum in der Bundesliga sein, dass durch öffentlichen Druck eine Entscheidung nicht nur revidiert, sondern quasi ins Gegenteil verkehrt wird. Und das Ganze, um die eigene Haut zu retten. Peinlich. 

Es ist kein Geheimnis, dass Schäfer und Funkel gewiss keine innige Zuneigung verbindet, sie bildeten lange Zeit eine funktionierende Zweckgemeinschaft: Hier der junge Modernisierer, dort der Fels in der Brandung, der weiß, wie der Hase zu laufen hat. Doch nach dem Aufstieg schwebte Schäfer, der sich unbestritten Verdienste um den Verein erworben hat, eigentlich etwas anderes vor, er würde gerne, so hört man am Rhein, einen anderen Typ Fußballlehrer installieren, einen jüngeren, innovativeren, etwas offeneren als den geradlinigen, zuweilen etwas knorrigen und ganz sicher unverbiegbaren Friedhelm Funkel. 

In welche Richtung die Fortuna sich bewegen will, war spätestens abzusehen, als Weltenbummler Lutz Pfannenstiel kurz vor Weihnachten als Manager verpflichtet wurde. Ganz gewiss nicht in Absprache mit Funkel und sicher nicht, um dem Coach den Rücken zu stärken. Als der frühere Torwart in Düsseldorf anheuerte, empfing ihn Funkel mit den dürren Worten: „Er ist einer der ganz wenigen im Fußballgeschäft, den ich überhaupt nicht kenne. Davon gibt es nicht viele.“ Nach dem ersten Spiel konterte der auf dem Manager-Sektor   unbeleckte Pfannenstiel: „Herr Funkel kannte mich nicht, das ist mir egal. Jetzt kennt er mich.“ 

Vielleicht lernen sich die beiden ja noch besser kennen, nach einer schnellen Funkel-Dämmerung sieht es in Düsseldorf nämlich nicht mehr aus. Den Fans sei Dank. 

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