+
Die geballte Fußballkompetenz lauscht DFL_Chef Seifert. 

DFL

Schulterschluss in der Not

  • schließen
  • Frank Hellmann
    Frank Hellmann
    schließen

DFL-Chef Christian Seifert prangert die eklatanten Mängel im Nachwuchsbereich an. Aber auch bei den Profis hinkt der deutsche Fußball hinterher.

Die neue Veranstaltungsstätte für den Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) sprach für sich: Erstmals kam die Prominenz aus dem deutschen Profifußball an den Stadtrand von Offenbach in die Hallen des ehemaligen Förderband-Produzenten Fredenhagen unter einer besonderen Kulisse zusammen: in einer großen Industriehalle unter neun Meter hohen Decken. In dieser aufwendig zu einer Eventlocation umfunktionierten Stahlkonstruktion vermittelte DFL-Chef Christian Seifert eine Botschaft, die ebenfalls nach Schweiß und Arbeit riecht: die Nachwuchsarbeit im deutschen Fußball zu optimieren. „Wir müssen ohne Wenn und Aber anerkennen: Wir haben massiven Nachholbedarf mit Blick auf die Ausbildung unserer sportlichen Toptalente.“

Das erstmals im Frühjahr 2018 im DFB-Präsidium vorgestellte – also noch vor dem peinlichen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft in Russland – und vor vier Monaten beim DFB-Bundestag einmütig verabschiedete „Projekt Zukunft“ sei aus seiner Sicht „das wichtigste Projekt der nächsten zehn bis 15 Jahre“, so der 50-Jährige. Dabei seien DFL und DFB gemeinsam gefordert. „Zurück zur Weltspitze zu gelangen, ist für beide Organisationen nicht nur ein sportliches Ziel, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit.“ Weil der internationale Wettbewerb um Sponsoren und Medienpartner keine Gnade kennt.

Der Profifußball dürfe in dieser Zukunftsfrage nicht den Fehler machen, mahnte Seifert mit einem bewussten Seitenhieb an Politik und Gesellschaft an, „den wir zurzeit in Deutschland machen bei sehr vielen sogenannten großen Themen: dass wir vieles angeblich besser wissen, aber ganz objektiv nur noch wenig wirklich besser machen. Für die DFL generell und gerade bei diesem Thema habe ich andere Ambitionen.“ Deutliche Worte, bei denen sogar die im Gespräch vertiefte Bayern-Dortmund-Connection Kalle Rummenigge/Aki Watzke und die neue FC St. Pauli-Hamburger-SV-Freundschaftsbande Oke Göttlich/Bernd Hoffmann aufmerksam lauschten.

Dass der sportliche Anschluss (nicht nur in der Hansestadt) verloren gegangen ist, obwohl die Bundesliga hinter der Premier League die vom Umsatz zweitstärkste Liga darstellt, zeigt das auf Fifa-Weltranglistenplatz 15 abgerutschte Nationalteam. Und es belegen auch die Detailbeobachtungen von Oliver Bierhoffs Fachkräften. Der gerade vom Trainingslager der U16- und U17-Nationalmannschaften in La Manga zurückgekehrte Sportliche Leiter Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou, verortet in einzelnen Altersklassen einen Rückstand von „sechs, sieben Jahren“ gegenüber anderen Nationen.

Und auch der aktuellen U21-Nationalelf, die im Olympia-Sommer antritt, fehlen Typen und Talente. Wobei Bundestrainer Joachim Löw für die Bundesliga durchaus lobend bekannte, er habe in der Hinrunde „mehr Spiele auf höherem Niveau und einige Mannschaften mit mehr Mut mit dem Ball“ gesehen, „das war sehr gut“. Der bald 60-Jährige hatte sich gemeinsam mit Bierhoff in die hinterste Ecke des Saals begeben, um dort ungestört die Köpfe zusammenzustecken. Gerade hört der kritische Geist Löw die Alarmglocken nicht ganz so laut schrillen, aber auch er weiß natürlich: Das Zutun deutscher Kräfte an fußballerischen Spitzenleistungen wird zunehmend weniger. Und Seifert war es nicht ausreichend, dass im Frühjahr 2019 allein noch Eintracht Frankfurt international vertreten war: „Es muss unser Anspruch sein, dass in den Viertelfinals der Champions League und der Europa League mehr als ein deutscher Klub regelmäßig auftaucht.“ Löw nannte es in diesem Zusammenhang immerhin „erfreulich, dass man nach langer Zeit mal wieder das Gefühl hat, deutsche Mannschaften könnten im Europapokal was bewegen“.

Dass DFL-Chef Seifert tief in eine sportliche Thematik eintauchte, verdeutlicht auch, wie drängend die Verlustängste auch für die Bundesliga sind. Denn schließlich läuft im Februar die neue Ausschreibung für die neuen Medienrechte von der Saison 2021/22 an bis 2024/25. In der laufenden Saison bringt der gestaffelte Vertrag 1,24 Milliarden Euro ein, sogar 1,3 Milliarden werden es 2020/2021 sein. Davon ausgehend erhoffen sich die Vereine ab 2021 rund 1,5 Milliarden Euro pro Spielzeit. Seifert versprach einen „sorgfältigen, kreativen und verantwortungsvollen“ Umgang mit dieser Aufgabe. „Tatsache ist: Im Zuge dieser Rechtevergabe stellen wir in mehrerlei Hinsicht die Weichen für die Zukunft.“

Der Macher hat längst erkannt, dass es Allianzen braucht, um neue Wege zu gehen. Und so verzichtete das Sprachrohr der Liga wie in früheren Jahren auf einen verbalen Frontalangriff auf die großen Verbände. Wo neben Fifa und Uefa vor allem auch der DFB unter Regentschaft von Ex-Präsident Reinhard Grindel noch belehrende Worte zu hören bekam, symbolisierte diesmal eine harmonische Talkrunde mit dem auch mit Seiferts Zutun ausgesuchten Verbandsboss Fritz Keller und dem Amateurpräsidenten Rainer Koch das Gegenteil: Nur zusammen geht’s. Oder wie Seifert postulierte: „Wir müssen uns hier gemeinsam mit dem DFB neu und so ganzheitlich wie noch nie zuvor aufstellen.“ Keller nahm dieses Zuspiel gerne auf: „Wir können nur erfolgreich sein, wir können nur an einem Seil in eine Richtung ziehen.“

Dazu gehört auch der schon weit gediehene gemeinsame Plan, die besten Schiedsrichter im Land nicht mehr nur noch beim DFB anzusiedeln, sondern in einer gemeinsamen, top-professionell aufgestellten GmbH. „Unser Anspruch“, so DFL-Chef Seifert, „muss auch bei den Schiedsrichtern die Weltspitze sein.“ Dazu benötige es eine bessere Ausbildung und koordiniertes Scouting. Ganz wie bei den Talenten am Ball.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion