Artistisch zum Abschluss: Die Kapitänin der deutschen Nationalmannschaft Alexandra Popp.
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Artistisch zum Abschluss: Die Kapitänin der deutschen Nationalmannschaft Alexandra Popp.

WM-Bewerbung 2027

Schub für den Frauenfußball

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Konkurrenzlos funktionieren im Frauenfußball nur die Turniere – insofern ist vollkommen richtig, dass sich der DFB gemeinsam mit Belgien und Holland für die Ausrichtung der Frauen-Weltmeisterschaft 2027 bewirbt. Ein Kommentar.

Eigentlich hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) alles schon vorbereitet. Ein Festakt in Travemünde am 31. Oktober sollte viel Prominenz zusammenbringen, um an die Ereignisse vor 50 Jahren zu erinnern: Erst am 31. Oktober 1970 hob der DFB auf seinem Bundestag das Verbot für den Frauenfußball auf. Und zwar nicht aus innerer Überzeugung, sondern weil wagemutigen Frauen ernsthaft überlegten, einen eigenen Verband zu gründen.

Der dazugehörige Festakt in der Lübecker Bucht kann wie andere Aktionen wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden. Auch das eigentlich in einer modernen Arena geplante Highlight-Länderspiel gegen England wird am 27. Oktober keine Feierstimmung auslösen: Der Vergleich in Wiesbaden verkommt vermutlich zum Geisterspiel – und läuft in Konkurrenz zu einem Champions-League-Spieltag der Männer.

Konkurrenzlos funktionieren im Frauenfußball nur die Turniere. Insofern ist vollkommen richtig, dass sich der DFB nun gemeinsam mit dem belgischen und niederländischen Fußball-Verband um die Ausrichtung der Frauen-Weltmeisterschaft 2027 bewirbt – man schließt sich einer Initiative der Niederländer an. Ein Selbstläufer ist diese Bewerbung mitnichten.

Darum geht’s: Der WM-Pokal der Frauen.

Fifa-Präsident Gianni Infantino hat im Frauenfußball nicht nur Wachstumspotenziale entdeckt, sondern geht über diese Schiene neuerdings auf Stimmenfang. Die Ausweitung auf 32 Teilnehmer, die Aufstockung der Preisgelder, die Förderprogramme in Milliardenhöhe sind auch unter präsidialen Machtaspekten zu betrachten. Die Frauen-WM 2023 ist kürzlich nach Australien und Neuseeland vergeben worden. DFB-Präsident Fritz Keller hat völlig Recht, wenn er vor hohen Hürden warnt, bis man den Zuschlag für die Ausrichtung eines solchen Turniers erhält. Für 2027 wittern vor allem Konföderationen wie Südamerika oder Afrika ihre Chance – denn dort wurde im Gegensatz zu Europa noch nie eine solche WM gespielt.

WM-Bewerbung wichtig

Daher ist es klug, dass drei europäischen Nationen, die für große Verlässlichkeit und gewachsene Strukturen im Frauenfußball stehen, ihren Hut gemeinsam in den Ring werfen. Die Niederlande als aktueller Europameister haben mit der Ausrichtung der EM 2017 bewiesen, welch unverkrampfte Atmosphäre solch ein Ereignis erzeugen kann. Die drei Länder haben ihr Vorhaben bereits bei Fifa und Uefa vorgetragen und wollen nun die Grundsätze entwerfen. Wann die Vergabe erfolgt, ist noch vollkommen ungewiss – noch ist der Weltverband bei Frauenturnieren nicht annähernd so gut organisiert wie bei den Männern.

Gerade für den DFB wäre die Strahlkraft einer WM nicht zu unterschätzen, und dabei dürfen nicht die Fehler aus 2011 wiederholt werden, als Verband und Medien so viel heiße Luft in einen Ballon bliesen, dass dieser bald platzen musste. Nachhaltig war der Hype jedenfalls nicht. Das weiß auch die damalige Bundestrainerin Silvia Neid, die das deutsche Gesicht der Bewerbungskampagne wird. Heute ist das Frauen-Nationalteam, teils selbst verschuldet, kein echtes Zugpferd mehr. Die DFB-Frauen sind nicht für die in den nächsten Sommer verlegten Olympischen Spiele qualifiziert, die Europameisterschaft in England ist auf 2022 verschoben. Drei Jahre zwischen zwei Großereignissen sind aus Sicht der deutschen Fußballerinnen fatal. Dazu hat das DFB-Team mit den vergeigten Viertelfinals bei der EM 2017 und bei der WM 2019 leichtfertig viel Aufmerksamkeit verspielt, mit der auch immer noch mehr Akzeptanz einhergeht.

Die Alarmzeichen sind trotz einer weitgehend funktionierenden Nachwuchsarbeit nicht zu übersehen: Die Zahlen aktiver Fußballerinnen sind fast dramatisch rückläufig; es gelingt kaum, Mädchen aus Zuwandererfamilien fürs Kicken zu begeistern, geschweige denn, in Vereine zu bringen. Ein Zuschlag für die WM 2027 könnte ein wichtiger Hebel sein, um dem Frauen- und Mädchenfußball hierzulande einen dringend benötigten Schub zu verleihen. Und übrigens auch die letzten Lizenzvereine davon zu überzeugen, dass die Förderung beider Geschlechter auf professionellem Niveau für einen modernen Klub dazugehört.

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