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Schriftstücke voller Bodychecks

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Von: Günter Klein

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Franz Reindl, ein DEB-Präsident in Not.
Franz Reindl, ein DEB-Präsident in Not. © ActionPictures/Imago

Zoff im deutschen Eishockey: Ein Landesfürst will den DEB und seinen Präsidenten Franz Reindl wegen Untreue vor Gericht zerren.

Das alte Jahr wollte Hendrik Ansink nicht in Ruhe ausklingen lassen. An Silvester um 14.59 Uhr verschickte der Wirtschaftsprüfer und Eishockey-Funktionär aus Bad Homburg eine Mail an seinen großen Verteiler mit Eissport-Landesverbänden, Klubs, dem ehemaligen Bundesinnenminister Thomas de Maiziere. Er berichtete von Anträgen, die er beim Kontrollausschuss des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) eingereicht habe und seiner Erwartung, dass dieser „die zuständigen staatlichen Stellen“ einschalten solle. Frist: 11. Januar 2022. Den wartete Hendrik Ansink ab. „Mein Ultimatum“, schrieb er dann am 13. Januar, „wurde (...) nur teilweise erfüllt (...).“ Daraufhin erstattete er Anzeige bei der Staatsanwaltschaft München., das sei „leider notwendig“.

Aufs Wesentliche verdichtet: Hendrik Ansink vom Hessischen Eishockey-Verband, will das DEB-Präsidium, will vor allem Franz Reindl, den Präsidenten, vor Gericht sehen. Ansinks Rechtsanwalt Professor Holger Peres aus München schreibt, man müsse „von einem besonders schweren Fall der Untreue“ ausgehen. „Weit über 300 000 Euro.“

Aus dem Ruder gelaufen

Anzeige gegen Reindl, den ehemaligen Nationalspieler, Bundes-Co-Trainer, Generalsekretär, Sportdirektor, WM-Organisator und seit acht Jahren recht erfolgreichen Präsidenten des DEB (in wirtschaftlicher und sportlicher Hinsicht) – es klingt für die Öffentlichkeit, als habe sich der Garmisch-Partenkirchner die Taschen vollgemacht. Wobei das seine Kritiker gar nicht behaupten. Aber: Die Sache ist aus dem Ruder gelaufen.

Hendrik Ansink ist zu einer Hauptfigur geworden. Er ist ein älterer Herr, 67, freundlich, gut vernetzt, Typ Verhandler. Lange war er bei KPMG, 2020 hat er für den deutschen Teamsport die Corona-Hilfen klargemacht, ein Verdienst, für den man ihn auch beim DEB lobt, dem Ansink nun so zusetzt. Ansink ist zum Anführer der Aufständischen geworden, einer Gruppe, der die Landesverbandspräsidenten Manuel Hiemer (Sachsen-Anhalt), Wolf-Dietrich Prager (Schleswig-Holstein) und anfangs der thüringische Eishockey-Obmann Frank Döring (nun nicht mehr im Amt) angehör(t)en.

Hiemer und Ansink sind befreundet mit Stefan Schaidnagel, der beim DEB „Sportdirektor mit Generalverantwortung für das deutsche Eishockey“ war, bis er vor einem Jahr gekündigt wurde. Hiemer, ehemals Spieler in Rosenheim und München, stört sich zudem an einem Konstrukt im Deutschen Eishockey-Bund: der DEB GmbH. Bei der war Franz Reindl seit 1994 angestellt und blieb auch GmbH-Geschäftsführer, als er 2014 Präsident wurde – was ein unbezahltes Ehrenamt ist.

Bis zu seinem Renteneintritt vor gut einem Jahr bezog Reindl Gehalt (9000 Euro brutto im Monat – nicht die Welt für eine Führungsposition im Sport) von der GmbH. Deren letzte große Aufgabe war die WM 2017 in Köln. Trotzdem lief sie weiter. Mit welchen Aufgaben? Mit welchen Einnahmen? Zeitweise war der Schweizer Rechtevermarkter Infront an der GmbH beteiligt (hatte er dadurch Einfluss auf Entscheidungen?), zeitweise wanderte Geld vom DEB in die GmbH. In ihren Grundzügen war diese Konstruktion, an der auch Vizepräsident Berthold Wipfler, für die SAP tätiger Steuerberater, mitgewirkt hatte, bekannt und wurde auf den Verbandstagen besprochen. Einwände verzeichnen die Protokolle nicht.

DEB ist massiv überlastet

Franz Reindl war 2014 eine Traumlösung als Präsident; sein Vorgänger Uwe Harnos hatte den Verband nahe an die Pleite gewirtschaftet, unter Reindl gelangen die finanzielle Sanierung und ein beispielloser Leistungsaufschwung.

Trotzdem kann man natürlich fragen, wer wann und warum in die GmbH einzahlte. Hendrik Ansink hat durch Auswertung öffentlich zugänglicher Quellen (Bundesanzeiger) seine Tabellen erstellt und Lücken markiert. Die Frage bei Auskunftsbegehren an den Verband ist freilich eine rechtliche: Wer darf Auskünfte verlangen? In welchem Rahmen? Dürfen Unterlagen nur eingesehen, nicht aber abfotografiert oder mitgenommen werden? Verlangen die „Rebellen“ etwas, das der Verband nicht leisten darf – oder hat der Verband Mauscheleien zu verbergen? Der DEB hat der Gruppe um Ansink mehrere Besuchstermine, auch ganztägige, in der Zentrale am Münchner Betzenweg angeboten. Eine Antwort soll nicht erfolgt sein.

Ansink hat einige Punkte, an denen er den DEB trifft. Dass Verbandsjustitiar Marcus Haase (Berlin) zugleich als Compliance-Beauftragter des DEB agierte, war ein Unding – und ist nun abgestellt. Und: DEB-Mitarbeiter in der Verwaltung sind massiv überlastet, was schon zu einem Besuch des Gewerbeaufsichtsamts führte. Mit dünner Personaldecke zu arbeiten ist ungute DEB-Tradition. Aufgestockt wurde in den vergangenen Jahren bei den Trainern – das war ja das Konzept von Reindl: der Sport im Vordergrund.

Es ist eigentlich auch gar nicht Reindl, in den Ansink sich verbeißt. Als seine Gegenspieler sieht er DEB-Justitiar Haase und DEB-Generalsekretär Claus Gröbner (früher Geschäftsführer bei EHC München und ERC Ingolstadt). Ansink hat zwei Tage vor Heiligabend Haase und Gröbner beim DEB-Kontrollausschuss „aufgrund Verstöße gegen verbandsrechtliche Vorschriften des DEB“ angezeigt, er trägt den beiden nach, dass sie seine Legitimation hinterfragten und Recherchen beim Registergericht Frankfurt anstellten, ob er wirklich 1. Vorsitzender des Eishockey-Verbands Hessen sei. Dazu will Ansink im April 2021 gewählt worden sein. Allerdings geht dieser Punkt dann an den DEB, der mit Registergerichtsauszug vom 23. Dezember 2021 nachweisen kann, dass als Vorsitzende noch immer Susanne Lüddecke eingetragen und Ansink demnach lediglich Vorstandsmitglied ist. Ansink wiederum zitiert aus einem Amtsübernahme-Chatverlauf mit Susanne Lüddecke.

Falsche Namen

Die Sache ist groß geworden, die Schriftsätze sind voller Bodychecks, Schaum bildet sich vor den Mündern. Der DEB hat mit einer Klage den „Spiegel“ herausgefordert, der genüsslich alles transportiert, was den Verband diskreditieren könnte. Hendrik Ansink hat ein Anwaltsteam zusammengestellt, an seiner Seite steht der Münchner Professor Peres, der einst den FC Bayern bei der Ausgliederung seines Profibetriebs begleitet hat. Doch dem Staranwalt glückt auch nicht jeder Schriftsatz. Peres‘ Antrag an den DEB-Kontrollausschuss benennt neben Reindl und Daniel Hopp die weiteren Vizepräsidenten „Marc Heidelang“ (der Hindelang heißt) und „Bernd Wipfler“, der ein Berthold ist.

Wie geht es weiter? Der Kontrollausschuss will bis Anfang Februar Stellungnahmen von Reindl und Co., die überdies eine Kanzlei beauftragt haben, die Causa aufzuarbeiten. So geht Reindl, 67, in die letzten Monate seiner Präsidentschaft, er hatte angekündigt, im Sommer 2022 aufzuhören. Sein großes Ziel, Präsident des Weltverbandes IIHF zu werden, hat er – wegen der durchgestochenen Informationen – verfehlt. Dass er trotz aller Verdienste um seine Reputation kämpfen muss, geht nicht an ihm vorüber.

Zu den Olympischen Spielen in Peking reist Franz Reindl nicht. Als DEB-Präsident stünde ihm ein Platz zu. Er hat verzichtet.

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