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Trotz Sieg gegen Costa Rica: Schon wieder raus

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Von: Jan Christian Müller

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Gezeichnet von einem dramatischen Abend: die deutschen Nationalspieler.
Gezeichnet von einem dramatischen Abend: die deutschen Nationalspieler. © dpa

Die DFB-Elf gewinnt zwar ihr letztes Gruppenspiel gegen Costa Rica, schießt aber viel zu wenig Tore, um das erneute Aus bei einer Fußball-WM zu verhindern. Thomas Müller deutet seinen Rücktritt an: „Eine Katastrophe“

Am Ende stand Bundestrainer Hansi Flick da wie angewurzelt. Der Trainer wusste schon, als die letzten Minuten der zehnminütigen Nachspielzeit im Al Bayt Stadion noch gespielt wurden, dass seine Mannschaft sich von der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar vorzeitig verabschieden muss. Da half auch der erst spät herausgekämpfte 4:2-Sieg gegen Costa Rica nichts. Denn im Parallelspiel unterlag Spanien den wehrhaften Japanern 1:2. Deutschland hätte mit acht Toren Abstand gewinnen müssen. Aber dazu war diese Mannschaft nicht annähernd in der Lage. Die Enttäuschung hätte nicht größer sein können. Die deutschen Spieler hockten nach Spielschluss noch lange wie angeklebt auf der Bank, ehe sie sich müde aufmachten, um sich bei den Fans zu verabschieden. Ein Trauermarsch mit leeren Gesichtern.

Hinterher sagte ein zutiefst enttäuschter Bundestrainer Hansi Flick: „Sprachlos bin ich nicht. Ich war nach der ersten Halbzeit richtig sauer, weil wir den Gegner stark gemacht haben. Wir hätten drei, vier Tore vorlegen können. Wir haben durch Leichtfertigkeiten den Gegner zurückgebracht. Das Aus ist nicht heute passiert.“ Flick monierte fehlende Effizienz.

Thomas Müller steht nach dem vorzeitigen Scheitern bei der WM in Katar offenbar vor dem Ende seiner Karriere in der deutschen Nationalmannschaft. „Für mich ist das eine absolute Katastrophe“, sagte der Weltmeister von 2014 in der ARD und ergänzte: „Falls das mein letztes Spiel gewesen sein sollte“, wolle er sich bereits bei den deutschen Anhängern bedanken. Seine direkt an die Fernsehzuschauer gerichteten Worte schloss er mit dem Satz: „Ich habe es mit Liebe getan, alles weitere muss ich erst mal sehen.“ Flick sagte erneut, er wolle weiter Bundestrainer bleiben.

Dabei hatte es doch gut begonnen. Kaum zu glauben, aber wahr: In den vergangenen zehn Spielen bei großen Turnieren war das DFB-Team stets in Rückstand geraten. Diesmal, gegen ein Land, in dem zwei Millionen weniger Menschen leben als der DFB Mitglieder hat, passierte das dank des Führungstreffers von Serge Gnabry nach elf Minuten zwar nicht, von überzeugend war das deutsche Spiel dennoch weit, weit weg.

Hansi Flick hatte in der Wahl seiner Aufstellung eine Überraschung parat, die so kein Fachblatt auf dem Zettel hatte. Joshua Kimmich besetzte die rechte Seite in der Viererkette. Die Idee: Flick wollte dort rechts einen spielstarken Mann, der variantenreich angreift und hilft, die Abwehr der Mittelamerikaner mit einem monumentalen siebenköpfigen Bayern-Block fachgerecht zu sezieren. Denn die Bayern, das weiß Flick bestens, kennen eigentlich ihre Laufwege und wissen gegen Maurermeister in der Regel verlässlich viele Tore zu schießen. Das war anfangs auch zu erkennen. Allerdings danach nicht mehr. Es rumpelte hartnäckig.

Erwartungsgemäß interpretierte Kimmich seine Rolle extrem offensiv. Jamal Musiala durfte den Spielmacher geben, Thomas Müller, bis vorm Anpfiff ohne Abschluss bei diesem Turnier, den Mittelstürmer. Niclas Füllkrug schaute zu. Müller spielt immer. Da konnte der Bundestrainer nicht aus seiner Hansi-Flick-Haut.

Eine gute Idee war das erkennbar nicht, Müller wusste mit dem wenigen Raum, der sich ihm gegen die 5:4-1-Defensive bot, nicht viel anzufangen. Einmal, nach Flanke von Kimmich, köpfte er freistehend weit vorbei. Das passierte in der kurzen schwungvollen Phase zu Beginn – bis nach Gnabrys Tor ein scharfer Bruch die deutsche Leistung kam. Sehr sonderbar.

Eigentlich war es ganz offensichtlich der Plan gewesen, viele Tore zu schießen, um womöglich die Spanier noch einzuholen. Sichtbar war das daran: Gnabry holte den Ball nach seinem frühen Tor im Eiltempo aus dem Netz und wollte so die Richtung vorgeben. Allein: Bis zur 35. Minute und einem Kimmich-Schuss passierte: nichts. Die Passfolgen gerieten ungenau, das Pressing nur halbstark, es wurde zu viel aus dem Stand und zu wenig über die außen gespielt – und hätte Manuel Neuer nach einem Doppelfehler von David Raum und Antonio Rüdiger nicht so gut gegen Keysher Fuller reagiert (42.) – es hätte zur Pause 1:1 gestanden.

Flick, dem der Druck anzusehen war, geriet das, was da passiert war, offenbar nicht geheuer. Er holte Leon Goretzka zur Pause vom Feld und brachte Lukas Klostermann rechts. Kimmich rückte wieder in die Mitte. Die Acht-Torejagd war abgeblasen. Füllkrug musste weiter zusehen. Bald darauf erzielte Japan den Ausgleich gegen Spanien. Es wurden totenstill im Al Bayt Stadion. Und Costa Rica griff nun mutiger an.

Logisch, dass Flick dann endlich Füllkrug (für Ilkay Gündogan) brachte. Aber ehe der Mittelstürmer auf dem Platz war, traf Japan zum 2:1 gegen Spanien. Das Drama war auf dem Weg zur Perfektion – und wurde auf der Anzeigetafel zum Verdruss der deutschen Fans eingeblendet. Bange Mienen auf der Tribüne und der Bank. Es brauchte jetzt ein Tor von Deutschland und eines von Spanien. Stattdessen erzielte Costa Rica durch Yeitsin Tereda das 1:1. Noch 30 Minuten waren da zu spielen. Fast im Gegenzug traf Musiala den Innenpfosten.

Das deutsche Spiel wurde wieder etwas zwingender. Flick alterte in der Coachingzone im Minutentakt und wechselte Kai Havertz und Mario Götze für Müller und Raum ein. Auch die neutralen Fans feuerten nun Costa Rica an. Der starke Musiala traf ein zweites Mal den Pfosten. Es geriet wie verhext für den 19-Jährigen. Und es wurde noch verhexter. Costa Rica wuselte sich irgendwie zum 2:1 durch Juan Pablo Vargas durch (70.). Spanien war jetzt plötzlich auch raus. Aber dann: Ausgleich durch Havertz nur drei Minuten nach dem Rückstand; Spanien wieder Zweiter, Deutschland weiter Letzter.

In der 84. Minute war wieder Joker Havertz zur Stelle, diesmal nach Flanke von Gnabry. 3:2 für Deutschland. Es lag nicht mehr in deutscher Hand, weiterzukommen. Daran änderte auch das 4:2 von Niclas Füllkrug nichts. Und als das Spiel hier noch lief, hatte Japan schon gewonnen und Deutschland war ausgeschieden.

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