Eine Klasse für sich: Joao Moutinho und die Wolverhampton Wanderers.
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Eine Klasse für sich: Joao Moutinho und die Wolverhampton Wanderers.

Premier League

Ein schmutziges Gemisch

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Was ein Geschäftsmann aus China, ein früherer Nachtclubbesitzer aus Portugal und ein begabter Tänzer mit dem Erfolg der Wolverhampton Wanderers zu tun haben.

Zugegeben, es ist jetzt ein ganze Menge Fantasie gefragt: Aber stelle man sich mal vor, man wäre ein Tränke brauender Druide. Dann habe man just in diesem Moment natürlich einen großen Schöpflöffel in der Hand, einen Kochtopf zu Füßen und ungewöhnliche Zutaten vor der Brust. Keine Kräuter, noch viel ungewöhnlichere. Also reingeworfen ins köchelnde Gemisch – wie gesagt: Fantasie, bitte – einen chinesischen Geschäftsmann, einen portugiesischen Nachtclubbesitzer und einen tanzenden Partystammgast. Dreimal kräftig umrühren, und dann – puff, peng, in den Himmel schießende Blitze – ist die Mixtur auch schon fertig. Jene, dessen Zutaten fernab des Einfallsreichtums einen aufstrebenden englischen Fußballverein ergeben, einen Premier-League-Klub, der seit zwei Jahren die Großen auf der Insel zu ärgern versteht: die Wolverhampton Wanderes.

Der FC Liverpool, Manchester United und Manchester City, der FC Chelsea und der FC Arsenal, auch die Tottenham Hotspur – vermeintlich sind die „Big Six“ des englischen Fußballs nicht von der Spitze zu verdrängen. Doch zum einen ist Leicester City derzeit Vierter, zum anderen platzieren sich die Wanderers auf Rang sechs – vor Arsenal und Tottenham. Schon vergangene Saison mischte der dreifacher Meister der 50er-Jahre als Aufsteiger die Topteams auf, wurde am Ende Siebter und qualifizierte sich für die Europa League. Dort trifft Wolverhampton Anfang August im corona-bedingt verschobenen Achtelfinal-Rückspiel auf Olympiakos Piräus.

Wo wir wieder bei der fantasievollen Zutatenliste wären; bei Guo Guangchan, dem Geschäftsmann, Jorge Mendes, dem Nachtclubbetreiber, und Nuno Espirito Santo, dem Partykönig.

Einst lernten sich die beiden Letztgenannten, Nuno und Jorge, in dessen Club in Portugal kennen. Nuno war nicht nur ein beweglicher Mann auf der Tanzfläche, sondern auch ein gekonnter Ballfänger. Jorge dazu ein geübter Vermittler. Also schaffte er den Torhüter mal eben von dessen kleinen Verein in Portugal, Vitoria Guimarães, zum größeren Klub nach Spanien, Deportivo La Coruña. Und schon lief die Geschichte.

Nuno Espirito Santo wurde im Laufe der Jahre ein angesehener Profi, Jorge Mendes der wohl bestbezahlte Spielerberater der Welt. Der mittlerweile 54-Jährige zeichnet sich verantwortlich für die Karriere von Superstar Cristiano Ronaldo. Er begleitete seinen Landsmann, seitdem dieser 16 Jahre alt war. Er machte aus dem Potenzial Ronaldos viel, viel Geld und gewann dadurch weltweiten Einfluss auf dem Beratermarkt. Startrainer José Mourinho zählt zu seinen Klienten, im Januar fädelte er den teuersten Wintertransfer des Jahres ein – Bruno Fernandes für 55 Millionen Euro von Sporting Lissabon zu Manchester United – und kassierte dabei 5,5 Millionen an Honorar.

Auch den jetzigen Frankfurter André Silva vermittelte er einst zum AC Mailand. Mendes ist zehnfacher Gewinner des Globe Soccer Award für den besten Spielerberater – eine Auszeichnung, geschaffen zur Selbstbeweihräucherung der Branche. Ganz klar, Jorge Mendes ist DER Spielerberater überhaupt.

Was das alles mit den Wolverhampton Wanderers zu tun hat? Genau aufpassen: An Mendes’ Berateragentur Gestifute hält das chinesische Unternehmen Shanghai Fosun Anteile, vertreten durch Guo Guangchan, der wiederum Vorsitzender der Investmentgruppe Fosun International ist. Dieses chinesische Konglomerat – und jetzt kommt’s – übernahm 2016 mehrheitlich als Investor die Wanderers und baut seitdem im Gegenzug vorwiegend auf Spieler von Agent Mendes.

Neben Wanderers-Trainer Nuno Espirito Santo – ja genau, der einstige Tänzer ist mittlerweile erfolgreicher Fußballlehrer –, sind sieben weitere Wanderers-Profis bei der Mendes-Agentur Gestifute unter Vertrag. Der Spielerberater hat es also mithilfe chinesischer Freunde geschafft, einen ganzen Klub zu vereinnahmen, ohne ihn tatsächlich zu besitzen. Verrückt.

Ähnlich, nur nicht ganz so offensichtlich, geht er auch bei anderen Vereinen Europas vor. Beim FC Valencia in Spanien zum Beispiel, dessen singapurischer Präsident Peter Lim gleichzeitig die Bildrechte von Cristiano Ronaldo hält. Oder beim AS Monaco in Frankreich und dem portugiesischen Erstligisten FC Famalicão, wo Mendes die Inhaber berät.

Das alles ist erlaubt, weil Jorge Mendes nie in offizieller Mission unterwegs ist, den jeweiligen Verbänden also die Hände gebunden sind. Der Eindruck aber, dass das zusammengebraute Gemisch ein schmutziges ist, bleibt haften. Dafür braucht es nicht einmal viel Fantasie.

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