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Denker an der Seitenlinie: Pep Guardiola in Madrid.

Pep Guardiola

Schmetterlinge im Kopf

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Trainer Pep Guardiola lässt sich beim Sieg in Madrid etwas Schlaues einfallen und belebt bei Manchester City die Hoffnungen auf den Champions-League-Triumph.

Es heißt ja, Zinedine Zidane tue in Sachen Gegnervorbereitung nur das Nötigste, denn was interessiert einen schon der Gegner, wenn man selbst der große Zinedine Zidane ist und außerdem Trainer von Real Madrid. Dann regelt man die Dinge schon aus sich selbst heraus, irgendwie. Doch selbst wenn der Franzose sich ausnahmsweise den kahlen Kopf zerbrochen hätte vor dem Champions-League-Spiel gegen Manchester City am Mittwochabend – er hätte die Taktik des Gegners wohl ohnehin nicht erraten. Der Trainer des Gegners hieß nämlich Pep Guardiola, der Großmeister des Kopfzerbrechens, der den nächsten Kontrahenten auch dann noch nächtelang auf DVD studiert, wenn der Kontrahent SC Paderborn heißt und Tabellenletzter in der Bundesliga ist.

Zusätzlich sei zu Zidanes Ehrenrettung gesagt: Offenbar wissen nicht einmal Guardiolas Spieler, was sie vorhaben im folgenden Fußballspiel.

„In den vier Jahren unter Pep haben wir einige Überraschungen erlebt“, sagte City-Mittelfeldspieler Kevin de Bruyne nach dem bemerkenswerten 2:1-Erfolg in Madrid im Achtelfinalhinspiel der Champions League: „Auch wir Spieler wissen nicht wirklich, was wir tun müssen. Bis das Spiel beginnt.“ Und alles Sinn macht, plötzlich, wie ein komplizierte Gleichung, die sich hintenraus jäh in Wohlgefallen auflöst.

Der Belgier de Bruyne war der überragende Mann beim Sieg der Engländer im Estadio Bernabeu, ein Tor, ein Torvorlage, und er war die zentrale Figur in Guardiolas Masterplan für dieses Prestigeduell. In einem 4-4-2-System bildete de Bruyne gemeinsam mit dem Portugiesen Bernardo Silva einen Sturm ohne echten Stürmer; zwei „halbe Neuner“, die gemeinsam einen ganzen ergaben. Der tatsächliche Mittelstürmer Gabriel Jesus fand sich dafür links im Mittelfeld wieder und nicht selten auch in der Nähe der eigenen Eckfahne, wenn er mal wieder Reals Rechtsverteidiger Dani Carvajal zu verfolgen hatte. Und Top-Angreifer Sergio Agüero spielte überhaupt nicht. In Guardiolas flexiblem Modularfußball kann sich niemand seiner Rolle sicher sein.

Kroos spielt keine Sekunde

Zuletzt hatte ja FC-Bayern-Profi Thomas Müller gesagt, Guardiola sei in seiner Zeit in München mitunter zu verkopft an die großen Spiele herangegangen, habe sich zu sehr mit dem Gegner beschäftigt. Darauf hat der Katalane sogar einsichtig reagiert („Vielleicht hat er ja recht ...“), um dann in Madrid aufs Neue eine schwer kopflastige Formation in Auftrag zu geben.

Diesmal funktionierte es. Manchester City versteifte im Zentrum Reals Angriffe und spielte selbst nach vorne kontrollierten, taktisch geprägten Fußball ohne das ganz große Risiko. Es gibt da ja noch ein Rückspiel. Zwar brachte Isco die äußerst diskret auftretenden Madrilenen in Führung (60.), in einem allumfassenden Chaosmoment in der Gäste-Verteidigung, den kein Kopf der Welt antizipieren kann. Doch Jesus‘ Ausgleichstreffer (78.) und de Bruynes Strafstoß (83.) brachte den Gästen einen verdienten Auswärtssieg und eine ausgezeichnete Ausgangslage für den Einzug ins Viertelfinale. Zumal Madrids Kapitän Sergio Ramos nach einer Notbremse Rot sah (86.) und fürs Rückspiel gesperrt ist.

City kann’s Recht sein. Nachdem der Europäische Fußballverband Uefa die Citizens wegen Verstößen gegen das Financial Fairplay für die nächsten zwei Spielzeiten für alle Europapokal-Wettbewerbe sperrte, hat die Champions League eine besonders große Bedeutung für den Klub. „Wir können nur die Geschehnisse auf dem Platz kontrollieren, und die Spieler sind hochmotiviert“, sagte Guardiola: „Sie wollen für sich selbst erfolgreich sein und für unsere Fans. Es ist nicht einfach für den Klub, aber ich kann mich da nur wiederholen: Ich bleibe zuversichtlich.“ City geht vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS gegen das Uefa-Urteil vor.

Lieber sprach Guardiola allerdings über Fußball in den Katakomben des Bernabeu-Stadions, wie immer. Später wurde er dabei beobachtet, wie er gestenreich auf Toni Kroos einredete. Der Nationalspieler in Diensten von Real Madrid strebte schon Richtung Ausgang, da hielt ihn sein Ex-Trainer aus gemeinsamen Münchner Tagen auf, auch Kroos hatte ein bisschen was zur erzählen. Er hatte keine Sekunde gespielt. „Ich war erst ein bisschen überrascht, ich dachte erst, er wäre verletzt“, sagte Kroos‘ Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündogan, der bei den Gästen 90 Minuten auf dem Platz stand.

Es sei eine „technische Entscheidung“ gewesen, erklärte Real-Coach Zinedine Zidane, der sich also doch ein paar weiterführende Gedanken gemacht hatte. Er habe das „System anpassen“ wollen, mit Kroos selbst habe das nichts zu tun, was dieser Kroos vermutlich anders empfand. Ohne das Passmetronom taten die Madrilenen sich jedenfalls arg schwer im Spiel nach vorne.

Gündogan berichtete, Kroos habe ihm nach dem Spiel gesagt, „dass er natürlich gerne gespielt hätte, aber sie auch am Sonntag den Clasico haben“. Für den Ligagipfel gegen den FC Barcelona (21 Uhr) soll Kroos dann wieder fest eingeplant sein. Sofern nicht doch noch ein Geistesblitz in Zinedine Zidanes kahlen Schädel fährt. mit sid

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