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Matchwinner mit Trophäe: Luuk de Jong, Doppeltorschütze, freut sich sehr.

Europa-League-Finale

Schmetterling schlägt Ritter

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Wie Luuk de Jong für den FC Sevilla zum Helden für eine Europapokal-Nacht werden konnte und Romelu Lukaku von Inter Mailand der große Verlierer.

Da saß er nun, als die anderen feierten, und suchte Schutz unterm Handtuch. So als könnte er darunter verschwinden, zumindest unsichtbar werden, nicht mehr auffindbar. Klappte natürlich auch nicht. Dann stand er auf und stapfte in die Kabine, auf die Medaille für den zweiten Platz, für den Verlierer, hatte er keine Lust. Fair ist das nicht, anständig nicht und respektvoll schon gar nicht, schließlich kann es keinen Sieger ohne Verlierer geben, aber auch eine Maschine hat Gefühle. Romelu Menama Lukaku Bolingoli hat sie nicht verbergen können, warum auch?

Natürlich war es der Abend des Luuk de Jong, der zwei entscheidende Tore erzielte, war der Abend der Lucas Ocampos und Jesus Navas, die unermüdlich wahnsinnig gefährliche Flanken in den Strafraum von Inter Mailand schlugen, war es der Abend des Diego Carlos, eines Verteidigers aus Brasilien, der durch einen verunglückten Fallrückzieher dieses Europa League-Finale glücklich entschied, war es der Abend des immer so traurig dreinblickenden Trainers Julen Lopetegui, der ein paar Tage vor dem Beginn der WM 2018 in Russland seinen Job als Nationaltrainer Spaniens verlor, weil er Real Madrid seine Zusage gegeben hat und dort nach ein paar Monaten gehen musste – es war der Abend des FC Sevilla, jener Mannschaft, die ein Abonnement auf den Gewinn dieses Wettbewerbs zu haben scheint. Zum sechsten Mal schon gewannen sie diese Trophäe, dieses Mal mit 3:2 (2:2) gegen Inter Mailand, einen Wettbewerb, den sie lieben und hassen, weil sie im Grunde zu stark für die Europa League und zu schwach für die Champions League sind, wo sie in der neuen Saison mal wieder mittun dürfen. Ein warmer Geldregen war der Auftritt allemal wert: 27 Millionen Euro machten die Spanier gut. Wie auch immer: Die Andalusier waren da, als es darauf ankam, wie eigentlich immer, wenn es um diesen Pokal geht. Luuk de Jong hat das irgendwie vorher geahnt: Am Morgen vor dem Spiel im Kölner Stadion habe die ganze Mannschaft „das Gefühl gehabt, das ist heute unser Tag.“ Wurde es ja dann auch.

Vor allem wurde es ein richtig gutes Finale, insbesondere in den ersten 45 Minuten boten beide Teams Hochgeschwindigkeitsfußball vom Feinsten, technisch und taktisch auf höchstem Niveau, hin und her wogte die Partie zweier Mannschaften auf Augenhöhe, die sich nichts schenkten (und manchmal die Theatralik übertrieben).

Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie, dass dieses hochklassige Endspiel von einem fast dilettantischen, unkontrollierten Tritt gegen den Ball entschieden wurde. Diese lächerliche Volte hatte dieses Finale nicht verdient, hatte auch Inter nicht verdient, ein Sonntagsschuss in den Winkel hätte man akzeptieren können, wenn auch schwer. Aber ein halbes Eigentor? (Dass die Uefa in der Nacht offiziell als ganzes Eigentor wertete). Solche absurde Geschichten schreibt halt nur der Fußball, schreiben Fußballreporter in solchen Fällen gerne.

Romelu Lukaku können solche Geschichten gestohlen bleiben, aber ganz sicher wird er stattdessen die Szene knapp zehn Minuten zuvor in Erinnerung haben. Da hätte nämlich der 84-fache belgische Nationalstürmer zum Helden des Finales werden können. Es war ja alles bereitet: Er war es, der nach vier Minuten die Mailänder Führung besorgte, es war sein 34. Pflichtspieltor im 51. Spiel, er hat damit den Vereinsrekord des Brasilianers Ronaldo aus dem Jahr 1997/98 eingestellt, zudem hatte der 68-Millionen-Mann in jedem der letzten sechs Europapokal-Spiele mindestens einmal getroffen. Dieses 1:0 hatte der Stürmer zudem typisch vorbereitet: Brachial setzte er seinen bulligen 91 Kilogramm schweren Körper ein, gewann ein Laufduell gegen Diego Carlos, da funktionierte die Maschine noch einwandfrei, wie ein Zug auf Gleisen raste er davon, Diego Carlos war chancenlos, er foulte Lukaku, Elfmeter, 1:0. 60 Minuten später lief die Maschine erneut allein auf den guten spanischen Torhüter Yassine Bono zu, die 3:2-Führung Inters schien eingetütet, doch der 28-Jährige schoss den Torwart an. Wäre dieser Ball im Tor gelandet, Inter hätte wohl gewonnen. Und als ob dieses Missgeschick nicht reichte, lenkte der mächtige Belgier mit Wurzeln in der Demokratischen Republik Kongo einen Fallrückzieher seines Gegenspielers Diego Carlos ins eigene Netz (74.). Ohne sein Zutun wäre der Ball im Aus gelandet. So schnell avanciert man vom strahlenden Helden zum Ritter der traurigen Gestalt.

Da ist es passiert: Romelu Lukaku (links) fälscht den Ball zum 2:3 ins eigene Tor ab.

Luuk de Jong kennt das Gefühl, nur andersherum. Der Niederländer, seit vergangenen Sommer in Andalusien, war zuletzt nicht das, was man einen verlässlichen Knipser nennt, in 35 Ligaspielen waren dem Mittelstürmer, ganze sechs Tore gelungen, in der Europa League kam der sensible Schlaks in den K.o.-Spielen gegen Rom genau eine Minute, gegen Wolverhampton fünf Minuten zum Einsatz. Seine Leistungen waren eher unbeständig. Immerhin durfte er im Halbfinale gegen Manchester United eine gute halbe Stunde spielen, die nutzte er mit seinem einzigen Torschuss zum 2:1-Siegtreffer,

Im Finale war er von Anfang an dabei, er markierte mit einem wuchtigen Flugkopfball den 1:1 -Ausgleich und erzielte das 2:1, mit einem fast schmetterlingshaft-zärtlichen Kopfballlupfer ins Eck. Es ist übrigens derselbe Luuk de Jong, der 2012 als 21-Jähriger bei Borussia Mönchengladbach überhaupt nicht ins Rollen kam. Seinerzeit überwiesen die Gladbacher zwölf Millionen Euro an den PSV Eindhoven, de Jong kam in zwei Jahren auf 36 Bundesligaeinsätze und erzielte sechs Tore. Bald flüchtete er zurück zum PSV .

Und stach nun mit viel Gefühl die schiere Wucht aus.

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