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Da schien die Welt noch in Ordnung: OFC-Geschäftsführer Thomas Sobotzik im Trainingslager im türkischen Side, das war Ende Januar. Jetzt gibt es ganz andere Probleme.

Fußball-Regionalliga

Die Schmerzen der Kleinen

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Der Coronavirus zerreißt die Fußball-Regionalligen.

Das Coronavirus hat den Spielbetrieb gestoppt. Was sind die Folgen für Spielklassen unterhalb der Bundesligen? Der Deutsche Fußball-Bund hat inzwischen reagiert und seinen angeschlossenen 21 Landesverbänden die Erlaubnis erteilt, die Saison über den 30. Juni hinaus zu verlängern und die nächste Spielzeit später zu beginnen.

Die Reaktionen darauf sind vollkommen unterschiedlich. Diese Entscheidung, den Spiel- und Trainingsbetriebes von den Regionalligen abwärts „bis auf Weiteres“ auszusetzen, sorgt bei Thomas Sobotzik für Unverständnis. „Eine erneute Verschiebung sorgt bei den meisten Klubs für eine Verschärfung der Situation“, sagt der Geschäftsführer des Regionalligisten Kickers Offenbach. Daher macht sich der OFC mit Rot-Weiss Essen und einigen anderen Profiklubs aus der Regionalliga für die „ohnehin längst überfällige Strukturreform der Dritten Liga und Regionalliga“ stark. Andernfalls sei ein regelrechtes „Massensterben der Regionalligisten zu befürchten“, fürchtet Sobotzik. Die Neugliederung könnte nach einem Vorschlag von Sobotziks Essener Kollegen Markus Uhlig so aussehen: eine Dritte Liga mit 24 Teams – oder sogar eine zweigleisige Dritte Liga (Süd und Nord)

Sobotzik zufolge herrschen „völlig ungleiche Voraussetzungen“ innerhalb der vierthöchsten Spielklasse. Auf der einen Seite stehen die ambitionierten Traditionsklubs, die nach Höherem streben. Auf der anderen, größeren Seite befinden sich Klubs mit amateurhaften Strukturen, die in der Regionalliga bereits das Maximum sehen und weitestgehend keine Probleme damit hätten, wenn die unterbrochene Saison vorzeitig beendet werden würde. „Ich habe absolutes Verständnis für die Probleme der kleinen Vereine und deren Argumentation“, sagt Sobotzik. „Ich habe aber nicht das Gefühl, dass die kleinen Vereine unsere Probleme verstehen.“

Kritisch hatte sich etwa Andreas Trageser, Vereinschef des Ligakonkurrenten FC Bayern Alzenau, geäußert. „Dass Vereine wie die Kickers, Saarbrücken oder der FC Homburg Geisterspiele okay fänden, ist mir klar. Ich weiß aber auch, dass dies etliche nicht gutheißen.“ Denn: „Dann müssten wir sofort wieder die Gehälter der Spieler zahlen, es fielen Prämien und Fahrtkosten an. Dazu müssten wir auch bei Spielen ohne Zuschauer Reise- und Schiedsrichterkosten oder die Stadionmiete zahlen. Jedes Heimspiel würde ein kräftiges Minus bedeuten.“ Wenn einige Klubs wie die Offenbacher Kickers „sich von ihrem Selbstverständnis her eher in der zweiten Liga sehen, ist das hier fehl am Platz. Da wurden Fehler gemacht und deshalb sind sie jetzt in der vierten Liga.“

Trageser hat außerdem einen Vorschlag parat, der in Fußball-Deutschland eine Revolution bedeuten würde: „Jetzt haben wir die Chance, einiges zu verändern.“ Trageser schlägt vor, dauerhaft den Spielplan bei Amateuren wie Profis an den Jahreskalender anzupassen. Es ist ein Thema, das dem früheren Spieler der Offenbacher Kickers seit längerem unter den Nägeln brennt. Nun lautet seine Empfehlung nach der Coronakrise: „Man fängt im Juli, August wieder an und beendet die Runden im November.“ Sportlich wäre dann alles geregelt. Im März könnte dann die neue Saison starten. „Darauf warten die Amateurvereine schon lange, damit wir die besten Monate für den Fußball ausnutzen. Alle gehen doch lieber im Sommer zum Fußball als im Dezember oder Februar, wenn es kalt und nass ist und die Plätze in einem schlechten Zustand sind. Wenn man diese Krise nutzen will, stellt man jetzt auf den Jahreskalender um und hilft allen Vereinen von der C-Klasse bis zur Bundesliga.“ Und was passiert in den Sommerferien? „Nun, dann fehlen halt mal zwei, drei Jungs oder Mädels oder man macht eben in den Sommerferien für die sechs Wochen Pause.“

Aktuell kann sein Klub die Krise gut überstehen: Der Verein, der mit einem Gesamtbudget von 450 000 Euro arbeitet (zwei Drittel für die erste Mannschaft), hat gut gewirtschaftet und einige Rücklagen gebildet. Der Vorstand fürchtet zudem falsche Signale, die vom Fußball ausgehen würden, wenn dieser vorprescht: „Wenn Firmen und Läden und Kneipen geschlossen werden, können wir nicht Fußballspiele veranstalten, wo die nächsten Übertragungsherde zustande kommen. Ein solch wichtiger Wirtschaftsfaktor sind wir nicht.“

Am Stadtrand von Offenbach organisiert Patrick Ihlefeld, Chef der Fußballabteilung des Gruppenligisten SG Rosenhöhe, den ausgesetzten Spielbetrieb mit ruhiger Hand. Die Nachricht des DFB, dass die Saison über den 30. Juni hinaus verlängert werden kann, hat er positiv aufgenommen. Ihlefeld schlägt vor, „erst dann abzubrechen, wenn uns gar nichts anderes mehr einfällt“. Aktuell sei dem Klub finanziell noch kein Schaden entstanden, „weil wir keine Spieler im Kader haben, die eine monatliche Aufwandsentschädigung bekommen“. Das regeln sie auf der Offenbacher Rosenhöhe über Prämien für die Trainingsbeteiligung und Erfolge in den Punktspielen, die seit dem Wochenende 7./8. März ausgesetzt sind. Den Trainern der 16 Mannschaften, die der ambitionierte Verein betreibt, wurde im März die verabredete Übungsleiterpauschale komplett überwiesen, für den Monat April wird die Zahlung ausgesetzt.

Einen Saisonabbruch hält Ihlefeld auch deshalb für nicht geboten, weil es dadurch „massiv Verlierer geben“ würde, ganz egal, ob die ganz Saison storniert oder der derzeitige Tabellenstand für die Auf- und Abstiegsregelung hinzugezogen würde. Gerecht wäre jedenfalls keine denkbare Regelung. Ihlefeld sieht keine sonderlichen Schwierigkeiten darin, zur Not „halt bis in den Oktober hinein Englische Wochen zu absolvieren“. Für die Spieler sei das „kein Problem, die spielen ohnehin lieber als zu trainieren“.

Für dringend geboten hält der Abteilungsvorstand für den schlimmsten Fall des Saisonabbruchs eine faire Regelung für Ausbildungs- und Ablöseentschädigungen. Denn aktuell sei es aufgrund der Statuten so geregelt, dass Spieler, die ein halbes Jahr kein Pflichtspiel absolviert haben, ablösefrei wechseln können. Zurückgerechnet auf den 8. März hieße das, dass ein aufnehmender Verein den Neuzugang bereits ab 9. September ablösefrei einsetzen könnte. „Das“, so Ihlefeld, „darf nicht passieren, darunter würden wir extrem leiden“. Denn aufgrund ihrer traditionell guten Talentförderung rechnet der Klub, der in diesem Jahr sein 125. Jubiläum feiern will, in manchen Jahren mit 30 000 bis 40 000 Euro an Einnahmen allein durch Ausbildungsentschädigungen. Der DFB und der Hessische Fußball-Verband, dessen Vorstand am Samstag per Videokonferenz zur Krise tagte, haben das Thema erkannt. „Hier werden wir entsprechende Anpassungen in unseren Regularien aufnehmen“, sagte HFV-Vizepräsident Torsten Becker nach der Sitzung. „Wir arbeiten mit Hochdruck an einer hessenweiten Lösung.“

Die hält Stefan Uhl, der Vorsitzende der Spvgg. 05 Oberrad, auch für dringend erforderlich. „Da muss eine kluge Regelung gefunden werden“, sagt der 50-Jährige, denn falls dies nicht gelingen sollte, „dann profitieren vor allem die größeren Vereine.“ Die könnten den kleineren dann verhältnismäßig einfach die guten Spieler abluchsen. Auch der Frankfurter Stadtteilklub sieht sich nämlich selbst als „Ausbildungsverein“, für den es im Vorzeigeteam, der ersten Mannschaft, derzeit prächtig läuft. Erster sind die Oberräder in der Gruppenliga Frankfurt West, mit acht Punkten Vorsprung. Der Aufstieg in die Sechstklassigkeit wäre also wahrscheinlich. Doch was passiert, wenn die Saison nicht mehr beendet werden könnte? Natürlich kennt auch Uhl darauf keine Antwort, er hofft aber auf eine „einheitliche Regelung, damit nicht jeder Kreis sein eigenes Ding macht“.

Uhl steht den Nullfünfern seit fünf Jahren vor, seit 1978 ist er Mitglied. Neben den finanziellen Belastungen der Corona-Krise, die für die Oberräder zurzeit noch aushaltbar sind, beschäftigt ihn vor allem die sportliche Komponente. „Es ist einfach schade, dass wir nicht das tun können, wofür es den Verein gibt, wofür er existiert.“ Rund 500 Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind unter dem Dach der Spielvereinigung vereint, die alle ihrer Leidenschaft nicht nachgehen können. Anfangs hätten deshalb noch einige Fußballbegeisterte heimlich Zugang zur am Waldrand gelegenen Sportanlage gesucht, auch Nicht-Vereinsmitglieder wohlgemerkt. „Das einzudämmen, hat uns viel Mühe gekostet“, sagt Uhl.

Ein deutliches Statement in den Sozialen Netzwerken sowie tägliche Kontrollgänge des Platzwartes haben mittlerweile Abhilfe geschafft. Stattdessen versuchen die jeweiligen Trainer via digitale Medien Kontakt zu ihren Schützlingen zu halten – mit Online-Trainingsvideos für daheim zum Beispiel. „Aber wir haben schon eine kleine Angst, dass wir ein paar Begeisterte in der Corona-Pause verlieren könnten.“

Der Hessische Fußballverband hat reagiert und verspricht finanzielle Erleichterungen für seine Klubs. Strafen für Vereine, die ihr Schiedsrichterpflichtsoll nicht erreicht haben, werden ausgesetzt. Aktuell wären insgesamt 154 705 Euro Strafgeld fällig gewesen. Auch die Gebühren der Pflichtabonnements des Verbandsmagazins „Hessen-Fußball“ entfallen. Dem Verband gehen so nochmal rund 100 000 Euro verloren. Zudem sind die finanziellen Einbußen durch die Schließung der Sportschule und Sporthotels Grünberg sowie die gerade ausbleibende sechsstellige Abgabe aus den Zuschauereinnahmen der hessischen Bundesligisten überaus schmerzhaft.

DFB-Vizepräsident Rainer Koch forderte in der ARD-Sportschau deshalb Unterstützung der Politik: „Hier müssen die Länder, hier müssen die Kommunen unterstützend eingreifen. Allein werden es viele gemeinnützige Vereine nicht schaffen zu überleben. Der DFB könne diese Hilfe nicht leisten, so Koch: „25 000 Fußballvereine in Deutschland: Wenn unser Schatzmeister nur jedem dieser Vereine 2000 Euro zukommen lassen würde, wären das 50 Millionen. Das wäre für den DFB auch nicht ansatzweise verkraftbar.“

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