Florian Kohfeldt spricht von Abstiegskampf.
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Florian Kohfeldt spricht von Abstiegskampf.

Kommentar

Werder Bremen: Schlicht überschätzt

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Bei Werder Bremen haben sie allzu lang von höheren Zielen geträumt und dabei übersehen, dass diese in die Jahre gekommene Mannschaft dazu nicht taugt. Der Kommentar.

Nun kann auch Florian Kohfeldt nicht mehr anders. Wortreich hatte sich der Cheftrainer des SV Werder wie ein störrischer Aal in der Weser wochenlang darum gewunden, vom Abstiegskampf zu sprechen. Nach einer 1:6-Abreibung beim FC Bayern, dem Sturz auf Platz 15 und einer erneut nicht erstligareifen Abwehrhaltung, muss auch der 37-Jährige umschwenken: Es kann in dieser „Scheiß-Saison“, so der verärgerte Fußballlehrer im O-Ton, nur noch darum gehen, die Klasse zu halten. Bremen droht nach Hamburg und Hannover, zweitklassig zu werden – die Gefahr hat Geschäftsführer Frank Baumann lange nicht wahrhaben wollen. Nun schippern die Hanseaten wie ein leckgeschlagenes Schiff mit einer verunsicherten Mannschaft über schwere See.

Sicher ist es nicht, dass Werder nach den Sechs-Punkte-Spielen gegen den FSV Mainz 05 (Dienstag) und beim 1. FC Köln (Samstag) noch kurz vor Weihnachten einen sicheren Hafen findet, auch wenn beide Gegner eher die eigene Kragenweite verkörpern als das Münchner Ensemble. Die Rheinhessen haben genau wie die Rheinländer bereits in akuter Seenot den Trainer getauscht (in Köln spülte es gleich noch den Sportdirektor über Bord), aber es soll ja zu den bremischen Vorzügen gehören, bei solchen Fragen etwas weniger hektisch als branchenüblich zu agieren.

Baumann trennte sich sowohl von Viktor Skripnik und Alexander Nouri – wie Kohfeldt von der eigenen U23 befördert – erst, als es wirklich nicht mehr weiterging. Der in der Bremer Vorstadt Delmenhorst sozialisierte Fußballlehrer Kohfeldt hat sich den Kredit redlich erarbeitet, weil er empathischer und eloquenter, offener und intelligenter als seine Vorgänger ist. Auch die Auszeichnung zum Trainer des Jahres 2018 kam nicht zufällig zustande: In seiner ersten Saison formte der Überzeugungstäter bereits ein solides Mittelklasseteam, im zweiten Jahr kratzte seine Mannschaft zart an den Europapokalplätzen.

Dann kam der Sommer, in dem schon Max Kruse abgewandert und Michael Gregoritsch als Kruse-Nachfolger wegen der hohen Ablöseforderungen aus Augsburg nicht zu bezahlen war. Selbst eine unheimliche Verletztenmisere führte nicht zur Einsicht, dass der achte Platz und der Einzug ins DFB-Pokalhalbfinale nicht auf Knopfdruck wiederholbar sein würde. Baumann lieh am Ende der Transferperiode noch hektisch mit Leo Bittencourt, Ömer Toprak und Michael Lang Spieler aus, die nur bedingt (Bittencourt) oder gar nicht (Toprak, Lang) weiterhelfen. Bezeichnend für die personelle Malaise, dass der 30 Jahre alte U23-Kapitän Michael Groß immer noch die Abwehr stützen muss.

Auch der Coach wäre gut beraten, Fehler bei sich selbst zu suchen. Nach der Heimpleite gegen den FC Schalke 04 (0:2) hatte Kohfeldt den fehlenden Mut seiner von ihm selbst überschätzten Spieler angeprangert, aber selbst mit der Installation der nur selten funktionierenden Fünferkette ein Zeichen der Angst ausgesandt. Das größte Problem scheint die Kaderstruktur: Wenn die wenigen entwicklungsfähigen Spieler wie Maximilian oder Johannes Eggestein stagnieren, bleiben nicht mehr viele, denen noch Leistungssprünge zugetraut werden.

Würde nicht Milot Rashica so viel Tempo und so viele Tore beisteuern, wäre es am Osterdeich fast schon zappenduster. Das Gros der Stammelf ist in die Jahre gekommen, so dass Werder die wenigsten Sprints der Liga hinlegt, wo doch Geschwindigkeit mit das kostbarste Gut darstellt. Vieles deutet deshalb darauf hin, dass sich dieser Dauerbrenner der Liga allenfalls noch in Schleichfahrt aus dem Tabellenkeller bewegt.

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