Ein letztes Aufrappeln wird erwartet: Bremens Verteidiger Milos Veljkovic. dpa
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Ein letztes Aufrappeln wird erwartet: Bremens Verteidiger Milos Veljkovic. 

Werder Bremen

Das schlechte Omen für Werder Bremen

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Wie schon beim einzigen Abstieg 1980 entscheidet ein Heimspiel gegen den 1. FC Köln über den Liga-Verbleib des SV Werder Bremen. Die Vorbereitungen für die Zeit nach einem möglichen Abstieg laufen.

Der bitterste Tag in den Annalen des SV Werder, so steht es in jeder Chronik, ereignete sich am 24. Mai 1980. Letztes Bundesliga-Heimspiel gegen den 1. FC Köln. Mit Zeitungsanzeigen hatte der Verein versucht, Zuschauer ins Weserstadion zu locken. Letztlich 17 000 kamen, die am 34. Spieltag eine 0:5-Heimniederlage erlebten. Die letzte rechnerische Chance auf den Klassenerhalt war verspielt. Es gibt ein altes Schwarz-Weiß-Foto mit dem rufenden Rudi Assauer – der damalige Manager hatte sich selbst auf die Trainerbank gesetzt und doch nicht verhindern können, dass die Bremer als Vorletzter abstiegen. Übrigens mit umgerechnet immerhin 36 Punkten. Vier Jahrzehnte später sieht die Bremer Bilanz noch schlimmer aus. Wieder steht Werder auf Abstiegsplatz 17, erneut kommen die Kölner. Die Bremer haben im Weserstadion erst sechs Punkte geholt und ganz neun Törchen erzielt. Sollte Düsseldorf im Fernduell nur unentschieden spielen, müsste Werder mit vier Toren Differenz gewinnen. Wenig realistisch. So reiht sich der 27. Juni 2020 vielleicht als neuer Tiefpunkt in die Vereinsgeschichte ein.

Dass gerade eine ganze Stadt noch an den Klassenerhalt glaubt, ist nicht zu behaupten. Vielmehr schickt man sich in den sozialen Medien bereits allerlei Unfug zu. Ein Werder-Fan, der beim Nachbar klopft, der im HSV-Trikot die Tür öffnet. Bremer Stadtmusikanten, von denen der Hahn gesprungen ist, weil er beim Abstieg das Angebot von einem Geflügelzüchter, dem Werder-Sponsor, annehmen möchte. Willi Lemke kann sich mit Galgenhumor noch nicht trösten. „Ganz viele“, sagt der Ex-Manager, wären „ganz traurig, Bremen ist nicht durch seine Stadtmusikanten international bekannt, sondern durch Werder.“

Viele Wohnstuben und Kneipen könnten zu Schauplätzen werden, bei denen im Abstiegsfall mehr Tränen als im leeren Stadion am Flussufer fließen. Gerade das Hamburger Beispiel macht ja deutlich, dass die zweite Liga kein Erholungsbecken ist, an das sich gestandene Erstligisten legen, um entspannt in die Bundesliga zurückzukehren. Das Gegenteil ist der Fall. Deshalb hat Lemke bereits Erklärungen eingefordert, „wie dieser wunderbare, stolze Verein so abfallen kann“. Der Aufarbeitungsdrang in den Gremien, im Aufsichtsrat mit dem Vorsitzenden Marco Bode und in der Geschäftsführung mit dem Chef Klaus Filbry ist größer als viele denken.

Die Führungskräfte würden sich der Verantwortung stellen, ohne eigene Versäumnisse unter den grün-weißen Teppich zu kehren. Dass vor allem bei der Personalplanung viel schiefgelaufen ist, dass Verpflichtungen gestandener Profis wie Nuri Sahin wenig bewirkt haben; dass die Leihgeschäfte Ömer Toprak, Michael Lang, Davie Selke gar keine, von Leonardo Bittencourt und Kevin Vogt nur bedingt eine Hilfe waren, ist für jeden Beobachter offensichtlich. Das Gute für den Klub: Sämtliche Kaufoptionen, die wegen der Mindereinnahmen beim Ticketing und Sponsoring durch die Corona-Krise ohnehin überhöht gewesen wären, greifen nicht für die zweite Liga. Der derzeit angeschlagene Dribbler Milot Rashica, der zuletzt wieder stabile Torhüter Jiri Pavlenka wären die ersten Spieler, die eine gewissen, wenn auch geringeren Transfererlös als vor der Pandemie versprächen.

Dann aber, so ist zu hören, hat die Bremer Vereinsführung die Hand am Steuer. Offenbar in weiser Voraussicht sind in fast allen Arbeitsverträgen Klauseln eingebaut, die im Abstiegsfall Abschläge von 30 bis zu 50 Prozent vorsehen. Kaum ein Kicker kann sich also einfach so davonstehlen. Und Werder hat die Chance, auf die ohnehin nötige Anpassung der Gehaltsstrukturen sogar eher zu reagieren als andere Konkurrenten. Auch wenn der Umsatz um mindestens ein Drittel einbricht, die Fernsehgelder sich von 60 auf 30 Millionen Euro halbieren würden und der Lizenzspieleretat unter 30 Millionen sacken könnte, gilt das Versprechen: Bei Werder gehen nicht die Lichter aus.

Dass auf den Abstieg eine Phase von Trauer und Wut folgt, in der gerne gefordert wird, dass Köpfe rollen müssen, darauf ist der Verein vorbereitet. Ungewiss, ob Trainer Florian Kohfeldt von sich aus die Bereitschaft mitbringt, seinen bis 2023 laufenden Vertrag auch im Unterhaus zu erfüllen. Spannend, ob dem für Sport verantwortlichen Geschäftsführer Frank Baumann zugetraut wird, eine clevere Kaderplanung wie zu Beginn seiner Amtszeit zu betreiben. 1980 war alles einfacher: Da blieb sogar Nationaltorwart Dieter Burdenski, um nach dem sofortigen Wiederaufstieg eine Ära unter Otto Rehhagel zu begründen, die so viele Höhepunkte bot, dass der Tiefpunkt schnell vergessen war.

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